17.
Er ging. — Am blanken kalten Arm des Ritters lehnt ermattet
Ein schönes blasses Angesicht, vom Helmbusch sanft beschattet;
Die schwarzen Zöpfe klingen an, der Panzer preßt ja nicht
Den schlanken Leib, ob ihn auch eh’rnen Armes Band umflicht.
Das Kleid ist stählern, denn auf falsche Freundschaft ist’s gefaßt,
Doch schön das Herz, drum hält auf Waffen hier die Liebe Rast.
Wie glitt sein Blick gefühlestrunken von der Wangen Glut
Auf die Gestalt, die reizend unter Trauerwolken ruht,
Als zählt die Reize er! als ob er immer noch nicht glaubte,
Daß ihm die Zeit von seinem Schatze Nichts, ja gar Nichts raubte.
Nein, dieses Auges Zauberglanz, der Seele Wiederschein
Ist unvergänglich, und ihn löscht der dunkle Tod allein.
Doch als den Flor der Ritter dann bemerkt, die düstre Freude,
Die ob der Blässe greller noch erschien im Trauerkleide,
Das süße Lächeln auch, den ganzen Reiz von Schmerz und Sehnen,
Auf reinem Wangenspiegel Flecken selbst, die Spur der Tränen:
Da ward sein Glück auch rasch umwölkt, er fühlts, die Kraft vergeht,
Und bleicher ist er als die Feder, die vom Helme weht.
«Als ich auf Steppen und in wild’rer Wüste der Gedanken
Noch schwärmte gern, bis Erd und Lust in Dämmergrau versanken;
Als nirgends mir ein Stern beleuchtete des Pfades Graus,
Durch Sturm und Hagel nur das Pferd den Weg erkämpft nach Haus:
Erschienst du mir, Marie! und in des Geistes Abendgrauen
Da zeigte mir dein Licht den hellen Weg zu Himmelsauen.
Wie glücklich, dankbar, stolz bin ich, daß aus der Freier Schwarm
Mich dein Gefühl erkor, zu stützen diesen schönen Arm!
Wie selig, daß im Herzen dein ich durch der Augen Tau
Der Engel heimlich tiefes Leben und Gefühl erschau!
Doch weshalb deckt der Trauer Nebel, dessen schweren Hauch
Ich eingesogen, dich, ja dich mit seinem Schatten auch?
Warum wächst nicht des Lebens spitzer Dorn in mich allein,
Dir seines kurzen Lenzes matten Blütenduft zu weihn?
Auch mir hat alles man entrissen, mehr, weit mehr als dir:
Du bist des Himmels Eigentum, ich irrt im Grabe hier!
Des Lichts verlustig hätte ich, vom schwarzen Geist getrieben,
Die Heiligtümer selbst zerstört mit fürchterlichen Hieben.
Nicht heilsam ists, sich mit dem Herrn Wojwoden sehr zu necken,
Und ist einmal das Schwert gezückt, ziemts nicht es einzustecken.
Da hätte weit umher der Väter altes Schloß geraucht,
Und mancher Blutsfreund in verwandtes Blut den Stahl getaucht!
Rauch, Manen — hätten mich wie Rachegeister stets begleitet,
Ich hätte dich — allein durch Flammen nur und Blut erbeutet!
O, zittre nicht! dies war vorbei, als ich dich wiedersah,
Ja früher noch. Als mirs bezeugte seines Mundes Ja
Daß mein du bist, versöhnte mich so sehr des Wortes Klang,
Als hätte Niemand mir ein Leids getan mein Lebelang.
Da griff ich nach dem Schwert, des Glanz ich nicht aus Eigennutz
Entblöße, sondern dir und unsrem Vaterland zum Schutz;
Da sattelt ich mein Pferd, das oft im Fluge diese Stege
Mich hergetragen hat. Wie glücklich war ich auf dem Wege!
Mit welcher Freude fiel mein Blick auf diese Linden, ach,
Wie feurig sehnte sich das Herz nach ihrem kühlen Dach!
Du weißt nicht, denn dir ist verliehn das stille Naß der Tränen,
Wie schwer’s dem Manne sei zu beugen wilden Herzens Sehnen:
Nach Liebe dürstend, darbend all der Reize zu gedenken,
In welche gern die Seele möcht ihr eignes Sein versenken: —
Marie, bist du nicht krank? Seh ich dich an, so kommts mit vor
Als wolltest du schon jetzt entschweben zu der Engel Chor;
Und ob ich mit dir kose, neu erwacht die Marter doch;
Ja dich zu fragen drängt es mich: Marie, liebst du mich noch?» —
«Ob dich Maria liebt? mein teures, mein geliebtes Haupt!
Mehr, als die Kraft vermag, mehr, als zu lieben ist erlaubt,
Mehr als das schwache Herz, das volle G’nüge schon gewann,
An Freud — so hoher, unverhoffter — noch ertragen kann.
Und wenn nicht die Tataren blitzend mir vor Augen irrten
Und wenn nicht ihre Pfeile mir schon vor dem Ohre schwirrten:
Wie leicht wär mir, wie süß, wie wär ich aller Not enthoben,
Als flöge ich in deinem Arm zum Himmel auf da droben!
Ob dich Maria liebt? — O, frage doch ihr Schattenbild,
Was ohne deinen Blick die ganze Welt Marien gilt,
Ja, ohne dein zu denken selbst die Welt, die jenseits quillt?
Oft saß ich über diesem Buch, den Sinn in mich verschlossen,
Und vor des Schöpfers Macht in ganzer Demut hingegossen,
Da wollt ich durch Gebetes Kraft dein Bild in mir verwischen:
Gleich tönt es mir als wie ein Echo deines Grams dazwischen!
Vielleicht bestraft noch der Allmächt’ge solcher Liebe Glut,
Und ein Tatarenpfeil taucht sich in deines Herzens Blut.
Siehst du, wie durch des Laubs Gewebe jener Strahl, der helle,
Hier zwischen unsre Häupter zitternd drängt die Glanzeswelle?
Der Strahl belebt, erfreut und schmückt jedwedes Auge doch:
Warum will er, da wir verbunden schon, uns trennen noch?
Umsonst, umsonst, mein Lieber! Ob auch Lipp an Lippe hängt,
Sieh, wie er mit dem Laub sich neigt und zwischen uns sich drängt!
Erinnere, mein Teurer, dich im heißen Waffentanz,
Wie auch beim Siegeslärm, daß deines Ruhmes Strahlenkranz,
Mag er, der Sonn am Himmel gleich, jetzt rein und schön erblühn,
Die Nacht vielleicht herniederwinkt mit ihrem Abendglühn!
Begrüb sie doch im Schoß der Finsternis zuerst Marien!
Nicht wahr, mein Waclaw, du wirst tapfer, mannhaft in den Schlachten,
Ausdauernd, tatenkräftig sein, doch Vorsicht nicht verachten?
Und wenn mein gramgehöltes Aug sich erst versenken kann
Ins eigne Sein, um neu sein Leben zu entfalten dann,
Das Herz vom Druck aufatmet an der Brust, vom Stahle bloß:
Wird Waclaw auch vielleicht beklagen nicht sein Liebeslos.
An deiner Freude mich zu freun, dein Leiden sanft zu stillen,
An nichts zu denken, als wie ich erfülle deinen Willen,
Der Trost zu sein für deine Stunden, manchmal auch die Zier,
Für dich, in dir zu leben und zu sterben dann vor dir
Und in dem letzten Augenblick, ob auch im Drang der Qualen,
Mit halb erloschnem Blick das Glück ins Auge dir zu strahlen;
Wenns nicht vergönnt: mit dir, zu leben doch dir im Gedächtnis —
Das ist Mariens ganze Lieb und dieses — ihr Vermächtnis.
Sobald du glücklich wiederkehrst, stimm ich die Harfe mein,
Da setzen wir uns beide in des Mondes Silberschein
Und eignen, wie du’s liebst, auf zarter Klagelieder Schwingen
Uns dann Gefühle an, wie niemand sie vermocht zu singen. — —
Ha! gräßlich drang wehmütiger Trompetenschall zu mir! —
Verlass mich nicht von Neuem; ach! nimm mich, nimm mich mit dir!»