AUF DER STRAßE

Eine enge Gasse, die nach dem Hintergrunde führt und dort in eine breite Straße, die Krakauer Vorstadt mündet. Die Gasse wird von den Rückwänden der Häuser und Gartenmauern begrenzt. Im Vordergrunde zweigt rechts und links je eine Gasse ab; an der Kreuzung eine Laterne.

PALLAS

steht in der engen Gasse, blickt nach dem Hintergrund. Militär zieht in Abteilungen im Hintergrunde von rechts nach links; Trommelwirbel.

PALLAS

tastet sich zur Mündung der Gasse, ruft mit Kommandostimme

Links um!

LEUTNANT CZECHOWSKI

marschiert mit seiner Abteilung auf der Hauptstraße

Links um marsch!

Biegt in die enge Gasse ein. Czechowskis Abteilung löst sich vom Gros ab und biegt ihrem Führer nach in die enge Gasse ein; Pallas schreitet ihnen voraus.

CZECHOWSKI

Wohin führst du?

PALLAS

Zum Arsenal!

Zahlreiche Bataillone werden

Dir folgen. Und mit Feuerstürmen

Erweck ich ihren Geist. Hinauf! Empor!

CZECHOWSKI

Dir nach, du Göttermädchen Pallas!

PALLAS

Ich glüh in Kraft und in allmächtigem Wollen.

Tritt näher her zu mir, mein Freund,

Wie ist dein Name? Lass ihn hören.

CZECHOWSKI

Czechowski.

PALLAS

Späte Zeiten sollen

Ihn nennen. Dieser Tag soll dir gehören

Und diese Nacht, — die eine Nacht.

Dein Vaterland hat einen Sohn gewonnen!

Auf!

CZECHOWSKI

Vorwärts marsch! — Mein Glaube? — Zar,

Dein Königreich, es — war;

Zum Arsenal!

Biegen in die Seitenstraße rechts ein, Trommelwirbel.

PALLAS

wendet sich dem Hintergrunde zu, da sie bemerkt, dass das Militär weiter auf der Hauptstraße zieht

Halt! Ihr, — wohin? Steht still! Ihr eilt?

Die Mädchen senkten ihre Flügel,

Beschatteten den Weg. Verweilt!

Ich bin mit euch, wo strebt ihr hin?

Ihr spielt mit eurem Leben.

Verrat hat euch die Richtung angegeben!

Und ihr gehorcht arglos mit gläubigem Sinn.

ARES

inmitten des Militärs auf der Hauptstraße

Zum Belvedere!

GENERAL ZYMIRSKI

zu Pferde inmitten des Militärs auf der Hauptstraße

Zum Belvedere!

ARES

Mit Leichen decke ich das Feld!

Und siege!

PALLAS

Du bist von Sinnen. Und dein Wahn

Ist Lüge!

ARES

Trompeter, blast!

ZYMIRSKl

Signale! Trommeln!

Siegesgöttinnen fliegen über den Häuptern der Soldaten in Marschrichtung.

PALLAS

Sie rasen! — Weh! Sie rasen!

Kommt nach vorn.

WYSOCKI

kommt eilends aus der Straße links, bemerkt Pallas

Ach! — Du! —

PALLAS

Mein Held!

Der erste Sieg ist dein!

WYSOCKI

Sieh, wie der Kürassier mich traf;

Auf meiner Wange, —

PALLAS

Eine Wunde!

Das Blut ist frisch, lass es mich trinken.

Dein Name lebt, weit über diese Stunde!

Fähnriche marschieren auf der Straße links, bleiben stehen.

PALLAS

Nun höre mich, — sie eilen jetzt daher,

Und streben blindlings hin zum Belvedere.

Ares, der Rasende, hetzt sie und treibt.

Und meine Töchter rauschen in den Lüften

Und einer Wolke gleich verfolgen sie

In stummem Zug das dichtgeballte Heer.

Ein einziger nur, — nur einer bleibt

Gehorsam meinem Ruf. Er hörte, wie

Ich im geheimen warnte, und er führt

Im Schutz der dunklen Nacht nun seinen Zug

In diese Seitengasse.

WYSOCKI

Und wohin?

PALLAS

Zum Arsenal. Eilt auch dorthin,

So schnell ihr könnt und teilt die Waffen aus.

Schlagt ein die Tore! Hört ihr wohl?

FÄHNRICHE

Wir hören!

GOSZCZYNSKI

kommt aus der Seitengasse links.

DIE VOM BELVEDERE

folgen ihm.

PALLAS

Doch ich, allein in Wahn noch nicht verstrickt,

Gestatte nun, dass Ares glauben mag,

Der Sieg sei sein;

Ich aber nur mit euch allein,

Bevor sich neigt der Tag,

Erobere das Arsenal. Ist dies geglückt,

Ist für den Fürsten auch die Stadt verloren,

In dem Palais, dem leeren Königsneste

Setz Ares ich gefangen und

Bereite ihm der Liebe reiche Feste

Mit jenem Mädchen, das ich ihm erkoren.

Dann geh ich hin, ein Wort aus meinem Mund

Zerstört den Liebestraum und weckt sie beide auf.

STANISLAUS GRAF POTOCKI

naht im Hintergrund von der Hauptstraße her.

GOSZCZYNSKI

Wer kommt —?

PALLAS

Wohl ein Erlauchter.

WYSOCKI

Halt.

POTOCKI

von weitem

Du steh.

Alte bleiben stehn, er kommt näher und erkennt die Fähnriche

Wohin, ihr Jungens?!

PALLAS

Seht auf unserm Scheitel

Den Stern, den gottgeborner Stolz erhellt.

WYSOCKI

Geht mit uns, Graf Potocki! Seht die Adler,

Sie breiten ihre Schwingen über uns!

POTOCKI

Sie schweigen!! Ich befehle!

WYSOCKI

Spielen Sie

Nicht mit der Ehre, General!

POTOCKI

Ich habe Sie

Zum Hüter meiner Ehre nicht bestellt.

WYSOCKI

Ich will Sie ja um alles in der Welt

Nicht kränken. Doch ich wünschte mir, Sie wären

Ein Beispiel uns an Mut und Rittertugend,

Herr Graf, ich wünscht, Sie zeigten sich als Held.

POTOCKI

Ah! Abenteurer.

NABIELAK

Knalle ihn doch nieder.

WYSOCKI

Mein lieber Graf Potocki, auf den Knieen

Bitten wir Sie.

Kniet nieder.

FÄHNRICHE und DIE VOM BELVEDERE

stehen unbeweglich.

POTOCKI

lächelt.

WYSOCKI

Ich fleh Sie an. O gehen

Sie mit uns.

POTOCKI

schweigt.

WYSOCKI

Wie? Sie schweigen —?

FÄHNRICHE

Geht mit uns.

Knien nieder.

WYSOCKI

Sie schweigen?

POTOCKI

wendet sich ab.

WYSOCKI

Sie schweigen?

FÄHNRICHE

erheben sich

WYSOCKI

Gut, — so gehen wir allein!

Laut

Auf, Jungens, auf, schon windet man euch Kränze!

Zum Arsenal! Zum Arsenal!!

Er geht von den Fähnrichen und denen vom Belvedere gefolgt in die Seitengasse rechts.

POTOCKI

steht in Gedanken versunken.

PALLAS

tritt vor Potocki hin

Wer bisi du, — dass sie so nach dir verlangen?

Bist du so mächtig und vermagst so viel? —

Du wagst es, zwischen mich und jenes Ziel,

Das mir gesteckt, zu treten, — wagst es? Sprich,

Wer ist dein Herr?

POTOCKI

zieht die Augenbrauen zusammen.

PALLAS

Willst du, dass deine Brüder

Ihr Blut umsonst vergießen? Glaubst du denn,

Du, du allein entgehst dem Flügelschlage

Der Adler, die ich aufgescheucht?

Ahnst du die feuerschwangre Macht,

Die dieser Nacht

Den Purpurmantel reicht?

POTOCKI

senkt den Kopf nachdenklich, düster.

PALLAS

berührt ihn mit dem Speer an der Stirn

So nimm Vernunft an.

ZALIWSKI

an der Spitze einer Abteilung Soldaten, aus der Gasse links

Es ist Nacht,

Lasst Kugeln pfeifen.

Kommandiert

Links um! Marsch!

PALLAS

Wohin?!

ZALIWSKI

Zum Arsenal!

PALLAS

weist auf Potocki

Sieh!

ZALIWSKI

Wer ist das?!

Steh! Die Parole!

POTOCKI

unbeweglich

Wer? — Der Eure!

ZALIWSKI

erkennt, salutiert, kommandiert

Achtung! Präsentiert das Gewehr!

POTOCKI

zieht den Degen, kommandiert

Gewehr über! Hechts um! Marsch!

ZALIWSKI

Wir gehn zum Arsenale!

Zaliwskis Abteilung hat auf Potockis Kommando gehört und steht abgewendet, die Front nach dem Hintergrunde.

POTOCKI

Vorwärts marsch!

Zaliwskis Ableitung setzt sich in Marsch durch die enge Gasse nach dem Hintergrunde hin.

ZALIWSKI

springt vor seine Abteilung

Wohin?!!!

POTOCKI

Schweig!!

ZALIWSKI

Dort hinaus ist ja der Weg

Zum Belvedere! — Verrat!!

POTOCKI

schiebt Zaliwski mit seinem Degen beiseite

Ich kommandiere!

EINE STIMME

Die Russen! Gendarmeriepatrouille!

Zaliwskis Abteilung zieht sich in den Vordergrund zurück. Auf der Hauptstraße wird eine russische Gendarmeriepatrouille sichtbar.

ZALIWSKI

zu seinen Leuten

Front! — Geladen! — Legt an.

POTOCKI

Halt!

ZALIWSKI

Legt an! Feuer!

POTOCKI

Halt!

ZALIWSKI

Feuer!!

Zaliwskis Abteilung schießt nach dem Hintergrund. Die russische Gendarmeriepatrouille schiebt sich in die enge Gasse vor.

GENDARMERIEOFFIZIER

Feuer! — Hurra!

ZALIWSKI

Nieder!

Die Abteilung kniet nieder. Die russische Gendarmeriepatrouille schießt nach dem Vordergrund.

POTOCKI

der unbeweglich stand, fällt, von einer Kugel getroffen.

ZALIWSKI

Auf! — Bajonett!

Die Abteilung pflanzt Bajonette auf

Vorwärts marsch, marsch!

PALLAS

Vorwärts!

ZALIWSKI

Glaube! — Marsch! Marsch!

GENDARMERIEOFFIZIER

Geladen! Feuer!

Schüsse fallen auf beiden Seiten, mehrere von Zaliwskis Leuten fallen. Die Abteilung rückt in die enge Gasse vor.

PALLAS

eilt nach dem Hintergrund

Blut! Blut!

Die russische Gendarmeriepatrouille zieht sich zurückgedrängt in den Hintergrund zurück. Die Abteilung Zaliwskis verschwindet in der Hauptstraße.

VOLK

stürzt aus der Gasse links und schleift Makrot mit sich

Spion! Spion! Hängt ihn! Reißt ihn in Stücke!

MAKROT

Erbarmen! Habt doch Mitleid!

VOLK

Spion! Spion! Hängt ihn! Reißt ihn in Stücke!

MAKROT

Erbarmen! Habt doch Mitleid!

DER JUNGE GENDRE

in der Uniform eines russischen Offiziers stürzt aus der Gasse rechts

Zurück! Zurück!

VOLK

weicht zurück

MAKROT

Barmherziger!

Klammert sich an Gendres Knie, blickt ihm, der sich über ihn neigt, scharf ins Gesicht; plötzlich

Wisst ihr auch, wer das ist?! Das ist der Sohn

Des Schurken, des gemeinsten Galgenvogels.

Sein Vater ist des Großfürsten Vertrauter.

Schlagt ihn doch tot!

Stürzt sich auf den jungen Gendre

Du Hund! Du Hund! Du Hund!

DER JUNGE GENDRE

zieht den Degen.

VOLK

entreißt ihm den Degen und bricht ihn in Stücke.

DER JUNGE GENDRE

Ah! — Vater!

Sinkt nieder

Vater — — —

MAKROT

steht über die Leiche gebeugt, mit betäubt.

EINER AUS DEM VOLKE

Jetzt bist du daran!

MAKROT

lauscht

Halt. — Wartet. — Hört ihr einen Wagen kommen?

VOLK

lauscht in Erwartung.

MAKROT

Ein Wagen holpert übers Pflaster.

Ein Wagen fährt herein.

MAKROT

stürzt dem Wagen entgegen

Wer

Fährt da?

KUTSCHER

Der General Nowicki!

MAKROT

Wer? —

Wer, sagst du, fährt?

VOLK

umringt den Wagen.

MAKROT

Seht her, die Brust besät

Mit Orden. Ein Verräter! Du Verräter

Lewicki! Ah —, ich kenne dich! Du Judas!

Sollst hängen, Bruder!

Es fallen einige Schüsse.

MAKROT

Oh, — schon tot! — Schon tot!

EINER AUS DEM VOLKE

Heraus die Leiche!

VOLK

zieht die Leiche aus dem Wagen heraus.

EIN ZWEITER AUS DEM VOLKE

Seht doch zu, wers ist!

KUTSCHER

Der General Nowicki!

Springt vom Bock.

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

Und erschossen

An Stelle von Lewicki! — Welches Unglück.

Ein Edler fiel an Stelle des Verräters!

KUTSCHER

führt die Pferde in die Seitengasse.

DER ERSTE AUS DEM VOLKE

Wer sagte da, es wäre ein Verräter?

Wer hat die Namen so verwechselt?

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

Hängt

Ihn auf!

VOLK

weist auf Makrot

Er wars.

DER ZWEITE AUS DEM VOLKE

Das Schandmaul soll man ihm

Mit seinem eignen Blut verkleben.

VOLK

stürzt sich auf Makrot, wirft ihn nieder und schleift ihn am Boden

Hängt

Ihn auf! — Ganz hoch! — An die Laterne! — Hängt!!

Spritzt, klatscht sein Blut, — sein Blut an alle Mauern!

Wirft die Leiche auf die Straße, entfernt sich in der Richtung auf die Hauptstraße

An den Mauern schleichen entlang

KEREN

stürzen zu den Leichen der Gefallenen, beugen sich darüber und Saugen das Blut

Saug alles Böse aus dem Gebein,

Den Geifer aus den Wunden.

ERSTE KERE

über Makrots Leiche gebeugt

Der hier ist mein.

ZWEITE KERE

über Potockis Leiche gebeugt

Der mein.

DRITTE KERE

über des jungen Gendre Leiche gebeugt

Der mein.

ERSTE KERE

an Makrots Leiche geklammert

Ha! Ein Spion.

ZWEITE KERE

an Potockis Leiche gesaugt

Ein großer Herr.

DRITTE KERE

an des jungen Gendre Leiche geklammert

Ein armer Schächer.

ERSTE KERE

Saug das Leid

Heraus und kose, schmeichle, herze.

ZWEITE KERE

Wenn du die Seele von dem Joch befreist

Und aus der Seele alle Sünden reißt,

Dann leiten wir sie auf die Insel

Zum Spaß.

DRITTE KERE

Zum Spaß.

ERSTE KERE

Zum Spaß.

In der Gasse hört man das Knarren eines Schlosses; in der Mauer öffnet sich eine enge Pforte, daraus tritt

FÜRST ADAM CZARTORYSKI

in einen weiten Mantel gehüllt, späht umher, bleibt im Schatten der Mauer stehen

ZWEITE KERE

Man naht...

DRITTE KERE

Ein Lebender.

ZWEITE KERE

Im Schatten

Der Mauer blieb er stehn.

FÜRST ADAM CZARTORYSKI

ist einige Schritte gegangen; steht im Licht, lauscht und späht, nachdenklich.

ZWEITE KERE

Er trat ins Licht.

DRITTE KERE

Er spricht.

ZWEITE KERE

Sucht der Gedanken Gleichgewicht. —

FÜRST CZARTORYSKI

Die Krone — — —

ZWEITE KERE

Von der Krone träumt der Tor.

FÜRST CZARTORYSKI

in Gedanken versunken

Wohin mich wenden —?

ZWEITE KERE

Hüt dich vor

Gedanken, die du denkst!

FÜRST CZARTORYSKI

blickt sich um

Sind sie

Der Zukunft allzu schnelle Boten — — —?

Will nach der Hauptstraße zu gehen

Nein, — nein, hinweg —

ZWEITE KERE

erhebt das Haupt

Sie hören, — —

FÜRST CZARTORYSKI

ist stehen geblieben, beugt sich nieder, um zu sehen, zu verstehen

Wer!?

ZWEITE KERE

erhebt sich langsam, von ihren Lippen sickert Blut

Die Toten!

PERSONEN DER ACHTEN SZENE:

  1. Ares
  2. Johanna
  3. Siegesgöttinnen
  4. Kora