IN DER WOHNUNG LELEWELS
Ein großes Zimmer im ersten Stock. Links zwei Fenster. Im Hintergrunde eine Tür, die zur Diele führt. Rechts Tür zum Nebenzimmer. An den gelben Wänden Regale aus roh gehobelten Brettern, auf ihnen viele ungebundene Bücher. Tisch, einige Stühle, ein Sofa. Auf dem Tisch eine Lampe, Schreibzeug und Zeichengerät.
JOACHIM LELEWEL
sitzt über den Tisch gebeugt; er hält eine Münze in der Hand, die er durch ein Vergrößerungsglas betrachtet
Was mag das nur für eine Münze sein —?
Die Umschrift ist fast nicht mehr zu entziffern.
B, O, — Bolesław, — aber welcher?
Legt die Münze beiseite, nimmt ein Buch
Ich will vergleichen ...
Es klopft; aus der Diele stürzt herein
XAVER BRONIKOWSKI
atemlos
Bist du, Lieber, da? —
Ich lief, was mich die Füße tragen konnten,
Mit Mühe nur schleppt ich mich bis hierher.
Unmittelbar ihm nach tritt durch die halb geöffnete Tür Hermes und bleibt an der Schwelle stehen.
BRONIKOWSKI
Weißt du, was dort geschieht?!
LELEWEL
Sprich leise. — Still.
Dort drinnen —
weist auf die Tür rechts
stirbt mein alter Vater.
BRONIKOWSKI
Endlich
Schlug uns die heiß ersehnte bange Stunde.
Wir leben und das Leben kennt kein Ende.
Die Fähnrichsschule machte heut den Anfang.
Sie schlugen los und haben schon den Fürsten
Gefangen oder ihn getötet. Jetzt
Heißts unverzüglich die Regierung bilden.
LELEWEL
Was sagst du?! — Es bereitet sich schon lange; —
Doch heute, — da doch jeder Augenblick
Gezählt; — du weißt, was ich für diese Sache
Empfinde. — Aber jetzt, da jede Stunde
Die letzte sein kaun, — kommt die Müdigkeit, —
Schlaflose Nächte — gestern, — ehegestern, —
Seit einer Woche hab ich niemanden
Gesehen.
BRONIKOWSKI
Heute morgen in der Kirche
Beschwuren sie’s — Nabielak nahm den Schwur
Entgegen, — übernahm auch den Befehl.
In diesem Augenblick, — die ganze Stadt
Hat sich empört. Doch morgen schon, — wer weiß ...
LELEWEL
Ein neuer Tag —! Ein Tag! — Seit langem schon
War ich bereit, — gewiss, — doch heute — nein,
Ich höre nichts von alledem, was du
Mir sagst, — denn mein Gehör, es saugt sich fest
An jene Wand, — denn dort, jetzt — gleich — wer weiß —?
Dort wacht die Schwester, ich muss leise sprechen, —
Denn er ist eben eingeschlummert. — Wie
Ein Stein liegt diese Botschaft auf der Brust.
BRONIKOWSKI
O glaube mir, wir brauchen dich, wir können
Dich nicht entbehren, — man muss Leute sammeln. —
Jetzt in der Stunde, da das Volk erwacht,
Willst du beiseite stehn, gleichgültig bleiben?
LELEWEL
Ihr habt doch andere.
BRONIKOWSKI
Du hasts versprochen. —
Ruf sie zusammen, schreib die Listen aus. —
Das, was dich innerlich berührt, muss jetzt
Zurückstehn, da ein Größeres dich ruft,
Das sich erfüllen muss.
LELEWEL
Es wird geschehen,
Was Gott in seinem unerschütterlichen
Willen bestimmt, nicht das, was Menschen sinnen.
BRONIKOWSKI
fährt auf
Sie haben nicht das Recht, Herr —
LELEWEL
Wie das schmerzt — —
Gott hat zuerst ein andres Recht geschaffen;
Hier ruht mein Recht —, und jetzt in dieser Stunde
Kann ich vom Sterbebette meines Vaters
Nicht weichen. Und ich werd auch nicht. —
BRONIKOWSKI
Bist du
Von Sinnen?
LELEWEL
Ich will meine Seele nicht
Beflecken, — und das schuld ich meinem Vater,
Dass ich bei ihm verweile, bis dass er
Den letzten Atemzug getan. Der Gott,
Der Tote auferstehen lässt, hat wohl
Bestimmt, dass ich beiseite stehen soll
Und andere zur Tat berufen, mich
Wird er von dieser Sünde lösen.
BRONIKOWSKI
Soll
Ich denn mit leeren Händen gehn —?
LELEWEL
Du musst
Mit leeren Händen gehen. —
BRONIKOWSKI
Wie entsetzlich
Blickst du —? Ich eilte her und außer Atem
Stürzt ich herein im Glauben, dass Vernunft
Ich finde, dass ich Pallas treffe, dass
Die aegistragende bei dir verweilt, —
Und sehe, dass du nicht auf Pallas hörst,
Nur zitterst, bleich bist, nicht in Gluten stehst,
Ein Mann der Tat.
LELEWEL
Du findest Pallas nicht
Bei mir und findest auch die Hoffnung nicht;
Durch meines Denkens schwelend Glutenhäufchen
Fuhr mir ein Hauch von Chaeronaeas Luft.
Drum bin ich bleich und fürchte mich; du findest
Bei mir nicht Pallas, nicht die Hoffnung wieder.
Ich sehe anderes, — ich sehe Hermes
Nackt in das Zimmer treten, seh ihn stehen
Auf dieser Schwelle und die Schlange zuckt
In seiner Hand; — er lauert, um die Seele
Des Menschen zu verführen, wenn noch heute
Des greisen Vaters toter Leib mir dort
In jenem Zimmer sollt im Arme ruhen.
Solange dieser Gott die Schwelle hütet,
Wird keine andre Gottheit Einlass finden.
Nun richte selbst, mein Bruder, bin ich schuldig —
Heut weiß ich nichts, — erinnre mich an nichts,
Gestorben ist mir heute alles, — tot, —
Nur Tränen würgen mich, — ach —
BRONIKOWSKI
geht hinaus.
LELEWEL
Lebe wohl!
Lauscht an der Tür des Nebenzimmers, kehrt dann zum Tisch zurück
Bolesław, — aber welcher —? Inschrift, — und
Ein Ritter hoch zu Pferd, — mit Schwert und Schild,
Ein Schwert zur Seite. — Ja, ein Fund. Ich zeichne
Es ab, dann find ich seinen Ursprung leichter
Heraus.
Er zeichnet
Der Kopf ist schwer. — Ich sehe schlecht. —
Die Umrisse verschwinden vor den Augen.
Hört auf zu zeichnen.
HERMES
geht auf das Nebenzimmer zu.
LELEWEL
in Gedanken versunken
Wer mags nur sein —? Fürst Czartoryski, — hm, —
Niemcewicz, — und vielleicht Lubecki —? Ja,
Es wird. Man muss den Reichstag einberufen. —
Der Finger Gottes. — Es fängt an. — Chłopicki. —
Es ist schon spät.
Sieht auf die Uhr
Neun Uhr.
HERMES
geht durch die Tür rechts ins Nebenzimmer.
LELEWEL
steht auf, wankt, geht zum Fenster, bleibt einen Augenblick stehen. Geht dann zum Tisch zurück und setzt sich. Die Uhr schlägt neun Schläge. Aus der Tür rechts kommt
HERMES
vom alten Lelewel gefolgt.
DER VATER
folgt Hermes zur Tür im Hintergrunde, bleibt auf halbem Wege stehen, hinter dem Stuhl des Sohnes
Was wartest du? Von dort kehrt niemand wieder.
Du lebst und musst nun handeln. Warte drum
Nicht länger, — ich bin nur ein Schatten und
Verschwinde mit dem ersten Morgengrauen.
Ich sinke, wie ein alter Baumstamm sinkt,
Der morsch und schwach gar viele Jahre trug.
Du lebst, — drum lass das Leben dich umbrausen.
Denk an die Tat, vollende sie mit denen
Im Bunde, die dir Gott zu Brüdern gab. —
Sieh, der Gedanke ist ein Hauch, — erhasche
Ihn, — öffne deine Brust und sauge ihn
Mit tiefem Atemzuge ein. O sieh,
Ein Hauch ist der Gedanke nur, — ein Sturm
Weht ihn hinfort — und du bleibst, — arm und leer;
Der Morgen kommt und du erwachst und fühlst
Den Fluch der Schuld: Der neue Tag erwacht
Und ist dem alten gar so fremd ...
LELEWEL
in Gedanken versunken
Es naht die letzte Stunde meines Vaters,
Er kämpft den letzten Kampf und gerade jetzt,
Da er zum ewgen Schlummer sich bereitet,
Erwacht die Menge, reißt sich los und drängt
Zum Frühlicht eines neuen Lebens. Ich
Muss abseits bleiben, muss das Feuer hüten,
Verschränkt die Arme an dem Grabe stehen,
Das meine Hände ihm geschaufelt haben, —
Soll ich beim Leichenschmaus mich freuen dürfen?
VATER
Leb wohl, mein Sohn, weit ist der Weg, ich ziehe
ln ferne Lande, in Elysiums Haine,
Ins Reich des ewgen Schlafes, und der Blick
Wird trübe, nächtger Tau blinkt auf den Wimpern
Und kaum vermag ich dich noch zu erkennen.
Leb wohl, mein Sohn, — und meine letzte Bitte,
Bewahre deine Hände rein vom Blut —!
LELEWEL
steht auf
Warum verschränkt die Arme? — Dort, — mein
Werk, —
Das Zeichen, — letzten Endes Ziel, — — dort, —
Blut, — —
Hier liegt mein Vater in den letzten Zügen
Und ich, — ich weine. Geh, o lass mich frei,
Ich bin zu schwach für diese Last, die mich
Erdrückt, — ich fleh dich an, — ich will nicht
weinen, —
Nicht Tränen will ich jetzt vergießen, — Blut,
Blut will ich, — Blut, — mein Vater!
VATER
O bewahre
Die Hände rein von Blut. —
LELEWEL
Blut will ich, — Blut;
Die Stimme, — ach, ein Flüstern, — — welch ein Schatten —?
Die Scheiben klirren, — grausger Wind, ein Sturm
Fegt durch die Gassen. Menschenknäuel winden
Sich durch die Straßen — dort, — und hier, — wie müde
Bin ich, — so müde, — Schlaf, — ach Schlaf, — so viele
Schlaflose Nächte hier, — und dort erwachen
Jetzt Menschen, stehen auf, stürmen dahin, —
Geboren wird jetzt der Gedanke und
Ein Reich wird aufgebaut, — feurige Wehen —!
Warum darf ich nicht auch dorthin — —?
VATER
Ich gehe, —
Dein Herz, vermag ich nicht zu retten.
LELEWEL
Schon
Begann das große Werk, ist halb getan.
VATER
Bewahre deine Hände rein von Blut.
LELEWEL
Der Freiheit goldner Feiertag, — jetzt gilts —
Ein Hauch ist der Gedanke, — weht dahin, —
Polen wird dort geboren.
VATER
Du warst mir
Ein treuer Sohn...
LELEWEL
Fort Tränen, Leid und Schmerz;
Das große Werk ergriff schon der Gedanke, —
Ein Hauch spielt er dahin und wird, — fort jetzt,
Ihr Tränen, fort ...
VATER
Ich geh zur Ewigkeit.
LELEWEL
Gib mir die Kraft, mach hart mein Herz, den Kummer,
Den Schmerz zu überwinden, stark zu sein.
Um auch dorthin zu gehen, wo der Kampf
Beginnt und Polen jetzt geboren wird
Aus heißer Sommernächte glühnden Träumen.
VATER
folgt Hermes langsam zur Tür im Hintergrunde
Ich gehe in das Reich des ewgen Friedens.
Ade! Ade! Ade!
Verschwindet in der Tür.
LELEWEL
wendet sich um, sieht die Tür offen
Was gibt es —? Kam schon wieder jemand her,
Um mich zu rufen —? Was bedeutet das?
Der Flur ist leer.
Aus dem Zimmer links kommt
DIE SCHWESTER LELEWELS
bedrückt.
LELEWEL
sieht sie an
Mein Vater!!!
Blickt zur Tür
Meines Vaters
Schatten!
SCHWESTER
weist auf die Tür des Zimmers, aus der sie gekommen, unsicher, leise
Er schläft, — er schläft —
LELEWEL
in Gedanken, leise
Ich weiß, es ist
Der ewge Schlaf.
SCHWESTER
Ich wagte seine Stirne
Nicht zu berühren. —
LELEWEL
will etwas sagen.
SCHWESTER
Leiser...
LELEWEL
Ihn erweckt
Jetzt keine Stimme mehr. Sein Geist ist schon
Dahingegangen.
Sie gehen beide in das Zimmer des Vaters, aus dem Lelewel sogleich zurückkehrt.
SCHWESTER
kehrt zurück und bleibt auf der Schwelle stehen
Sahst du? Tränen fließen
Aus halbgeschlossnen Lidern noch herab...
LELEWEL
Die letzten Worte, die er zu uns sprach.
SCHWESTER
Ich hörte, du warst nicht allein, — ich wagte
Nicht einzutreten, doch ich öffnete
Die Tür ein wenig. Ging dann wieder fort,
Doch nur so weit, um euch zu lauschen. Prot
Hab ich erwartet, grad zu dieser Stunde
Versprach er mir zu kommen und ich wollte
Mit ihm zusammen Vaters Bett erneuern,
Denn ich allein vermöcht es nicht; — vorüber
Sind nun die Sorgen, — alles ist nun aus,
Da seine Seele einging zu dem Herrn.
PROT, LELEWELS BRUDER
stürzt strahlend vor Freude durch die offne Tür im Hintergrunde herein. Da er sein freudiges Gefühl in Worte fassen und von den Ereignissen in der Stadt erzählen will, gewahrt er den Bruder und die Schwester, die regungslos dastehen; die Worte ersterben ihm auf den Lippen.
NIKE VON CHAERONAEA
eilt kurz nach ihm herein, verbirgt ihn mit plötzlicher Bewegung der Hand vor den andern und spricht an seiner Stelle
Freude will ich euch künden!
Sehet, die Toten winden
Kränze aus Rosen!!
Die Feinde erliegen,
Die Eueren siegen,
Zerbrochen die Ketten,
Die Freiheit zu retten
Wandelt der Tod und mäht.
Greift nach der Fahne, sie weht
Durch die Lüfte gegossen.
Was dich gebunden,
Ist nun geschwunden,
Der Tod hat auch dich befreit,
Nahm dir Sorge und Leid.
Auf! — und erwache in Glut, —
Sieh, dort draußen fließt Blut,
Sieh, dort draußen rauscht zündend die Wut!
Seid ihr zu schwach, die Liebe zu knechten?! —
Euch kam die Freiheit — aus göttlichen Rechten!!
Trommelwirbel des durch die Straßen ziehenden Heeres.
PERSONEN DER SIEBENTEN SZENE:
- Pallas Athene
- Ares
- Peter Wysocki
- Sewerin Goszczynski
- Ludwik Nabielak
- General Zymirski
- Leutnant Czechowski
- Leutnant Zaliwski
- Graf Stanislaus Potocki
- Fürst Adam Czartoryski
- Der junge Gendre
- Makrot
- Ein Gendarmeriecoffizier
- Ein Kutscher
- Fähnriche
- Aufständische
- Leute aus dem Volke
- Erste Kere
- Zweite Kere
- Dritte Kere