IV. Gelegenheitsgebete.
I. Am Geburtstage.
Aus meines Herzens tiefstem Grunde sende ich heute mein Gebet zu dir empor, allgütiger Gott und Vater, dessen Huld und Gnade über mich gewacht und heute mich in mein (—) Lebensjahr treten läßt. Leben und Liebe hast du mir zuteil werden lassen und deine Vorsehung hat meinen Geist bewahrt. Ja, ich bin allzu schwach und zu geringe, um dir meinen Dank auszusprechen für jeden Segen, mit dem du mich begnadigt hast seit der Stunde, da ich zum ersten Male das Licht der Welt erblickte.—Es kommen heute meine Lieben mit ihren Glückwünschen mir entgegen, aber ach Herr, der du Herz und Nieren untersuchst, kann ich wohl diese Wünsche für meine Zukunft hören, ohne daß mein Herz mir Vorwürfe macht für die Zeiten, welche vergangen sind? Kann ich mir selbst Glück wünschen, weil ich älter geworden, wenn die Erfahrungen und Prüfungen des Lebens mich nicht weiser, besser und frommer gemacht? Wenn ich heute auf die dahingeschwundenen Geburtstage schaue, die ich bereits erlebt habe, und wenn ich an die vielen Hoffnungen denke, die sich an jene knüpften, an die Erwartungen, mit welchen meine Eltern mich umarmten, und ich da mich selbst frage: Habe ich diese Hoffnungen und Erwartungen erfüllt? Habe ich den Arbeitstag, den der Herr der Zeiten mir vergönnte, mit Eifer und im Dienste des Allheiligen angewendet, so daß ich auf seinen Beifall und auf seinen Lohn hoffen darf, wenn die Abendstunde kommt? O mein Gott, was darf ich dann antworten?—Sieh, du hast in diesem Jahre mir in deiner Gnade viel Freude gesendet, und in deiner Weisheit hast du mich mit Schmerzen heimgesucht,—alles, um mich zu erinnern, daß ich unter deiner väterlichen Leitung stehe, und daß ich nur ein Pilger bin, der einen mühsamen Weg zu wandern hat, bevor er die himmlische Heimat erreicht. Dunkel ist für mich der Weg, den ich noch zurückzulegen habe, aber du, dessen Auge mich geschaut vom Lebensanfang, und in dessen Buch alle meine Lebenstage verzeichnet waren, ehe ich noch da war,[63] nimm du mich ferner in deinen Schutz, beschirme und segne alle, die mir teuer sind, und bilde du mein Herz nach deinem Wohlgefallen! O, daß ich in der festen Überzeugung gestärkt werde, daß mir keine Bürde auferlegt wird, zu der du mir nicht auch die Kraft verleihest, sie zu tragen, und daß ich Tag und Nacht eingedenk sein möchte, daß alles Fleisch Gras ist, daß hingegen jegliche Tat auf Erden, selbst die geringste, eine Saat ist, die ihre Früchte in der Ewigkeit trägt; ja daß ich dessen stets eingedenk sein möchte, auf daß ich meine Hoffnung nicht auf das Vergängliche baue, und nimmer verzage und verzweifle unter Widerwärtigkeit und Unglück, sondern selbst in Leiden und Schmerzen mich dir dankbar zeige; daß die Überzeugung mich stets beselige, daß dein gütiger Geist mich überall leitet, segnet und stärkt, und daß deine Huld und Gnade mich erfüllt und bewahrt, auf daß ich dir treu bleibe im Leben und im Tode.—Ja, du bist der Gott meines Herzens, getrost übergebe ich mich deiner Hand und fürchte nichts, du, Herr, bist meine Stärke, dir lobsinge ich, du bist meine Hilfe und meine Zuflucht, in dir findet meine Seele Heil in aller Ewigkeit.
Amen!
II. Am Verlobungstage.
Herr, du mein Fels, meine Zuflucht, leite du mich und führe du mich um deines Namens willen! Entschieden ist es heute worden, wem mein Herz angehört, an wen ich mein ferneres Geschick knüpfen, mit wem ich durchs Leben wandern soll. Allzu schwach bin ich, o Herr, und allzu kurzsichtig, um das Innere eines anderen Menschen zu durchschauen, oder um zu wissen, was in den kommenden Tagen zu meinem wahren Heil und Wohl dienen kann und soll, darum sende ich mein Gebet zu dir empor: O laß deinen Segen auf meiner Wahl ruhen! Gib, daß der, welcher mir heute sein Gelübde gegeben, solches nicht leichtsinnig getan haben möge, sondern zuvor, wie ich, zu Rat gegangen sei, nicht blos mit den Angehörigen, sondern vor allem mit dir, mein Gott. Laß die kommenden Tage von dir gesegnet sein, daß eine reine und lautere Liebe, die auf Gottesfurcht gegründet ist, in unsern Herzen Wurzel schlage. Ja, Allgütiger, du, der du mit so vieler Huld meinen Weg gebahnt und mich mit so vieler Gnade umgeben hast, laß diese Tage für mich eine Vorbereitungszeit sein, daß ich, wenn die Zeit nahet, vor deinen Augen würdig gefunden werde, den Bund der Ehe zu schließen. O, sei du mein Hirt und Leiter, und führe mich auf den rechten Weg um deines Namens willen.
Amen!