17.

Da regt sichs, wie es scheint, im dichtverwachsnen grauen Rohr,

Das Laub zerteilet sich und eine Mütze guckt hervor,

Ein Kopf kommt in die Höh, ein Körper richtet sich empor,

Der im Verstecke dort gesessen und geharrt mit Bangen:

Das junge Knäblein ists, mit hellen Tränen auf den Wangen!

Es sah den Ritter an, im Blicke tiefempfundnes Leid;

Der Ritter maß mit Staunen hier der Jugend welkes Kleid.

Wars Schrecken, der es hier gefangen hielt, wars Zauberbann? —

Ich weiß nicht. Aus dem Dickicht tretend also es begann:

«O Rittersmann! verlang mit Zittern du nach Wasser nicht,

Denn eben erst erlosch in ihm der ird’schen Schönheit Licht!

Die grausen Masken haben im verräterischen Spiele

Der Herrin Reize dir ertränkt in jenes Teiches Kühle:

Und wer die Menschen einmal meidet,

Auf Nimmerwiederkehr er scheidet!

Das ganze Haus: der Edlen, Jungfrau’n, Knappen, Knechte56 Hauf

Brach zur Verfolgung, wie um Priester auch und Weiber57 auf.

Das Haus ist öde jetzt; doch eh noch kommt der Morgenschein,

Tritt murmelnd, räuchernd, singend Todes Dienerschaft hinein:

Und wer ihm ist verfallen heute,

Der bleibt für immer seine Beute!

Für immer! ach, ein trüber Laut, wenn dort er wiederklingt,

Wo man in Gram und in Verlust mit grausem Schicksal ringt,

Der sich in Lieb und Freundschaft und in jeder Lebensfrist

Oft wiederholt, und echt und wahr doch erst im Grabe ist!

Denn wer die Menschen einmal meidet,

Auf Nimmerwiederkehr er scheidet! —»

Und auf die Zehen hob das winz’ge Knäblein sich empor,

Daß zu erreichen es im Stande wär des Ritters Ohr,

Und raunt ihm seine Kunde zu. Und auf der Stirn des Ritters

Zog schwarz Gewölk zusammen eines nahenden Gewitters,

Und plötzlich zuckt auf seiner Wang durch der Verzweiflung Nacht

Ein heller Blitz, von Zorn und von Verachtung angefacht —

Bis endlich jene wilde, starre Düsterkeit erstand,

Die nur des Feindes Sarg noch sieht als einz’gen Gegenstand,

Der Bande heiligste zerreißt in ihrer Hölle Feuer

Und selbst im nächsten Freund entdeckt ein giftig Ungeheuer —

Bis endlich jene tolle Gier nach Blut in ihm erstand,

Nach Sturm und Lärm — ach! des verderbten Herzens eigner Brand,

Der selbst im Haus entstammt der Zwietracht Fackel grauenhaft

Und an dem eignen Herd Verbrechen mit Verbrechen straft! —

Und war die höchste aller Qualen jetzt für ihn der Tod

Des Teuersten, das ihm die Segenshand des Himmels bot,

Ha! wie gesellt schandbarer Rache, die ihn grimmig hetzt,

So fürchterlich sich die Verzweiflung und der Gram zuletzt!

Und allen Schmerz im stieren Aug — ach! ein Gedanke flicht

Allmächtig ihn in Ein’s: «Unwandelbar ist das Gericht! —»

Im Unglück minder schrecklich ist Laokoons Gestalt

Vom Schlangenzahn bedroht — das Urbild tiefster Schmerzgewalt!