11.

So saß das junge Weib im Buch des Lebens ganz verloren,

Ihr Geist schwang gläubig sich empor zu hellen Himmelstoren,

Geschreckter Taube gleich, die zitternd mit dem Flügelpaar

Fern von der Erde sucht ihr Nest im Ätherklar.

Und weil dort oben über Erdenpracht und Außenscheine

Der Demut weiße Schwingen glänzen in weit hell’rer Reine30,

Die Saite bebt, die an den Himmel hält das Herz gebunden:

So fiel es auch wie Tropfen süßen Taus in ihre Wunden.

Und als mit jener Rührung sie das Aug nach oben kehrt

Wo alles Fühlens Kraft in einer Miene sich verklärt,

Wo Zukunft zur Vergangenheit auf hellem Strahl sich schwingt

Und wie mit Schwesterherzen sie in einem Blick umschlingt:

Da erst erkannte sie, wie wohl es tut dem edlen Herzen,

Das ob verlor’nen Glücks im Irrsal wandelt seiner Schmerzen

Und längst gestorben ist für Erdenfurcht und Erdenlust,

Wenn Sehnsucht hin zu seinem ew’gen Ursprung schwellt die Brust!

Wie süß es ist, dem Wirrwarr dieser Welt sich zu entwinden

Und dann auf immer in des Todes Armen zu verschwinden!

Und wer alsdann gescheit hätt ihr Antlitz strahlenreich

Und auch den seelenreinen Kronschwertträger kummerbleich —

Die sparrig äst’gen Linden und die Trachten so uralt,

Den Schnitt so reizend schön, wie gern die Phantasie ihn malt;

Und wer da noch gesehen hätt wie Glanz und Düfte ringen

Um ihre Schläfe, ach! behend den Märtyrkranz zu schlingen:

Der hätte sich vielleicht versetzt ins grau’ste Altertum,

In Gegenden voll Glanz, in ferne Länder voll von Ruhm,

Der säß wohl an des Jordans Ufern unter Palmenhainen,

Mit dem Geschlechte Israels zu sinnen und zu weinen,

Und hätt im heil’gen Schauer mitempfund’nen Wehs erkannt

Dieselbe ewige und unbegreiflich hohe Hand,

Die Hand, die Huld und Strafe, wie den Gram, den immergleichen,

Herniederschickt und wendet dem, der trägt des Kain Zeichen,

Dem Menschen, der im Glücke selbst zum Glück noch Etwas braucht

Und dem’s erst wohl — wenn er den letzten Seufzer aufwärts haucht.