Vorwort des Übersetzers zur Ausgabe von 1857

Die „Maria” des Anton Malczewski, die ich hiermit in einer den Sinn und, wo immer möglich, den Wortausdruck des Originales treu wiedergebenden Übersetzung dem Publikum vorführe, gilt bei den Polen für eine Perle ersten Ranges in dem Schatze ihrer poetischen Literatur. — Es geht uns mit Dichtungen der Art, die von dem Enthusiasmus einer Nation gehoben und getragen werden, wohl wie mit manchem berühmten Manne. Sein Ruf dringt aus der Ferne zu uns und erweckt den Wunsch, den Vielgepriesenen einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen und in seinem Wirkungskreise zu belauschen. Was wir lange gewünscht, geht in Erfüllung. Aber wir finden den Mann ganz anders, als wir geträumt haben, und weil er den vorgefaßten Begriffen nicht entspricht, ja vielleicht gewisse Eigentümlichkeiten zeigt, die uns mißfallen, so fühlen wir uns anfangs unbehaglich in seiner Nähe. Genießen wir aber eine Zeitlang seinen Umgang, besuchen wir die Stätte, wo er die Schätze seines Geistes und Herzens fruchtbringend verwendet, erfassen wir erst den Kern seines Wesens, dann geben wir die Täuschung gerne für die gewonnene Wahrheit hin. Gleiches dürfte auch von Malczewski’s Maria gelten. — Zunächst trägt sie schon das Gepräge des Düstern, ja zuweilen des Unheimlichen und Geisterhaften an sich, und wer von dem Gedichte einen heitern Genuß und die Verklärung alles Erdenweh’s in dem lichten, sonnenhellen Himmel der Poesie erwartet, der nehme es lieber nicht zur Hand. Die Maria ist ein Schmerzenskind. In Schmerzen empfangen und in Schmerzen geboren, weist sie fast ausschließlich auf des Lebens Dornen und Wehen hin. Aber sie tut es mit jenem Reize des Erhabenen, mit jener Weihe des Schmerzes, die uns die Wahrheit der Empfindung verbürgen, wenn wir uns auch zuweilen sagen müssen, daß das Gemüt des Dichters leidend, seine Weltanschauung keine ungetrübte ist. Die Maria hat einen tiefen menschlichen Gehalt; der innerste Pulsschlag ihres Herzens ist: Liebe und Begeisterung! Sodann ist sie echt volkstümlich. Es sind nationale Klänge, die uns hier entgegen kommen, nationale Gefühle, die uns anwehen, nationale Gebräuche, deren Schilderung das Interesse der Fremde in Anspruch nimmt. Wir treten hier in ein in sich abgeschlossenes Volkstum (dessen Glieder sich auch an den geringsten Abzeichen ihrer Nationalität erkennen und begeistern) wie in einen Familienkreis, wo denn Manches, weil eine Jahrhunderte alte Familiensitte es geheiligt hat, als ehrwürdig erscheint, was „draußen” mit anderen Augen angesehen wird. Ich kann es mir nicht versagen, hier eine Stelle aus der Lebensbeschreibung des Dichters von S. Goszczyński anzuziehen, obwohl sie nicht frei von Schwärmerei ist. „Malczewski,” — sagt der polnische Biograph — „verstand es aus seiner Zeit herauszutreten, zurückzukehren zu der altpolnischen Religiosität, ihre Weihe anzunehmen und mit Ergebung der Zukunft entgegenzuschreiten, und dadurch wurde er in der Idee Polens das Mittelglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, selbst mit allen Kennzeichen der neueren Poesie; denn Malczewski’s Poesie ist in der Tat eine Byron’sche Dämmerung, sanft gerötet durch jenen religiösen Glanz, welcher in den kurzen Sommernächten den gestrigen Untergang der Sonne mit dem heutigen Ausgang verschmilzt.” Der Leser erwarte also nicht, neuen, kühnen Ideen, großartigen Charakteren auf weltgeschichtlichem Boden in dieser Dichtung zu begegnen; wenn er sich aber dem Eindruck derselben unbefangen hingibt, so wird er, vom engen Rahmen des nationalen Lebens umschlossen, lernen, wie Polen sprechen und wie Polenherzen fühlen!

Habent sua fata libelli! Das mußte auch Malczewski’s Maria erfahren. Ungunst und Übergunst mußten sich erst erschöpfen, ehe ein gesundes Urteil die Vorzüge und die Schwächen der Dichtung unparteiisch wog. Sie war kaum veröffentlicht, als auch schon die sog. klassische Schule (die, beiläufig gesagt, ganz unter französischem Einflusse stand und deren beengende Schranken von Mickiewicz und Malczewski glücklich durchbrochen wurden, indem diese das Banner der nationalen Poesie auspflanzten) die schärfsten Pfeile der Kritik gegen sie richtete. In welcher Weise dies geschah, erzählt Graf R. Załuski im Feuilleton des Czas (Nr. 68 v. 21. März 1856): „Als vor dreißig Jahren Malczewski’s Dichtung zum ersten Mal im Drucke erschien, lenkte kein einziges Zeitungsblatt Warschau’s die Aufmerksamkeit daraus. Selbst der Courier, der im Dithyrambenstil das Erscheinen des unbedeutendsten Geschmieres ankündigte, beliebte damals nicht auch nur zu erwähnen, daß die polnische Literatur um ein neues Meisterwerk reicher geworden sei. Maria befand sich zwar in den Händen des Publikums, aber da man nichts zu ihrem Ruhme sagte, so hatte Niemand den Mut, sie näher anzusehen. Ich erinnere mich noch selbst, wie ich, da mir, als Studenten, die Dichtung Malczewski’s aus einige Tage in die Hände fiel, einige Blätter gleichgültigen Blicks durchlief, weil ich die Woche vorher mit eigenen Ohren hatte hören müssen, wie Osiński — das Orakel der polnischen Literatur — die ersten zwei Verszeilen witzelnd abfertigte. Augenscheinlich hatte Osiński die Maria in der Hand gehabt, aber ich bin gewiß, daß er, nachdem er den Anfang mit Achselzucken durchgelesen, gelächelt und das ganze Werk für ewig verdammt hat. Zum Glück hat die Nachwelt sein Urteil nicht bestätigt, und nach einigen Jahren der Vergessenheit kam die Stunde der Gerechtigkeit.” Diese Stunde schlug leider erst nach dem Tode des Dichters. Grabowski und Mochnacki waren die Ersten, die dem Werke Bahn brachen, aber sie gaben zugleich den Impuls zu übertriebenem Lobe, das nun alles schön und gut fand von Anfang bis zu Ende. Seitdem hat sich das Urteil geklärt, und kein gebildeter Pole ist mehr blind für die Vorzüge, wie für die Fehler dieser Dichtung. Hören wir noch zum Belege dafür das Urteil späterer polnischer Kritiker! Graf Józef Załuski sagt: „Ich war einer der Ersten, welche die Maria lasen. Der Eindruck, den sie damals auf mich machte, war ein schmerzlicher, weil ich in ihr zwar das Produkt eines schönen Talents erkannte, ein Produkt aber, das zu wenig gefeilt und durchgearbeitet, dessen Veröffentlichung daher verfrüht war; und dies ist auch heute noch meine Meinung.” Turowski, der den Reigen der Bibliotheka Polska mit der Maria eröffnet, sagt: „Ist auch Malczewski’s Sprache nicht mustergültig politisch, so kann die Dichtung selbst, zwar nicht was Plan und Entwickelung anbelangt, doch in Bezug auf Begeisterung und Schwung als Muster aufgestellt werden, wenn es in dieser Beziehung in der Poesie überhaupt Muster gibt.” Ein anderes Urtheil lautet: „Nach allem dem kann man wohl mit Recht die Maria zu denjenigen Werken zählen, die, wenn sie auch nicht vollkommen national sind, uns doch der Idee eines echt polnischen Nationalwerkes um einen großen Schritt näher gebracht haben.” Diese sich gegenseitig ergänzenden Urteile sprechen wohl ziemlich das Richtige aus und mögen mich einer tiefer eingehenden Kritik, der hier nicht Raum gegeben werden kann, überheben.

Somit übergebe ich dem Publikum meine Übersetzung mit dem Wunsche, dieselbe möge bei meinen Landsleuten wie bei den Polen selbst mehr Anerkennung und Verbreitung finden, als die von C. R. Vogel versuchte Übertragung gefunden hat und — finden konnte. Als erster Versuch war diese immerhin dankenswert, zeigt jedoch so viele Unrichtigkeiten, hin und wieder einen so auffallenden Mangel an Verständnis, eine solche Willkür in der Wiedergabe vieler Verse, die in Form und Inhalt dem Übersetzer Schwierigkeiten boten, daß Malczewski sie schwerlich anerkannt haben würde, wenn er sie gekannt hätte. Allerdings war die Arbeit nicht gering, die Vogel übernommen, die Aufgabe nicht leicht, deren Lösung ich nach ihm versucht habe. Die Polen selbst halten die Maria für eine der schwierigsten Dichtungen ihrer Literatur, und nicht mit Unrecht. Es würde mich herzlich freuen, wenn ich durch meine Arbeit sprachbeflissenen Deutschen und Polen einen Dienst geleistet und zu einem allgemeinen Verständnisse und Genusse der Dichtung einen Baustein geliefert hätte. Möge, was Studium und Liebe geschaffen, auch von beiden wieder als werte, willkommene Gabe aufgenommen werden!

Biała am 18. Mai 1856

Ernst Schroll