12.

«Zu lange, Vater! hat in lieblicher Gedanken Kreisen

Mein Geist sich heut verirrt; doch von des Grames dunklen Gleisen

Seh ich noch immer, immer deine trübe Stirn durchzogen,

Und wenn dir — kaum die Freude winkt, sofort ist sie entflogen,

Dem Strahl aus Wolken gleich, der niederglänzt auf Bergeshöhen,

Und den die Wolke wieder birgt, wenn Stürme jagend wehen.

Warum, ach! will nicht ruhen mehr dein Haupt mit weißen Locken

Hier auf dem Schoß? O fürchte nichts! Des Kummers Bett ist trocken;

Nicht mehr wie sonst erwachst du jetzt von Tochtertränen naß,

Wenn ich, den Schlafenden im Arm, zu Dir gebeuget saß.

O grauses Spiel des Unglücks! Ein so ganz vergilbtes Reis

Gab seinem alten Eichenstamm mit krankem Safte Speis31,

Und das Gefühl hat, unter langem Drucke eingeschlossen,

Durchbrechend der Erwägung Damm in Strömen sich ergossen.

Wie schmerzlich ist es, ach! zurück zu schau’n, und doch zurück

Nicht können, wo Verzweiflung lauernd sitzt mit hohlem Blick!

Wie grausam, ach! dem Zwang gehorchend, mit denselben Händen

Die gern Arznei darreichen wollten, tötlich Gift zu spenden!

O Vater! du mein teurer Vater! soll die Tochter dein

Dir nie, nicht einen Augenblick mehr Trost und Labsal sein?

Ihr Los war bitter; doch das alles ist schon längst verflossen. —

O, sieh, welch süßes Licht hat jetzt sich über mich ergossen!

Viel heit’rer eilt, als sonst, das Lächeln über meine Wangen

Und deins zu wecken, wie dereinst im Glück, ist sein Verlangen.

Wie oft entsinn ich mich doch jener schönen Jugendzeit,

Der flücht’gen, und des Väterchens, wie es voll Düsterkeit

Zuweilen nach der schweren Arbeit auszuruhen pflegte

Und wie dann flugs im kleinen Mädchen sich die Freude regte,

Die nun auch ihm ins Herze drang so unvermerkt, allmählich,

Bis endlich er, von ihr verklärt, anhob zu lächeln selig.

O sag mir doch, wo diese Macht des kleinen Mädchens blieb?

Sie führt die Wolken jetzt herbei, die früher sie vertrieb!

Wohin entfloß der muntre, reine Bach voll Flüchtigkeit?

Im See verlor er sich wohl zürnend seiner Nichtigkeit.

Und wo flog unser Vöglein hin? Es wollte sein Gefieder

In Feuersglut vergolden wohl, und nimmer kehrt es wieder.

So lange Der, der ewig meinem Herzen eigen war,

Noch eh ich ihn den Meinen nannte vor dem Traualtar;

So lange Der, mit welchem im Gefühl mich zu verweben,

Zu schwärmen im Gedankenflug, in Seufzern zu entschweben,

In dessen Blick zu fühlen mich als Licht und Lebensgrund,

Weit mehr als Glück mir galt, da mir der Himmel offen stund;

Der, welcher meines rührend schönen Traumes Knosp erschloß

Mit seiner Anmut und den Schlaf verscheucht’ aus ihrem Schoß,

Von ihrem frischen Taue trank und auf der Blätter Kleid

Des Dankes Träne legt, die unberührt bleibt von der Zeit;

So lange er, der mein Geliebter, meiner Seele Welt,

Des Bundes Kette, die uns knüpft, verächtlich nicht zerschellt,

Der Tugend, der Erinnerung, der Lieb die Treue hält,

Treu auf den Trümmern noch, wenn der Pallast des Glücks zerfällt: —

So lang wird auch für mich des Lebens Pforte sich nicht schließen,

So lang wird sein Gedanke noch zu mir herüberfließen

— Ob er selbst fern — geheim in meines Herzens starre Falten

Und es wie Wunderbalsam dem Verderben vorenthalten.

Auch dieses grause Opfer, auch der Trennung herbe Leiden

Ich werd sie tragen mit Geduld, bis unsre Schatten scheiden

In lieblich reine Lande dort, wo ewig sie verbunden

Zwar Menschen nicht erschaun, doch an des Himmels Gnad gefunden.»

Sie sprachs, und wie im See die helle Flut32 nach oben dringt,

Wenn plötzlich aufgewühlter trüber Satz zu Boden sinkt:

Entstiegen ihrem Herzen die Gefühle tränenreich

Und warfen grünlich dunkle Schatten auf ihr Wangenbleich. —

«Beim bärt’gen Türken lieber ich die Ketten schleppen wollte,

Als daß so jammervoll die Tochter hin mir welken sollte!

Im finstern Turm harrt lieber ich gewisser Todesstunde,

Als daß ich müßig zusäh diesem trauervollen Bunde!

Wie? oder fehlts in unserm Polenland an Rittern ganz

Die vor den Jungfraun leuchteten in frischem Jugendglanz

Und die im Leben einmal, wies sonst Sitte war zu minnen,

Ihr Knie nur beugten, um den Kranz als Mitgift zu gewinnen?

Mußt seufzen nicht, Marie! da ich den Mann dir nicht verletze,

Der tapfer ist und tugendhaft, du weißt wie ich ihn schätze.

Doch seines Vaters Hochmut treibt mit meiner Langmut Scherz; —

Und will er an Mariens Tränen laben nur sein Herz —

Ha! dann birgt auch mein Schwert nicht fruchtlos mehr den Glanz im Dunkeln

Und mit dem Heil’genbilde33 solls ihm vor den Augen funkeln!

Denn das ist ja ein Vorrecht alt, das unser Adel übt,

Dem Pallasch Funken zu entlocken, wenn sich Freundschaft trübt.

Freundschaft? — Feind aus dem Reichstag sind sich unsere Partei’n

Und selbst im Waffenstillstand schrein wir unser Veto drein!

Und wenn mich damals mit dem Hetman der Vertrag nicht band,

Dem Schweden auf das Fell zu gehn beim Angriff auf das Land;

Wenn deine Mutter nicht — o Herr, schenk ihr des Himmels Gut!

In ihre Schleier barg der jungen Herzen Liebesglut,

Nach Frauenart gelockt von Heimlichkeit und Flittertand

Samt dem Matronenschwarm geschlossen hätte dieses Band:

Nie konnts dem Feind in meinen Marken sich zu bergen glücken,

Auch hätt ich nie, ja nie gewähren lassen seine Tücken.

Denn sag, wie traf ichs an? Vom Tod gemäht war meine Frau,

Die Tochter — meinen einz’gen Sproß — netzt mir der Tränen Tau.

Dem alten Degen scheinen diese Wunder viel zu groß,

Solch schwere Schläge zu ertragen, ein so schimpflich Los.

Hat er denn nur ein einzig Mal mein Kind ans Herz gedrückt?

Hat Jugend, Anmut einmal wohl mit Rührung ihn entzückt? —

Verächtlich, nein jagt’ er dich fort von Haus und Ehgemach;

Vom Namen selbst, und sucht in Rom des Bundes Lösung nach.

O immer besser wirds, auch mich entbindets aller Pflicht,

Die muntre Jugend stürmt hinaus zu folgen säum ich nicht.

Ob schwächer auch an Zahl — wir rufen Gott an um Gelingen,

Und hat der Streit ein Ende, werden hell die Glocken klingen.» —

Die matte Stirne trocknend drückt die Mütze tiefer er.

Es sinkt die Hand, es sinkt das Haupt, von Nachtgedanken schwer.