15.

Doch endlich prallt das Roß ans Tor, die Brust mit Schaum bedeckt,

Und wiehernd es nach Kühlung rechts und links die Nüstern reckt.

Doch niemand ist zu sehn, obgleich der Mond gar helle blinkt.

Kein Knappe hier behenden Fußes an die Zügel springt.

«Es muß sehr spät sein: mögen sie doch schlafen sorgenfrei!»

So dachte Waclaw, und er band sein Roß an nebenbei.

In jener Flut der Lust, wovon das Herz ist übervoll,

Wenn bald es, bald schon am geliebten Busen schlagen soll,

Mit jenem Glanz des Blicks, vor dem die Furcht verscheidet schier,

Mit einem Freudensprung stand Waclaw an des Hauses Tür.

Ach, welcher süßen Reize Vorgefühle ihm erwachen!

Ein Weilchen noch — und schöner, reicher wird das Glück ihm lachen,

Als Menschen, Engeln je es lacht. Er klopft ein, zwei, drei Mal —

Ein wachsam Echo fliegt zurück mit Antwort gleicher Zahl

Und schweigt. — Des Lebens oder einer Regung einz’ge Spur,

Harrt’ schlummernd stille hier es auf des Ritters Ankunft nur.

Nicht eil’ger Schritte, jäher Rede Lärm ist zu erlauern,

Kein Lichtschein in den dunklen, öden und verschloss’nen Mauern.

O wie so bleiern ist ihr Schlaf! Die Ungeduld rät an,

Daß durch die Tür mit einem Hieb der Säbel breche Bahn.

Doch solch gewaltsam heft’gen Rat mußt er verwerfen: nein,

Nie brächt er Unruh ihr, um zu verkürzen seine Pein!

Mocht lieber doch der Sturm in seiner Brust den Lauf vollbringen,

Wenn er nur nicht zu ihr mit seinem Angstruf konnte dringen,

Er klopfet nochmals, leiser: in des Herzens Himmel sprießt

Schon Engelsfühlen, da man trunken seiner selbst vergißt.

Und langsam vorwärts schreitend hält er manchmal plötzlich inne,

Und durch die Stille lauscht er mit des Ohres feinem Sinne.

Er blickt den Vollmond an, der auf des Rasens weichen Kissen

Sein eignes Bildnis ihm entwarf in ries’gen Schattenrissen.

Wie sanft und ruhig dieser doch die helle Bahn vollendet

Und, ach, wie er zu seiner Sonne hin die Augen wendet!

Der Ritter beugt das Haupt: ihm dünkt, als ob im fahlen Licht

Ein höhnisch Lächeln spielt um das verzerrte Angesicht.

So traurig sinnend oder alles Denkens bar, gefangen

Im Wirrwarr feindlicher Gefühle, wo der Schmerz, das Bangen,

Erinn’rung, Liebe, Glück, ja alles, alles scheint zu enden,

Irrt er ums Haus herum, das schweigend ruht in Schlafes Händen

Und stille, taub und tot den teuren Schatz im Schoße hält,

Gleich den verwünschten Schlössern in Arabiens Märchenwelt.

Doch horch, was ists? Verloren hatt er schon die Hoffnung, ach!

Da merkt er endlich, daß sich Etwas regt; im Schlafgemach

Sieht er das Fenster offen, und ein Vorhang, leicht gesenkt,

Der hier als Wächter gegen nächt’ge Schwärmer aufgehängt,

Mit flatterhafter Laune höhnt den Windeshauch, den scheu’n,

Wehrt ihm, und lockt ihn wieder doch in das Gemach hinein.

O welch ein Liebesfeuer durch des Ritters Adern fließt!

Wie aller Glanz des Glücks auf seine Wangen sich ergießt!

Wer ist, der solchem Sinnestaumel widerstehen wollt?

Er wär ein steinern Bild denn oder reinstes Tugendgold.

Waclaw war keins von beiden. Krieg und Kampf war seine Sache

Und Liebe, Treue, Dankbarkeit — schon ist er im Gemache!