16.
Da ruht in Trauerkleidung auf dem schwellend hohen Bette
Ein schlafend Weib, starr ausgestreckt aus ihrer Lagerstätte;
Doch wird sie nicht umkost von tiefen Schlafs Gemächlichkeit.
Als wär hier plötzlich abgeschnitten ein gewaltig Leid —
So war auf ihrem fahlen Antlitz noch ein Weh gebannt,
Obwohl der Körper ruhig, regungslos lag ausgespannt.
Nachlässig fiel zur Erd herab ihr langes Haargeflechte,
Nicht wie die Liebe schlafumstrickte Reize legt zurechte;
Und Trauer lag auf kraftlos aufgeduns’nem Wangenrund,
Als ob sie klagen wollt — nur daß geschlossen war der Mund
Von einer stärkern Macht. Des Mondes Strahl, beleuchtend kalt
Mit seinem blassen Schimmer diese düstere Gestalt,
Lieh einen Ausdruck wild dem halbgeschloss’nen Aug, als schaut’
Zu ihrem Liebsten buhlend auf hier eine Vampirbraut.
Das ist Maria jung und schön! Der Ritter steht daneben,
Bracht ihr der Erde Glück: was mag er nur so ängstlich beben?
Das ist Maria jung und schön! Wie ist der Reiz gewichen!
Hat denn ein Wurm sich schon in ihren Busen eingeschlichen?
Allein nicht lange steht in Staunen Waclaw hier gebannt,
Schon hat sein Geist sich von des Leibes Zittern rasch ermannt;
Er beugt sich über ihre Wang, daß Lipp an Lipp er schließe
Und seines Herzens süße Wollustfülle drauf ergieße.
«Marie, du Teure, bist so kalt und stumm! Nein, nicht dahin
Ist unsres Glückes schöner Traum» — das Echo spricht: «dahin» —.
«Marie! Geliebte! Aus dem Kampf bin ruhmvoll ich geschieden,
Der Vater, er hat uns vereint» — das Echo spricht: «geschieden».
Er küßt sie wieder, rüttelt sie, besorgt im Liebesrausch,
Daß sie sich tröste, wenn auch nur durch ihrer Seufzer Tausch.
Ihr Haupt fällt wie im Sturz auf seine Brust und ächzend hallt
Es ihm die Antwort zu, indem es an die Rüstung prallt.
Er schreit und eilet Hilfe suchend durch des Hauses Öde,
Doch von den Wänden tönte nur der Widerhall, der schnöde.
Er kehrt zurück mit Hoffnungstrost, ob nicht vielleicht die Frische
Der Lust das Dämmergrau von ihrem schwarzen Auge wische.
Doch als der Ritter nun sie fortträgt mit der Arme Kraft —
Wie bricht der Leib, wie ist das Gliederspiel so grauenhaft!
Sie ist elastisch biegsam nicht, nicht mühelos zu heben;
Sie drückt mit ganzer Wucht des Leichnams, der erkaltet eben.
Schlaff hängen Arm und Haupt herab, erstarrt sind schon die Füße
Und wandeln sie zum Schreckensbild, ihm teuer noch und süße. —
«O Wasser! Wasser!» ruft er, daß der Schrei das Mark durchdringt,
Und reißt am ries’gen Tor, das krachend aus den Angeln springt.