IM THEATER ROZMAITOŚCI

Der Bühnnraum von hinten gesehen. Rückwände der Dekorationen; im Hintergrunde ist der Vorhang heruntergelassen. Satyrn aus einem Ballett, das getanzt werden soll, hängen Kulissen auf und plazieren Versatzstücke. Schauspieler im Kostüm ihrer Rollen.

SCHAUSPIELER

auf der Bühne, hinter dem Vorhang; sagt an

Wir spielen eine Posse mit Gesang!

PUBLIKUM

im Zuschauerraum hinter dem Vorhang

Ja, mit Gesang!

SCHAUSPIELER

Mit Kudlicz als Mephisto!

PUBLIKUM

Hoch Kudlicz!

SCHAUSPIELER

Zwischendurch auch ein Couplet,

Wie’s grade passt, — so a propos.

PUBLIKUM

Kudlicz! Couplets!

SCHAUSPIELER

Wir fangen an!

Tritt ab, der Vorhang geht auf; man sieht den erleuchteten Zuschauerraum.

PUBLIKUM

in den Logen und im Parterre, in reger Unterhaltung, steht in Gruppen, ohne sich um die Vorgänge auf der Bühne zu kümmern; auf der Bühne Fausts Studierzimmer

FAUST

beschwört.

MEPHISTO

steigt aus der Versenkung empor; Pantomime; Mephisto macht beschwörende Gesten, es erscheint

VENUS-HELENA

einen Pokal in der Hand.

FAUST

kniet vor der Erscheinung.

MEPHISTO

nimmt den Pokal entgegen.

VENUS-HELENA

verschwindet.

MEPHISTO

reicht Faust den Pokal.

FAUST

trinkt; sein schwarzer Mantel fällt ab; er steht verjüngt da. Ein Gazevorhang geht nieder und verdeckt den Zuschauerraum; auf der Bühne Umbau; Zwischenaktsmusik.

ERSTER SATYR

springt am der Kulisse, weist aufs Publikum

Was denken die? —

ZWEITER SATYR

An andere Sachen.

Nicht daran, was wir oben machen.

ERSTER SATYR

So müssen wir was Neues bringen,

Die sollen staunen —

ZWEITER SATYR

Ha ha ha.

ERSTER SATYR

Pass nur gut auf, es wird gelingen

Das lustige Allotria.

Ich also bin der Großfürst, — du

Der Grieche und mein Ohrenbläser.

ZWEITER SATYR

reicht ihm einen Frack

Der Frack!

ERSTER SATYR

ziehtden Frack an

Bind mir die Schärpe zu!

im Befehlston

Die Pfoten weg!

ZWEITER SATYR

kichert

ERSTER SATYR

Halts Maul! Steh still!

Ducken sich hinter die Kulisse; inzwischen ist der Umbau beendet; die Bühne stellt den Platz vor dem Dome vor; der Vorhang geht auf und enthüllt den Zuschauerraum.

GRETCHEN

tritt aus dem Dom.

FAUST

nähert sich ihr

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit —?

GRETCHEN

Ich danke sehr.

FAUST

Will Ritterdienste Euch antragen,

Als Eurer Tugend Schirm und Wehr.

GRETCHEN

Ich bitt Euch, lasst mich schon allein.

FAUST

Wie kann man so hartherzig sein?

GRETCHEN

Ich werde weich, wenn Ihr Euch trollt.

Sie gehen vorüber. Nach ihrem Abgang springen die Satyrn auf die Bühne; leise Musik.

ERSTER SATYR

als Großfürst

Was sagen denn die Polenmädchen

Von mir? Sie sind bei Gott nicht faul!

ZWEITER SATYR

als Adjutant Kuruta

Sie singen überall im Städtchen,

Hoheit hätt ein Kalmückenmaul.

ERSTER SATYR

Was sagen denn von mir die Polen?

Raus mit der Sprache, du Genie.

ZWEITER SATYR

Sie reden —, mags der Teufel holen...

ERSTER SATYR

Wovon?!

ZWEITER SATYR

Von Hoheits Idiotie.

ERSTER SATYR

Wer sprach davon?

ZWEITER SATYR

Ich habs vergessen.

ERSTER SATYR

Verdienstkreuz erster! — Weißt du’s nun?!

ZWEITER SATYR

weist ins Publikum

Wenn Eure Hoheit denn geruhn

Gnädigst gewahr zu werden dessen —

Dort im Fauteuil.

ERSTER SATYR

Chłopicki?

ZWEITER SATYR

Stimmt.

PUBLIKUM

steht von den Plätzen auf, wird neugierig; der Gazevorhang fällt; auf der Bühne Umbau.

SATYRN

verschwinden in den Kulissen; Zwischenaktsmusik.

SCHAUSPIELER

läuft wütend auf der Biihne umher

Der Vorhang sollte doch gleich fallen

Nach Faustens Abgang, — Schweinerei!

Wo steckt der Kerl vom Vorhang wieder?!

ERSTER SATYR

Siehst du wohl, unsere Spielerei

Hat ihm nicht sonderlich gefallen.

SCHAUSPIELER

Mir war doch, als ob jemand spielte?!

ERSTER SATYR

Ihm war so —!

ZWEITER SATYR

Gott, wie ist er bieder,

Erkannte meinen Bocksfuß nicht.

SCHAUSPIELER

zu den Statisten

Antreten bitte zum Ballett!

Und achtgegeben auf mein Zeichen!

ERSTER SATYR

zum zweiten

Vergiss nicht, mir den Helm zu reichen.

Ich werd so tun, als fehlt mir was.

Ein Legionär wird dann auf Richt

Euch stramm in Reih und Gliede stehn.

Ich werde fluchen, werde blass

Vor Wut und reiß die Achselstücke

Herunter; du wirst dieses sehn

Und dich so räuspern:

räuspert sich

Hm, hm, hm.

Der Umbau ist inzwischen beendet; die Bühne stellt einen öffentlichen Platz vor; der Vorhang geht auf; der Zuschauerraum wird sichtbar; auf der Bühne Bürger und Bürgerinnen; wandeln auf und ab.

SATYRN

ein Teil der Satyrn erscheint hinter den Kulissen im Zuschauerraum im Parterre.

DRITTER SATYR

hinter dem Sessel Chłopickis

Weißt du noch auf dem Sächsischen Platze,

Wie vor der Front

Hoheit der Großfürst und Thronerbe

Wie toll umhersprang, stampfte und stieß,

Kaum vor Wut sich noch halten könnt,

Und dann einem die Achselstücke

Schäumend und rasend herunterriß

Und mit den Füßen im Kot zertrat? —

Da ward es still...

Du aber blicktest von weitem zu, —

Räuspertest dich...

CHŁOPICKI

räuspert sich laut.

DRITTER SATYR

Plötzlich wandte er sich dann um

Und der Degen in seiner Hand

Zitterte, denn aller Augen waren

Auf dich gebannt...

PUBLIKUM

wird auf Chłopicki aufmerksam.

DRITTER SATYR

Er erkannte dich und wurde rot,

Brummte dann etwas vor sich hin,

Spornte sein Pferd und ritt davon.

Und die Parade war aus.

SATYRN

lachen

Haha — haha

Beinahe ward er toll.

DRITTER SATYR

Denn er hat Angst vor dir, der Heiduck.

VIERTER SATYR

Blickt da empor und sieht Chłopicki.

Auf die Bühne kommen Statisten in Gardeuniform und stellen sich in zwei Reihen zu beiden Seiten der Bühne auf; bilden so ein Spalier für das Ballett; die Musik spielt eine Ballettweise.

ERSTER SATYR

der den Großfürsten vorstellt, stürzt mit dem bloßen Degen in der Hand auf die Bühne und läuft die beiden Reihen der Soldaten ab, indem er mit dem Degen die Richtung prüft; als er sieht, dass ein Soldat den Helm eines polnischen Soldaten trägt, droht er ihm mit der Faust, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, reißt ihm die Achselstücke ab, schleudert sie zu Boden, tritt sie mit Füßen; — Stille.

ZWEITER SATYR

in einem weiten Mantel und Zylinder, in Kleidung und Gebaren den General Chłopicki vorstellend, räuspert sich.

ERSTER SATYR

der den Großfürsten vorstellt, stürzt bei diesem Räuspern von der Bühne.

PUBLIKUM

lacht laut auf.

DRITTER SATYR

hinter dem Sessel Chłopickis

Seine Hoheit wurden rot

Und ganz Warschau lachte.

SATYRN

Hahaha, — hahaha —

PUBLIKUM

Hahaha — hahaha —

ERSTER SATYR

in den Kulissen

Vorhang!!

SCHAUSPIELER

in den Kulissen

Was gibts?!

PUBLIKUM

Da capo! da capo!

Der Gazevorhang fällt wieder; Zwischenaktsmusik.

SCHAUSPIELER

stürzt wütend auf die Bühne

Wer ist hier Herr!!

ERSTER SATYR

in den Kulissen

Das war ein Spiel!

PUBLIKUM

hinter dem Vorhang, unsichtbar

Bravo!!!

ERSTER SATYR

kommt auf die Mitte der Bühne, triumphierend

Das Publikum ruft.

PUBLIKUM

Da capo! da capo!

SCHAUSPIELER

verzweifelt

Man macht uns das Theater zu!!

ERSTER SATYR

spottend

Das wäre ne Schande!

SCHAUSPIELER

Rede du! —

Zu den Satyrn

Ihr solltet tanzen, denke ich!?

ERSTER SATYR

aufgeblasen

Mein werter Freund, Sie irren sich,

Sie können uns nicht kommandieren!

ZWEITER SATYR

lachend

Jedoch du kannst uns engagieren!

SCHAUSPIELER

Wer seid ihr denn!!?

ERSTER SATYR

Ich bin ein Gott!

Und spiele so, wie mirs gefällt!

SCHAUSPIELER

Bis dich der Teufel mal beim Wickel halt!

ERSTER SATYR

In mir erblickst du die Person,

Die mit den Menschen sich will amüsieren!!

Die Musik wird leiser.

ZWEITER SATYR

beschwichtigt den Schauspieler

Das Spiel beginnt.

SCHAUSPIELER

sieht sich um

Wie? Ist denn schon

Auerbachs Keller, in der Ecke

Fehlt ja das Weinfass!!

ERSTER SATYR

zum zweiten

Komm und stecke

Dir auch die Maske vor!

Der Umbau ist inzwischen beendet; Auerbachs Keller. Der Vorhang geht auf; auf der Bühne sitzen und liegen betrunkene Studenten auf Stühlen und Bänken herum und zechen inmitten von Fäsern.

STUDENTEN

singen durcheinander

MEPHISTO und FAUST

kommen zur Mitte der Bühne.

MEPHISTO

zu Faust

Hör nur gut zu, — und eins zwei drei

Liegt dir die Dirne schon im Arm.

Drum frisch ans Werk.

FAUST

Wie solls gelingen?

MEPHISTO

Mit Gold. Des Goldes Melodei

Wird auch dem Mädchen lieblich klingen.

FAUST

Ich hab kein Gold.

MEPHISTO

Was tuts? Der Schwarm

Der Geister ist zu meinen Diensten.

Und hast du Lust, so zeige ich

Sogleich ein Beispiel dir von meinen Künsten.

Er beschwört; es erscheint

PANDORA

ein Kästchen in den Händen.

MEPHISTO

nimmt ihr das Kästchen ab.

PANDORA

verschwindet.

MEPHISTO

reicht Faust das Kästchen

FAUST

öffnet es und betrachtet die Kleinodien.

MEPHISTO

So kriecht der Mensch in jene Maschen

Des Netzes, das ich ausgespannt.

Geh jetzt zu ihr, — sie wartet liebentbrannt,

Und reichts nicht aus, so füll ich deine Taschen.

FAUST

Wie viele Seelen hast du schon verführt,

Dass sie vom Golde trunken waren?

ERSTER SATYR

in Maske, inmitten der Zechenden

Tagtäglich werden Orden dediziert.

ZWEITER SATYR

gleichfalls in Maske

Den Zaren machte Gott zum Zaren.

ERSTER SATYR

Den Rest der Nacht will ich mich nun ergetzen,

Mich heut am Wein, morgen am Blute letzen!

ZWEITER SATYR

Sein Ordensband will ich zur Schlinge winden

Und ihn erwürgen, heute finden

Mich Lieder lustig, Lieder froh!

STUDENTEN

singen

Tralalala — tralalala.

Lalalalala!

ERSTER SATYR

Schwört, das Geheimnis zu bewahren.

ZWEITER SATYR

Die Maske deckt uns heute.

ERSTER SATYR

Doch morgen mit dem Frühlichtschein

Erkennt man uns, ihr Leute.

ZWEITER SATYR

Beim Fürsten halten wir die Wache.

ERSTER SATYR

Und stoßen zu, — ins Herz hinein.

Wir rechnen ab am Tag der Rache!

ZWEITER SATYR

Der Zar ist nicht mehr Zar!

STUDENTEN

betrunken; singen

Tralalala. Tralalala.

Tralalala — Juchhe!!

Der Gazevorhang fällt; Zwischenaktsmusik; auf der Bühne Umbau.

SCHAUSPIELER

zu den Satyrn

Ich weiß nicht, was das alles soll!?

Das Spielgeld werd ich Ihnen kürzen.

ERSTER SATYR

Scheint dir jetzt alles noch so toll,

So wirst du morgen alles dies verstehn!

ZWEITER SATYR

Dass Sie sich bloß nicht in Unkosten stürzen!

SCHAUSPIELER

zu den Theaterarbeitern

Ich bitte, auf die Herren achtzugeben,

Sie stören mich hier immerzu.

ZWEITER SATYR

stampft auf die Versenkung und gibt damit das Zeichen, sie herabzulassen.

ERSTER SATYR

Nur einen Augenblick und du wirst schweben

Hinunter in der Tiefen kühle Ruh.

SCHAUSPIELER

versinkt mit der Versenkung, auf die er aus Versehen getreten ist. Inzwischen ist auf der Bühne der Umbau beendet; die Bühne stellt den Garten bei Gretchens Hause vor; der Vorhang geht auf, man sieht wieder den Zuschauerraum.

SATYRN

ducken sich hinter die Kulissen.

MEPHISTO und FAUST

treten auf.

FAUST

legt ein Kästchen aufs Fensterbrett.

MEPHISTO und FAUST

verbergen sich hinter den Sträuchern.

GRETCHEN

erscheint im Fenster, erblickt das Kästchen, öffnet es, entnimmt ihm die Kleinodien und legt sie zögernd an

O diese Pracht,

Wie’s blinkt und lacht

Mich an. — O sieh...

MEPHISTO

Das hast du gut gemacht.

Sieh, wie sie greift,

Ihr Auge schweift

Gar lüstern im Betrachten.

Geh nun heran,

Ein solcher Mann

Wie du wird nicht vergebens schmachten.

Summt

Zähl, mein Mädel, zähl die Steine,

Morgen kommen wir ins reine.

GRETCHEN

zu Faust

Lieber Herr, Ihr habt mir dies geschenkt;

Ist denn alles das für mich?

FAUST

Was die liebe Unschuld denkt!

Lass dich lieben, — küssen dich!

GRETCHEN

Ist mir doch, als ob Ihr, Herr,

Immer mich geliebt.

Liebt Ihr mich auch wirklich sehr — ,

Und nur mich?

FAUST

Du bist betrübt?

Sag, was ists?

GRETCHEN

auf Mephisto deutend

Wer ist der Mann?

FAUST

Mein Diener ist es.

GRETCHEN

Lass ihn gehn...

FAUST

Damit du und ich alsdann —

Ungestört...?

GRETCHEN

So lass ihn stehn.

In der Umarmung ab.

MEPHISTO

singt zur Laute

Jahre eilen, Jahre schwinden

Und die Jugend flieht.

Der nur kann das Leben finden,

Der aus allen heißen Sünden

Glutenschauer trunken zieht.

Wangen welken, Lippen bleichen,

Schelm! wer in den vollen, reichen

Kelchen nicht das Leben sieht.

PUBLIKUM

erkennt Kudlicz in der Rolle des Mephisto

Kudlicz! Couplets!

KUDLICZ

verneigt sich.

SATYRN

erscheinen an Kudlicz’ Seite und verneigen sich gleichfalls.

KUDLICZ

greift einen Akkord auf der Laute, singt

Je protege la loi, l’effronterie

enfin je vous permet de vivre;

connaissez la grâce suprème:

SATYRN

„Point des rêveries.”

PUBLIKUM

erstaunt.

KUDLICZ

greift einen Akkord

Je protege le viole, l’escroquerie

dans des ordres, qui vont se suivre.

C’est mon loyale système:

SATYRN

„Point des rêveries.”

PUBLIKUM

wiederholt interessiert

„Point des reveries.”

KUDLICZ

Quand on vous verra fideles, reptiles,

SATYRN

singen

Vous serez invités à la cour.

KUDLICZ

Vous pourrez marier les dames gentilies,

des dames, qui étaient mes amours.

Je danserais moi-même fleuri:

KUDLICZ und SATYRN

„Polonais, point des rêveries.”

SATYRN

Vive la loi, l’effronterie;

c’est Dieu, qui vous donne la raison:

„Polonais, point des rêveries.”

PUBLIKUM

wird unruhig.

SATYRN

verbeugen sich.

DRITTER SATYR

im Souffleurkasten, hilft Kudlicz ein

Man kann sich mit der Zeit an Sklaverei gewöhnen.

KUDLICZ

wiederholt achtlos

Man kann sich mit dem Schmerz, dem Leid aussöhnen;

Kann tanzen.

DRITTER SATYR

Wenns der Zar befiehlt ...

KUDLICZ

Kann lachen, wenns der Zar erlaubt.

PUBLIKUM

steht von den Plätzen auf

Was ist denn das, was der da spielt? —

Was soll das heißen? — Steht das überhaupt

ln seiner Rolle?!

Plötzlich wird im Zuschauerraum die Tür von der Straße ins Parterre aufgerissen, auf der Schwelle steht

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Zu den Waffen! Zu den Waffen!

Wie lange wollt ihr noch die schlaffen

Glieder vom Stahl der Ketten schürfen lassen?

Seht dort den Kriegsgott in den Straßen, —

Er eilt dahin in wildem Lauf

Und ruft die Brüder auf

Zum Kampf!!

Tritt die Stufen, die vom Parterre in den Saal führen, hinunter.

LEUTNANT ZAJONCZKOWSKI

stürzt unmittelbar hinter ihr von der Straße herein, bleibt in der offenen Tür stehen und ruft

Sie morden unsere Brüder in den Straßen!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

eilt durch die Mitte zwischen den Parkettreihen hindurch, bis sie vor dem Sitze Chłopickis steht, den sie an der Schulter berührt

Steh auf!

CHŁOPICKI

springt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Ruhm!! Stehe auf!

Fliege empor zu Kampf und zu Sieg!

Du nur vermagst das Werk zu vollbringen;

Du nur allein wirst Lorbeer erringen, —

Aus meinen Händen das blühende Grün!

CHŁOPICKI

Was ist das?

ERSTER SATYR

Ein Schauspiel!

ZWEITER SATYR

Sieh dort! Sie binden

Die Russen.

PUBLIKUM

springt von den Sitzen auf

Sie morden?! — Man soll sie binden!

Wehrt euch! — Erhebt euch, — denn Warschau

brennt!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

zu Chłopicki

Steh auf und lass deine Stimme erschallen,

In deinem Namen will ich allen,

Durch deinen Ruf den Sieg verleihen!

CHŁOPICKI

Seine Stimme übertönt den Lärm des Durcheinanders

Ein jeder gehe ruhig jetzt nach Haus!

LEUTNANT DOMBROWSKI

betritt mit gezogenem Degen von der Straße her den Saal, an der Spitze einiger Soldaten mit aufgepfanzten Bajonetten.

PUBLIKUM

Was ist geschehn?!

ZAJONCZKOWSKI

General Chłopicki spricht!

PUBLIKUM

Still! Hört ihn an!

ERSTER SATYR

Ein Wunder flicht

Den Zauberkranz um unsere Sinne.

ZWEITER SATYR

Man will euch Furcht einjagen!

ERSTER SATYR

Will euch schrecken!

DOMBROWSKI

weist auf einige russische Offiziere im Parkett

Sie sind verhaftet!

SOLDATEN

umringen die russischen Offiziere

CHŁOPICKI

von seinem Platze aus

Weg! — Gehorchen Sie!

Auf die russischen Offiziere weisend

Die Herren stehen unter meinem Schutz.

Zu Dombrowski

Ich bitte, sich jetzt zu entfernen! Die

Soldaten gehn sofort aus diesem Saal!

DOMBROWSKI

Sie wissen, scheints, nicht, dass wir uns empört!

CHŁOPICKI

Erst lernen Sie gehorchen, wenn man Ihnen

Befehle gibt.

DOMBROWSKI

Sie übernehmen die

Verantwortung?!

CHŁOPICKI

Sie schweigen! — Ich befahl.

DOMBROWSKI

Dass jeder auf Ihre Befehle hört,

Sei dieses der Beweis, Herr General.

Zu seinen Leuten

Mir nach! Abteilung marsch!

Geht zur Tür.

SOLDATEN

ihm nach; ab.

ERSTER SATYR

Verlacht!!!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

zu den Satyrn auf der Bühne

Hinweg von hier! — ln diesem Augenblick,

Da jeder zu den Waffen greift, dem Sieg

Entgegeneilt, — steht ihr auf dem Theater!?

Betritt die Bühne, von Chłopicki gefolgt.

PULIKUBM

Wo ist Chłopicki?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Er ist fort.

PUBLIKUM

Er war doch unter uns!

ERSTER SATYR

Ja, auf mein Wort,

Er ist vor euch, ihr Lieben, ausgerissen.

PUBLIKUM

Dort morden sie! Dort?! — Wo?

ZWEITER SATYR

Im Belvedere!?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

hat Chłopicki mit ihren Flügeln verdeckt; spricht deklamierend von der Bühne herab zum Publikum

Geht jetzt hinaus! Des Saales Türen schließen!

In alter Ruhe soll das Leben fließen!

SATYRN

löschen die Lichter auf der Bühne aus.

PUBLIKUM

Seht, — lasst uns gehn, — die Lichter gehn aus.

Verlassen in Scharen das Theater. Der Gazevorhang fällt und verdeckt den Zuschauerraum, der noch erleuchtet bleibt.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

jagt die Satyrn fort

Hinweg mit euch!

Reißt ihnen die Lauten aus den Händen und zerschlägt sie.

ERSTER SATYR

Verlassen wir dies Haus,

Denn diese Zauberin ist toll.

Eilen durch den Zuschauerraum hinaus.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

kniet vor Chłopicki

Du bist der Führer, sieh, ich knie vor dir!

CHŁOPICKI

hebt sie auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Reich deine Hand zum treuen Bunde mir!

Sieht ihm in die Augen

Wenn alle dich mit heißen Augen suchen,

Umhüllt dich einer Wolke düstres Grau.

CHŁOPICKI

Ich sehe Kinder mit dem Feuer spielen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dich nur allein hüllt einer Wolke Grau,

Wenn alle dich mit heißen Augen suchen.

CHŁOPICKI

Wie anders dich die stolze Ruhe kleidet.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Die Menge schreit nach dir, — doch ihren Zielen

Gabst du nicht nach. Gewaltge Größe weitet

Dich ins Unendliche.

CHŁOPICKI

O Schwester mein, —

Du meisterst meinen Geist. — Mit dir allein

Durch Feuerrauch, durch der Kanonen Donner,

Durch Sturm und Hagel zu der Welten Enden!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dort wo der Ruhm blüht.

CHŁOPICKI

Ruhm!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dich krönt der Ruhm,

Bin ich mit dir, — ich bin dein blühnder Ruhm.

CHŁOPICKI

Und ginge man —?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Wohin?

CHŁOPICKI

Dorthin. —

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Was tönt —?

CHŁOPICKI

Das Werk.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Nein, — Straßenlärm, — doch hör ich ihn

Von weitem gern, an deine Schulter so

Gelehnt, — bedeck mein Antlitz mit den Händen

Und lausche, wie dort unten tief die Gluten

Im Schoß der Erde zucken, wie die Kruste

Der Erde birst und steile Flammen schlagen. —

Das Werk beginnt, sobald du dich besinnst,

Denn nur von dir allein hängt alles ab.

Denn du allein bist stark im Glauben, bist

Im Werke stark; das Volk wird dich zum Führer

Erwählen und wird alle seine Liebe

In dich ergießen, seinen einzgen Sohn.

CHŁOPICKI

Und wankt mein Volk und wird es schwach, so bliebe

Noch meine Kraft —?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Dein Sieg wird sein so schön,

Wie du ihn nie geträumt. Ich sehe schon

Dich, Führer, stolz im Siegeszuge gehn.

CHŁOPICKI

Mein Wille nur wird mich geleiten. Wenn

Ich will, so greif ich nach dem Feldherrnstab.

Ich spanne Adler mir an meinen Wagen

Und wenn ich will, so lang ich mir herab ...

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Das Diadem. — Wohlan, du sollst es tragen

Aus meiner Hand.

CHŁOPICKI

Wofern es mir gefällt,

Reiß ich allein die Krone von den Sternen.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

So lieb ich dich, mein großer, stolzer Held!

Die Lichter im Zuschauerraum verlöschen allmählich; man hört ein Rauschen.

CHŁOPICKI

Was höre ich —?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Gewaltge Flügel rauschen.

Die Schwesternschar dort durch die Lüfte schwebt.

CHŁOPICKI

Die Fensterscheiben klirren, windbelebt. —

Sinds deine Schwestern, die dort fliegen?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Sie sinds! — Und du und ich, wir tauschen

Auge in Auge, Blick um Blick.

CHŁOPICKI

Eilten sie fort? — Hört ich den Flügelschlag

Zu meinen Häupten? Bliebst nur du zurück

Und stehst bei mir?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Es kommt der Schicksalstag,

Der dich zum Führer macht.

CHŁOPICKI

Ich werde siegen,

Sofern ich will.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Willst du, ich leg die Früchte

Der Nacht zu deinen Füßen und die Stadt

Ist dein —?

CHŁOPICKI

Ich will nicht.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Soll in der Geschichte

Dein Name leben? Diese Stunde hat

Entschieden.

CHŁOPICKI

Wie?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

So spiel mit mir.

CHŁOPICKI

Um was?

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Um deine Taten. Deiner Siegesbahn

Zeig ich dir jede Tat. Willst du? — So lass

Uns spielen. — Gib die Karten. Denn du hast

Sie bei dir. — Gib. — Wenn du die roten ziehst,

Das Karo oder Cœur, ist dir der Sieg

Gewiss, indes die schwarzen, Trefle und Pik,

Verlorne Schlachten sind. Willst du, — so spiel. —

Nun lass uns sitzen. — Fange an!

CHŁOPICKI

wirft eine Karte auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

blickt gebückt in die Karten

Am dritten Tag wirst du der Erste sein.

Gewonnen! Sieh, drei rote Zeichen,

Drei Tage, sie sind dein. — Was weiter?

CHŁOPICKI

wirft eine Karte auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Sieh,

Schon wieder flammt es rot, — ein Feuerschein

Glüht über Warschau, — Flammen ohnegleichen. —

Du wirst erregt.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Du sinkst! — Es flieht der Fürst.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Du sinkst!

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Kehrst wieder! —

Gibt ihm eine Karte

Jetzt bedenke wohl:

Sieg vor den Toren Warschaus. Wirst

Du ihn erringen? Wirf und nimm ihn hin.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt!

Gibt ihm eine Karte

Sieg in des Fürsten Lager und

Der Fürst geschlagen?! Wirf.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt.

CHŁOPICKI

Verneint

Das Los mir —? Gib mir offnes Feld.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

nickt zustimmend.

CHŁOPICKI

deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt!

Durch die Fenster des Zuschauerraumes dringt ein Feuerschein.

CHŁOPICKI

Dort brennts! — Durch eine Karte werde es erfüllt!

Deckt auf.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Verspielt!

Wirft die Karten zu Boden

Adieu, mein Freund!

Eilt hinaus.

CHŁOPICKI

sinkt nieder.

PERSONEN DER SECHSTEN SZENE:

  1. Der alte Lelewel
  2. Joachim Lelewel
  3. Sein Bruder Prot
  4. Seine Schwester
  5. Xaver Bronikowski
  6. Nike von Chaeronaea
  7. Hermes