DER SALON IM BELVEDERE
Nacht. Im Garten Mondschein.
GENERAL GENDRE
liegt betrunken auf dem Sofa.
LUBOWIDZKI
geht auf und ab.
GENDRE
Bringst du was Neus? — Erhieltest du Berichte?
LUBOWIDZKI
Zu seiner Zeit — erfährt er die Geschichte.
GENDRE
Sieh zu, dass er es nicht zu spät erfahrt. —
Was gibts denn Neues?
LUBOWIDZKI
Das, was ich gehört,
Erzähl ich nur dem Fürsten. Was scherts dich?
GENDRE
Du weißt ja nichts.
LUBOWIDZKI
Behalte es für mich.
GENDRE
Heb es gut auf, bis es verschimmelt ist.
LUBOWIDZKI
Ich plag mich für den Fürsten. — He, du bist
Wohl neidisch auf den Lohn —?
GENDRE
Ein Spielchen? Wie?
LUBOWIDZKI
Bin nicht in Stimmung. — Ja, bei Gott, noch nie
War ich so kopflos wie grad heute.
GENDRE
Für
Einen Spitzel schlimm. Glaubst du, der Fürst
Hilft ihn dir suchen? Schwerlich wohl und wirst
Du noch so gnädig heut von ihm empfangen.
LUBOWIDZKI
Nur grad heraus, willst wieder Geld von mir.
GENDRE
Da nimm, du Lump, — Dukaten klangen
Dir immer süß; — wo andre hungern müssen,
Musst du dich mästen.
LUBOWIDZKI
läuft dem Dukaten nach
Die Dukaten ließen
Nie mit sich spaßen, — tja — und ein Dukat,
Ists auch nicht viel, — bleibt immer ein Dukat.
GENDRE
Das musst du Gauner ja am besten wissen,
Bestiehlst den Fürsten, wo du kannst.
LUBOWIDZKI
wirft Gendre den Dukaten wieder hin
Hör auf,
Du Säufer, denn du langweilst mich.
GENDRE
Halt du
Dein ungewaschen Maul, — sonst wacht der Fürst
Am Ende auf ...
Man hört einen unbestimmten Lärm.
LUBOWIDZKI
Was gibts? — Man schlägt ans Haus?!
Man bricht das Tor auf?!
GENDRE
Was geht mich das an? —
Das ist ja deine Sache.
LUBOWIDZKI
Man muss den Fürsten wecken!
Stürzt zum Schlafzimmer des Großfürsten.
KAMMERDIENER FRIESE
stürzt aus der Mitteltür
Weckt den Fürsten!
Eilt ins Schlafzimmer.
GENDRE
Lasst ihn doch schlafen, — diese Emotion —
Wozu —? Gott, was geschehen soll, geschieht
Ja doch. —
FRIESE
aus dem Schlafzimmer; schleift den Großfürsten, notdürftig bekleidet, durch den Salon zur Mitteltür.
LUBOWIDZKI
im Schlafzimmer
Zu Hilfe! Räuber!!
FÄHNRICH
im Schlafzimmer
Du Lump! — Er ist davon!!
AUFSTÄNDISCHE
stürzen aus dem Schlafzimmer in den Salon und eiten von dort in die Seitengemächer.
NABIELAK
Wer hat die Wache?
Stößt auf General Gendre.
GENDRE
bestürzt
Ich bin unschuldig —
NABIELAK
Still, du Hundesohn.
GENDRE
Wisst ihr auch, — wen ihr tötet? dass mein Tod,
Verlässt euch euer Glück, euch zu Verbrechern,
Zu frechen Mördern stempelt.
GOSZCZYNSKI
Bist du auch
Unschuldig, schuldig bist du voll
Durch deine Reden.
GENDRE
Euer Wort ist — Rauch.
Schlag zu, — ich bin bereit.
NABIELAK
Du willst, ich soll
Mir deinen Tod erst überlegen? Auch
Das hab ich nun getan.
Durchstößt ihn mit dem Bajonett.
GENDRE
O Elend!
GOSZCZYNSKI
Ruhm!
GENDRE
Verflucht —
NABIELAK
Ihr Lumpen. —
Du Spieler, Dieb...
GENDRE
Du Ritter. — Leute,
Ihr mordet; glaubt ihr denn, dass Gott mit euch?
Auch für euch kommt die Stunde des Gerichts.
NABIELAK
Sie wird nicht kommen, denn wir sind seit heute
Gericht und Richter. Ihr habt ausgespielt. —
Du hast dein Teil weg. —
GOSZCZYNSKI
Komm. — Die andern sind
Uns schon voraus. Wir müssen jetzt noch gleich
Die Zimmer schnell durchsuchen.
Weist auf die Tür links
Durch die Tür.
Gib acht, dass wir uns in dem Labyrinth
Von Zimmern nicht verirren. — — Hm, — geschlossen.
NABIELAK
Stoß auf.
GOSZCZYNSKI
Es hält wer fest.
NABIELAK
Stemm dich dagegen.
GOSZCZYNSKI
Wart. Ihrer Hoheit Zimmer, — war es möglich —?
NABIELAK
Ich helfe mit, — stoß zu. — Sie muss sich regen. —
Horch, — sinds die andern, die schon wiederkommen —?
Die Zeit drängt. Wär es ihm gelungen, sich
In Sicherheit zu bringen —?
AUFSTÄNDISCHE
stürzen durch die Mitteltür herein zur Schlafzimmertür hin.
GOSZCZYNSKI
Sieh, man leistet
Mir Widerstand.
NABIELAK
Schlag mit dem Kolben zu!
GOSZCZYNSKI
Jetzt flog der Riegel vor, — der Schlüssel knarrte —
Lauscht
Ich höre Schritte, — man enteilt — —
NABIELAK
Schlag zu!
GOSZCZYNSKI
Was ist das?
NABIELAK
Wer steht auf der Schwelle —?
Die Tür geht auf; Kerzenschimmer dringt in den Salon.
JOHANNA
Ich bin des Fürsten Gattin.
GOSZCZYNSKI
Polin.
JOHANNA
Mörder.
NABIELAK
Bist du des Schurken Gattin, — traf dichs schon.
JOHANNA
Zurück, — nur über meine Leiche hier
Hinein.
GOSZCZYNSKI
Wahnsinnge Puppe, Löwin an Gefühl,
Oh, wie ich dich verachte.
JOHANNA
Wie vor dir
Mich ekelt.
NABIELAK
Du hast im Zimmer ihn versteckt,
— Den Feigling — und wir werden ihn doch fangen.
JOHANNA
Hinweg von hier, — oh, wie seid ihr gemein.
GOSZCZYNSKI
Schweig, — denn wir gehn auch ohnedies. —
Behalt ihn nur, — den Gatten; — Weib, du weißt
Nicht, dass gemeine Liebe dich befleckt,
Dass du viel schöner wärest, wärst du: Judith.
JOHANNA
Polin bin ich, — da Gott mich lieben hieß,
So lieb ich und verteidge Schritt für Schritt
Den, den ich liebe, mag mein eigen Haus
Dabei in Flammen stehn.
GOSZCZYNSKI
Hier liegt ein Mann,
Verwundet.
JOHANNA
eilt zur Leiche Gendres
Gott!
NABIELAK
Er war besinnungslos.
JOHANNA
Ach, der? — Er war betrunken —
Man hört Schüsse.
NABIELAK
Was war das?
GOSZCZYNSKI
Es fielen Schüsse.
NABIELAK
Und ein Stampfen, — Hufschlag —
JOHANNA
Des Fürsten Kürassiere.
NABIELAK
Wir sind hier
Allein, — die Unsern sind bereits geflohn.
Eilt zur Tür im Hintergründe rechts.
GOSZCZYNSKI
eilt ihm nach
JOHANNA
Nicht dort hinaus, —
GOSZCZYNSKI
Was soll der Hohn?!
JOHANNA
Und rast ihr Helden auch, die ihr die Tat
Auf eure Fahnen schriebt, ihr seid doch Helden,
Darum will ich euch retten. Hier hinaus,
Durch diese Türe.
Weist auf die Tür zum Schlafzimmer.
NABIELAK
So ist er nicht dort!?
JOHANNA
Beeilt euch!
GOSZCZYNSKI
Sie sind schon im Hofe. Fort!
Eilen hinaus.
JOHANNA
Ah, eine Leiche sperrt den Weg
Zum Schlafgemach.
GROSSFÜRST
eilt aus dem Hintergründe links; fällt ihr zu Füßen
Du Polin, — Polin!
JOHANNA
Memme!
GROSSFÜRST
So würdest du jetzt lieber mit Gefühl
An meiner Leiche ein Nocturno spielen,
Wenn die mich dort gemordet hätten —?
JOHANNA
Wie deinen Treuen, der da fiel.
GROSSFÜRST
Mein treuer Hund, — schon tot, — und schon verfärbt —
Ah! Weg mit ihm!
LAKAIEN
tragen den toten Gendre und Lubowidzki hinaus
JOHANNA
Verbindet seine Wunden.
GROSSFÜRST
Er ist schon tot, — verreckt, — ah, — ah den Hunden
Ein Leckerbissen; — Blut klebt überall.
So säh ich aus ... Hinaus mit ihm — tot — tot
Und ganz verfärbt, — wie eklig, — er ist weg.
Jetzt schreibt der Teufel seine Sünden auf.
Er hat verspielt! — Ich — spiele noch und wage
Den letzten Einsatz — ah — ah — alles — — Dreck.
OFFIZIER DER KÜRASSIERE
tritt ein, salutiert
Euer Hoheit! Die Rebellen sind entflohn.
GROSSFÜRST
Entflohn!! — Ha ha ha — auch er? — Auch der
Vom Monument? Auch fort — ganz fort — — So sage...
Seine Stimme versagt, er taumelt.
OFFIZIER DER KÜRASSIERE
Wer? Kaiserliche Hoheit?
JOHANNA
Wen meinst du?
GROSSFÜRST
Ah! — Wie sein Pferd die Nüstern bläht, es schäumt
Und weißer Schaum und Blut befleckt mein Hemd.
Er sitzt zu Ross, — der weiße König, weist
Mit seinem Marschallstab auf mich, — es bäumt
Das Pferd sich auf, setzt auf mich zu, es stemmt
Die Hufe mir vor meine Brust und reißt
Sie auf, — und quetscht und tanzt auf mir herum. —
Der weiße König dort schreit mir ins Ohr:
Heliodor!!!
Sinkt zu Boden
Zu Hilfe!
KURUTA
Alle Teufel.
JOHANNA
Jesus Maria! — Hilf — er stirbt.
GROSSFÜRST
Riecht ihr
Den Schwefel in der Luft? Es riecht nach Schwefel —
LAKAIEN
bringen die Uniform des Fürsten.
ERSTER LAKAI
reicht ein Kleidungsstück
Geruhen Eure Kaiserliche Hoheit...
ZWEITER LAKAI
mit einem anderen Kleidungsstück
Geruhen gnädigst...
ERSTER LAKAI
Eure Hoheit... Hier
Der Ärmel, nun der zweite, — so...
ZWEITER LAKAI
mit dem Beinkleid
Jetzt noch das Beinkleid, — Hoheit — darf ich
bitten...
ERSTER LAKAI
Das Ordensband...
ZWEITER LAKAI
Der Stern.
ERSTER LAKAI
Und hier der Degen.
GROSSFÜRST
Wer seid ihr —?
ERSTER LAKAI
Euer Hoheit...
ZWEITER LAKAI
Treue Diener.
GROSSFÜRST
Mir war doch, — als ob tausend Teufel mich
Umkicherten.
JOHANNA
Beruhige dich, —
GROSSFÜRST
setzt den federbuschgeschmückten Hut auf
Wie ruhig
Du bist! — Du Schlange, — Herrliche! — Hast wohl
Mit ihnen konspiriert?
JOHANNA
Mit wem? — Du Narr,
Du phantasierst.
GROSSFÜRST
Mit ihm. — Hast konspiriert
Mit ihm, dem weißen König.
JOHANNA
Ah, du kannst
Noch spotten, meine Brust zerreißt der Schmerz
Um diese heutge Tat, — sind es ja doch
Die Meinen.
GROSSFÜRST
Deine Brüder!!
JOHANNA
Du bist toll.
GROSSFÜRST
Ich bins. — Doch weißt du, wer mich toll gemacht!
Zieht den Degen
Ich zog den Degen heute — Nicht zum Scherz!
Eine Kavallerie-Abteilung betritt den Salon.
GROSSFÜRST
kommandiert
Halt!
JOHANNA
Gib Befehle.
GROSSFÜRST
Polin. — Zauberin.
Wer hat auf deinen bleichen Wangen
Der Hölle Glutensturm entfacht? —
Die Hoffnung. Myriaden Schlangen
Treiben in deinen Augen jetzt ihr Spiel.
Glaubst du vielleicht, sie werden ...
JOHANNA
Siegen!
GROSSFÜRST
Du Polin. — Brütest Rache, kennst nur dies Gefühl!
Du meinst wohl gar, ich werde ...
JOHANNA
Unterliegen!!!
GROSSFÜRST
Ah! —
Eilt auf sie zu, um sie zu schlagen.
JOHANNA
fällt bewusstlos in die Arme ihrer Damen.
GROSSFÜRST
Vraiment, — c’est une dame.
Je deviens Polonais, — und ich kämpfe.
KURUTA
salutiert
General Potocki mit dem Regiment
Hat das Palais umzingelt, — die Kanonen
Sind aufgefahren.
GROSSFÜRST
in höchster Angst
Wie? — Umzingelt!! — Mein
Potocki?!
KURUTA
lacht
Nein, er kommt zu Hilfe.
GROSSFÜRST
Wie?
Zu Hilfe? — Wie gemein. — Ach so, — — Nein,
nein —
Charmant garçon.
STANISLAUS GRAF POTOCKI
tritt ein
Bon soir, mon ami, cher prince!
GROSSFÜRST
Que dit-on
De moi? — Varsovie va se taire!
On parlera de vous auprès de l’empereur.
Donnez l’ordre, mon vieux-beau —
que la Pologne meurt!
Marchez, — sur Varsovie, — et massacrez tout!
POTOCKI
schweigt; düster.
GROSSFÜRST
Comment? — Tu restes muet?
Zittert; blickt auf Johanna; schreit in höchster Angst
So wach doch auf, — du!!
PERSONEN DER FÜNFTEN SZENE:
- Ein Schauspieler
- Erster, Satyr
- Zweiter, Satyr
- Dritter, Satyr
- General Chlopicki
- Leutnant Zajonczkowski
- Leutnant Dombrowski
- Nike der Napoleoniden
- Offiziere
- Publikum
- Bühnenarbeiter
- Volk