DEMETER ABSCHIED VON IHRER TOCHTER KORA

KORA

Weh! Orkus führt in dunkle Nacht,

In Stürme mich, in Schauer.

Erblick nicht mehr der Sonne Pracht,

Nicht deine Augen und nicht lacht

Dein Mund mir mehr, in Trauer

Verlass ich, Mutter, dich.

DEMETER

Leb wohl, o Tochter, teures Kind;

Es wartet Orkus, Orkus wacht,

Dass er sein Weib gewinnt.

Du trittst ins Reich der Toten ein,

Vermählt dem dunkeln Los,

Und unentrinnbar, mitleidslos

Umfängt dich ewige Nacht.

Gedenk der Tränen, die ich weinte,

Da noch das Licht mich dir vereinte,

Denk meines Kummers, meiner Pein.

KORA

Es ruft mich Orkus und ich kehre,

Die Gattin, heim und kannte nur

Ein Glück, da Blum und reife Ähre

ln Frühlicht tauchte die Natur,

Da ich bei dir, o Mutter, weilte.

Es ist vorbei, die Zeit enteilte,

Die Abschiedsstunde eint uns beide

Noch auf dem Weg zur Unterwelt;

Wir ziehen klagend; weh dem Leide, —

Ich bin der Unterwelt vermählt.

DEMETER

Küss mir die Lippen, küss die Augen;

Auf deinem Antlitz zuckt ein Bangen,

Bin fahles Bahrtuch hüllt dich ein,

Und doch blühn Rosen auf den Wangen.

KORA

Wie kann das Brauthemd mir wohl taugen.

Das Tränen spannen, Leid gewebt,

Wie kann der Kranz mich glücklich finden,

Den Dienerinnen für mich winden

Aus Totengrün im düstern Hain?

Kann ich dem Schicksalsruf entfliehen?

Kann ich entgehn der Hochzeitsnacht?

Ich muss in Gattenliebe glühen,

Verzaubert durch der Liebe Macht.

Ich brenne schon und es umfluten

Verschwiegen mich die heilgen Gluten

Und meine Sehnsucht ist erwacht.

DEMETER

Geliebte Tochter, lebe wohl;

Der Mutter Herz willst du verschmähen.

Nicht werd ich mehr der Haare Fluten

Zum Kranz dir flechten, nicht mehr sehen,

Wie deine jungfräulichen Glieder

Ein schön Gewand und Putz verziert.

Du lässt die Mutter, kehrst nicht wieder; —

Doch nimmt michs wunder, sieh, wie wird

Dein Antlitz purpurn und du glühst, —

Liebst du, da du versprochen bist?

KORA

O Mutter, ich vergeh vor Scham

Und meine Brust ein Glühen weitet,

Dass mir durch euch die Liebe kam; —

Da ihr die Gattin heut geleitet,

So brennen meine Wangen heiß.

Ja, Mutter, ja ich liebe, — weiß

Das eine nur, eins, dass ich liebe.

DEMETER

Wie kann ich diese Fesseln lösen?

KORA

Glaub nicht, sie drückten mich zu sehr.

DEMETER

Doch muss ich dich durch sie verlieren.

KORA

0 Mutter, — mit dem Sommer kehr

Auch ich zu dir zurück.

DEMETER

Bis dahin währt es lange Zeit.

KORA

Bis dahin weil ich fern und weit

Als Dienerin und Frau.

DEMETER

Du solltest mit der Mutter weilen

Frei und als Jungfrau, nicht als Magd

In Orkus’ Schattenreich.

KORA

O Mutter, du vergisst, wie reich

Die Liebe mich gemacht.

Die Flammen lodern, lass mich ziehen;

Leb wohl, und kommt der Frühling wieder,

Will ich im Sonnenlichte glühen. —

Ich steig zum Reich der Träume nieder.

DEMETER

Ins Reich der Stürme zieht es dich,

Wo keine Sonne scheint.

KORA

Jährt nur der blühnde Frühling sich,

Sind beide wir vereint.

Sie steht von Purpur übergossen.

Löst aus der Mutter Arm sich sacht,

Und ihre Glieder sind umflossen

Von einem Kleid aus Tau und Nacht.

Sie steht gar sinnend und die Augen

Sind fast mit Tränen angefüllt

Und auf der Stirn, der düstern, weißen

Und in den Augen kann man lesen,

Dass ein Geheimnis sie verhüllt,

Das ihr zu hüten war geheißen.

Und doch, es scheint, als ob die Träne,

Die ihre müden Wimpern feuchtet,

Von frohem Glanze wär erleuchtet.

Sie hebt den Finger jetzt zum Munde

Und gibt der Mutter solche Kunde:

KORA

Weißt du noch, Mutter, wie im Sommer

Ich lachend unter Blumen weilte

Und von den Feldern zu dir eilte

Im Blumenschmuck und sang und sprang?

DEMETER

Umsonst sprichst du vom Tag der Freude

Am Tag der Tränen, da du heute

Verlassen musst des Tages Licht.

Da deine Mutter dich verliert,

Weil Orkus dir den Brautkranz flicht

Und übern Styx dich mir entführt

Zum schwarzen Hadesthron.

KORA

O Mutter, Hymen wird mich leiten

Und meinen Hochzeitszug bereiten,

Die Hochzeitsfackeln werden lohn.

Den Dienern legt er duftge Kränze

Aufs Haar und stimmt das Hochzeitslied

Im Zuge an, da ich die Grenze

Beschreite und die Königin

Ins Land der Träume zieht.

DEMETER

Schlägst dir die Mutter aus dem Sinn;

Die Fackeln, die dir flammend leuchten,

Erlöschen auch.

KORA

Im Lenz, da Eiskristalle tauen,

Da erster, lauer Windesbauch

Das Feld bestreicht, wirst du mich schauen.

DEMETER

Du gehst, — die letzten Augenblicke

Darf ich dich lebend vor mir sehn.

KORA

Ich geh entgegen meinem Glücke.

DEMETER

Du gehst den Weg, den Tote gehn.

KORA

Will ein Geheimnis dir enthüllen:

Ich bin nicht arm, der Unterwelt

Geräumge weite Speicher füllen

Der Saaten und der Früchte viel.

Von jeder Frucht den Samen hält

Man dort verborgen, jedes Korn

Wird aufbewahrt, — ein ewger Born

Des ewgen Werdens. Sieh, ich will

Ans Licht sie bringen, sie zum Leben

Erwecken, dass sie Früchte geben.

DEMETER

Sieh, alle Triebe müssen sterben,

Da nächtens kalte Winde wehen.

Sieh, wie entblößt die Bäume stehen.

KORA

Gedenke, Mutter, früher Saat.

Ich muss von dannen, ich muss gehen,

Da ich zur Hüterin bestellt

Der Saaten bin, sie sammeln muss.

Dort unten, tief im Schoss, geschehen

Geheimnisvolle Dinge, die

Nicht ohne mich geschehen können.

DEMETER

Du strebst von mir, die Qualen brennen

Die Brust mir und mein Herz ist kalt;

Du gehst dahin, du fliehst, du eilst...

Mein sommerliches Gut verdirbt;

Du Mitleidslose, o du teilst

Den Jammer, dran das Herz mir stirbt,

Nicht und ich bin so arm und alt.

KORA

Noch ein Geheimnis, Mutter, sei

Dir offenbart: Ganz anders ist

Mein Land. Da schlummern ewge Kräfte,

Aus ihnen regt sich immer neu

Der junge Trieb, die frischen Säfte

Quellen empor und treiben Blüten.

Was lebt, ist dort im Keim gegründet

Und wartet, bis das Morgenrot

Die Stunde der Entfaltung kündet.

DEMETER

Doch alle jene, die verblühten,

Erleiden sie den frostgen Tod,

Den bitter, einsam herben...?

KORA

Was leben soll, muss sterben...

DEMETER

Zum Tode führst du alles, was

Dir untertan! Was deine Liebe

Vermag, erkannt ich nun und das

Verkündende Prophetenwort.

KORA

Wir werden, Mutter, auferstehen

Am großen Feiertag der Saat.

DEMETER

Mein Kind, der Fackelträger naht!!

Hymen kommt an der Spitze des Hochzeitszuges; alle tragen Fackeln, Musik; Kora wird umringt.

KORA

Noch dies Geheimnis, Mutter, höre:

Die Hand, die alle Grenzen steckt,

Vernichtet alles, was da lebt;

Doch neues Leben blüht und strebt

Aus dem gestorbnen; neuer Trieb

Erwacht, zu neuem Sein geweckt.

So fasst mich Trauer, da ich scheide,

Doch mein Geheimnis füllt mit Freude

Mich an und meines Hochzeitskleids

Bin ich wohl wert. — Genug des Leids,

Der Trauer und der Tränen.

DEMETER

Du Törin, niemand kehrt zurück

Aus jenem Reich, dem Untergang

Bist du durch deinen Schwur geweiht.

KORA

Wenn ich des Todes Macht bezwang,

Wenn unter meiner Zauberhand

Die jungen Triebe grünen, sprießen

Auf Fluren, Wiesen, Ackerland, —

Dann darf ich höchstes Glück gemessen;

Ich stehe an des Lebens Wiege,

Die Tat der Schöpfung, sie ist mein! —

Bereite Eggen, schärf die Pflüge...

DEMETER

Als Lebende den Tod zu wählen,

Ist Sünde!

KORA

ernst

Die Unsterblichkeit

Winkt mir, brech ich den finstern Bann.

Hochzeitsmusik ertönt.

DEMETER

Die Nacht entführt ins Reich der Seelen

Dich, in die ewge Dunkelheit!

KORA

gebieterisch

Tragt mir voran die heilgen Fackeln!!

Die Hochzeitsfackeln tragt voran!!!

Der Hochzeitszug ordnet sich um Kora und entführt sie unter Klängen zur Unterwelt.

DEMETER

versinkt im Garten.

ERSTER FÄHNRICH

eilt schnell herein

Peter Wysocki sendet uns.

Er selber folgt.

GOSZCZYNSKI

Wo?

ERSTER FÄHNRICH

Durch den Nebel.

Marschiert zur Kavalleriekaserne,

Will sie im Schlafe überraschen.

Wo sind die Deinen?

GOSZCZYNSKI

Hier im Garten.

ERSTER FÄHNRICH

Mehr sind es nicht?

GOSZCZYNSKI

Mehr? — Sie genügen.

ERSTER FÄHNRICH

Die übrigen?

GOSZCZYNSKI

Umsonst zu warten.

ERSTER FÄHNRICH

Ich zeige euch den Weg zum Schloss.

ZWEITER FÄHNRICH

eilt hinzu.

ERSTER FÄHNRICH

Wysocki hat uns zwei euch zugeteilt.

Wir kennen jeden Zugang zum Palais.

Sorgsam ist jeder zu bewachen,

Damit der Fürst uns nicht enteilt.

GOSZCZYNSKI

Sieh, wie das Blatt im Winde tanzt,

Die Bäume rauschen leise.

Hast du Patronen?

ZWEITER FÄHNRICH

In der Tasche. —

Verteil sie, nimm.

GOSZCZYNSKI

Erstürmt Wysocki

Auch die Kaserne?

ERSTER FÄHNRICH

Glückt es ihm,

Unvorbereitet sie zu überraschen.

NABIELAK

Bereit?

GOSZCZYNSKI

Bereit.

ERSTER FÄHNRICH

Mir nach!

In der Nähe fällt ein Schuss.

GOSZCZYNSKI

Es fiel

Ein Schuss!

ZWEITER FÄHNRICH

So hat Wysocki schon

Den Park verlassen. Dieser Schuss

War das Signal für euch.

GOSZCZYNSKI

Dem weißen König unsern Gruß...

ZWEITER FÄHNRICH

Bereit?!

NABIELAK

Bereit!

ALLE

Bereit!

Sie eilen hinaus.

DEMETER

tritt auf

Wo bist du, Tochter, die du mir gesungen

So manches Lied in heller Sommerzeit —?

Noch hör ich, wie dein Weinen leis geklungen

In nächtger Stille, durch die Einsamkeit.

Und weinend hör ich meiner eignen Klagen,

Der eignen Seufzer dumpfen Widerhall,

Als war es deines Jammers weher Schall.

Vielleicht sehnst du zu lichten Erdentagen

Dich nicht einmal zurück? Und Liebesflammen

Umlodern dich, die Hymen dir entzündet —?

0 Tochter, deiner Mutter Seele findet

Die Ruh nicht mehr in ihres Alters Tagen.

Muss ich durch lange dunkle Nächte schreiten,

Da mir kein Lichtschein blinkt, dein Auge mir

Nicht leuchtet, muss ich denn in endlos weiten

Und dunklen Nächten für und für

Den Tag ersehnen, der die Nacht mir kündet,

Und Tag und Nacht allein sein, ohne dich —?

Hast du die dunkle Schwelle überschritten,

Dahinter Orkus’ finstres Reich beginnt,

Und bist du mir verloren, teures Kind —?

Rufend

Hekate, Tochter des Titanen, jungfräuliche Lichtbringerin, Trägerin zweier Fackeln, erscheine, die du aller Klage und allen Jammers achtest; die du gegenwärtig bist, da Mütter gebären, die du Einsame beschützest in ihrer Einsamkeit und an den Dreiwegen wachst. Erscheine!

Aus dem Boden steigt herauf

HEKATE

hält Fackeln in den Händen

Hier bin ich!

DEMETER

Mein Kind ist mir geraubt, entrissen und gefangen; aus meinen Augen hab ich sie verloren, sie war schön und jung; wo weilt sie, wohin ist sie entschwunden, die Erinnerung hab ich verloren, ich weiß nichts mehr und darum ruf ich dich, geh, eile, suche sie; o du, die Geheimnisse der Götter errät und den Menschen den Verstand benimmt, sie mit Wahnsinn schlägt, eile, leuchte mit dem Lichte deiner beiden Fackeln und finde sie, meine geliebte Tochter.

Entfernt sich in den Garten.

HEKATE

Zu mir, beflügelte Eumeniden; die ihr des Tartarus weiträumige, zerklüftete Öden bewohnt, auf! Die ihr in Dämmer schreitet, gehüllt in dunkle Wolken, eilet herbei! Ein Unrecht ist geschehen!

EUMENIDEN

steigen aus der Erde herauf.

HEKATE

Ihr, geboren aus Tropfen Bluts, die auf schwarze

Erde fielen; geboren aus dem Blute der Ermordeten,

ihr, deren Tränen Blut sind,

Ein junges Leben ward geraubt

Im vollen Duft der ersten Blüte

Und ward entführt in Nacht und Grab

Und ward entführt in Finsternis.

O seht, ein Unrecht ist geschehen:

Und so ist alles tot, verblüht,

Erloschen und verblichen;

Die Erde ward ein Grab,

Die Bäume stehen kahl,

Zertreten Frucht und Blume.

Auf, Eumeniden, leichtbeschwingte,

Ihr heischet Rache, nehmet sie,

Ein grässlich Unrecht ist geschehen.

Vernichtet ist der Hütte Frieden,

Zerstört das Glück des Ehebettes. —

Umstrickt mit Wahnsinn jede Seele,

Im Wahnsinn sollen Leiber bluten,

Die Seelen im Verbrechen glühn,

Und sollen Qualen dulden, Martern.

Zur Rache auf! Ein Unrecht ist

Geschehen! Lasst die Fackeln lodern!!

EUMENIDEN

Sie entzünden ihre Fackeln,

In dem Schein des roten Lichts

Glühen ihre Augen wild,

Sprühen Funken, spritzen Blut.

Um die Häupter ringeln Schlangen,

Schlingen sich um Haar und Stirn,

Fliehen sich, verstricken sich,

Winden und verwickeln sich,

Schmerzverzerrt und wutentbrannt

Lauschen gierig sie den Worten.

HEKATE

Nicht eher werde eure Tat

Vollbracht, als bis dreimal

Der Mond gewechselt hat.

Schwört, Flugbereite, dass ihr eher

Nicht Frieden gebt, nicht eher ruht,

Als bis das Unrecht ist gerächt.

Auf! Beißt und brecht,

Und stoßt und stecht!

Krieg! Krieg! Der Leiber heißes Blut

Reiz und beflügle euren Lauf.

Stürzt auf die Menschen euch, auf Stirn

Und Nacken, saugt das rote Blut

Aus Herzen, fresst das Hirn,

Auf dass sie heilgen Zorn erkennen,

Davon die Götter brennen!

Eilt durch den Park und weiter eilt

Und fort und fort, eilt durch die Weh,

Im Fluge eilt, rachebereit!

Die Rache lebt, die Rache frisst!

Die Erde sah ein großes Leid

Und zitterte. Ein Unrecht ist

Geschehen!!!

EUMENIDEN

eilen nach allen Seiten durch den Garten.

HEKATE

versinkt.

PERSONEN DER VIERTEN SZENE:

  1. Der Grossfürst
  2. Johanna
  3. General Gendre
  4. Kuruta
  5. Lubowidzki, Polizeipräsident
  6. Offizier der Kürassiere
  7. Kammerdiener Friese
  8. Graf Stanislaus Potocki
  9. Goszczynski
  10. Nabielak
  11. Aufständische
  12. Kürassiere
  13. Lakaien