19.

Es gleicht das Menschenherze wohl dem dunklen, düstren Wald.

Den einen stirbt es langsam, langsam ab durch Zeitgewalt;

Da fällt erst Blatt um Blatt, bis sie der späte Herbst entlaubt,

Daß sie wie mos’ge Eichen stehn mit kahl entblößtem Haupt.

Die andern trifft, von inn’rer Glut genährt, aus Wetternacht

Des Blitzes wild geheimnisvoller Strahl: — der Donner kracht;

Und wieder glänzt des Himmels Blau, und eine Zeit bricht an,

Wo nach dem Sturm das Grün lebendiger erstehen kann.

Allein wer näher zusteht — trotz der äußern glatten Schale

Bemerkt er doch in ihrem Innern schwarze, brand’ge Male —

Und — wenn das Wetter am getroffnen Baum das Mark entzündet,

Wer ist, der zu ersticken diese Brunst sich unterwindet?

So trägt Vernichtung weit und breit umher der üpp’ge Baum —

Ach! in des Menschenherzens dunklem, düstrem Waldesraum.

Was kann in diesem Leben Waclaw noch versprechen sich? —

Zu deuten wär es schwer und zu erraten fürchterlich.

Auf seinem Herzen liegt ein dunkler, blut’ger Flor; genug!

Wozu ihn lüften, wenn nur Wunden aufdeckt jeder Zug?

Dahin ist alles; der Gewinn nur bleibt, daß nicht die Hand

Der Zeit den Trümmerrest zerstört — nein, nur der Flammenbrand. —

In kurzer Andacht hat er vor dem Schöpfer sich geneigt,

Und mit dem kleinen Freunde — ach! ein neuer Feind vielleicht —

Trägt er sodann den toten Körper ins Gemach zurück;

Der Mond, er lieh das Licht dazu mit seinem Nebelblick.

Das Bett macht er der Herrin dort — zum letzten Mal — bereit,

Und in dem zarten Schutze machtlos reiner Sittsamkeit

Legt Glieder, Kleider, Haare er zurecht mit stillem Eifer —

Neugier’ge Bosheit gießt auf Tote selbst den eklen Geifer. —

Dann fiel auf ihre tote Wang sein Blick, der bang getrübte,

Aus dem der Schmerz der Trennung sprach, allein auch das Gelübde:

Bald ihr vereint zu sein, und die Verzweiflung, die erwägt,

Die jeden Zug des Mißgeschicks sich ins Gedächtnis prägt.

Er zückte sausend dann das Schwert, das noch mit einem Streiche

Die grause Rache üben soll, dann — ruhn im Arm der Leiche.

Er ging hinaus: sofort schwand alles Weh aus dem Gesicht;

Er sprang aufs Pferd, und hinter ihm saß auf der kleine Wicht.

Wer war denn dieses Menschlein mit verweintem Augenpaar?

Wars seines Schicksals Geist? ein Engel oder Teufel gar? —

Reizt er die Qualen? teilt er seinen Gram, um ihn zu bannen? —

Ich weiß nicht — er umschlang den Herrn, und eilend gings von dannen.

Auf einem Kirchlein der Ukrain der Türme drei erglänzen,

Ukrain’sche Weiber murmeln ihr Gebet an Rosenkränzen,

Die Glocke schlagen Knaben an, das bringt ein Stückchen Geld;

Die Leute strömen, ob man Taufe, ob Begräbnis hält.

Im Innern schwarz umflort, steht Sarg und Bahr und Kerzen schauen

In Reihen bleichen Lichtes zu; allwärts ist düster Grauen.

Weß ist im Kreis der Neugier die erhabene Gestalt,

Die dort in Kreuzesform gebettet liegt so starr, so kalt?

Weß ist die ritterliche Brust, die hier sich streckt im Staube?

In stiller Demut, die nicht mehr dem Schmerze fällt zum Raube,

Ob auch der herbsten Strafe schwere Wucht sie drückt zur Erde,

Liegt regungslos der Mann mit stummandächtiger Gebärde,

Bleich wie der Kerzen Schein, der übers Angesicht ihm wallt,

Und traurig wie das Totenlied, das eben hier erschallt.

Aus niedrem Erdenstaub, in den ihn bannt des Glaubens Macht,

Da leuchten seine Augen wie ein Glühwurm in der Nacht.

Es ist des Kronschwertträgers graues Haupt, von Elend schwer:

Das Weib verlor er jüngst, jetzt bringt er seine Tochter her.

Dazu wiegt’ er sie einst, daß er im Sarg sie schlafen sehe,

Und bracht ihr Silberlahn, daß man ihr Bahrtuch damit nähe?!

Und seltsam! bei der Leiche scheint er alles Fühlens bar,

Als wär sein Geist schon mit der Tochter in der Engel Schaar.

So blieb er später auch: nicht Gram noch Klagen gab er kund,

Und ein Vertrauenswort hört niemand aus dem bleichen Mund.

Im trotz’gen Blick war keine Spur von Tränen; menschenscheu

Verkehrt er mehr mit Gott, im Übrigen blieb er sich treu.

Tagtäglich ging er um dieselbe Stunde heimlich aus,

Doch eh das Losungswort man gab, kehrt’ er zurück nach Haus.

Einmal — schon wars nach Mitternacht — kommt er nicht heim ans Tor,

Und als die Wacht die Hoffnung seiner Rückkehr schon verlor,

Als aus dem Schlaf, beim Hörnerklang, wie aus der Schleuder Becken

Zu eil’ger Rache oder Hilfe stürzten all die Recken:

Da fanden sie ihn auf dem Kirchhof vorgebeugten Leibes

An zweien Nachbargräbern knie’nd: der Tochter und des Weibes.

Stirn, Mund — dieselben ganz, von Würd und Milde noch umflossen,

Dasselbe blasse Antlitz auch, das Auge halb geschlossen,

Und Mütze, Schnurrbart — Schreckensbilder stets dem Feind, dem grimmen —

Derselbe schwarze Żupan auch, nur daß die Weckrufsstimmen

Der Kriegsdrommeten schon verklungen waren fern und weit;

Er griff nicht mehr zum Schwert, er schlief schon für die Ewigkeit! —

Drei Hügel, düstere Gefährten, ragen still alleine —

Und öde, traurig, bang ists in der üppigen Ukraine.