III. Am Hochzeitstage.

Gekommen ist nun der Tag, an dem der Bund meines Herzens in deinem Namen besiegelt werden soll, du ewiger, alliebender Vater, der Tag, der das Weh und Wohl meiner ganzen Zukunft in seinem Schoße trägt. O, wie könnte ich mich wohl dem heiligen Augenblick nähern, wie könnte ich hintreten, um dem Auserwählten meines Herzens meine Hand zu reichen, ohne dir zuvor zu danken für all deine väterliche Güte gegen mich, für deinen Schutz bis auf diesen Tag, für die geliebten Wesen, mit welchen du mich bisher umgeben, und die mit Zärtlichkeit und Sorgfalt über mich gewacht und mich geleitet haben, ja, ohne dir dafür zu danken, daß du mich den hast finden lassen, mit dem ich die wechselnden Geschicke des Lebens teilen soll, ohne dir zu danken für die himmlische, beseligende Freude, die mich nun umströmt, da das Band der Ehe uns verbinden soll. Wie könnte ich wohl all deine Güte empfangen und bereits heute die heiligen Pflichten der Ehe übernehmen, die der Ehestand mir auferlegt, wenn ich nicht zuvor mit reuigem Sinne mein Herz vor dir ausschütte, ehe ich den wichtigsten und meine ganze Zukunft entscheidenden Schritt meines Lebens tun und dich um deine gnadenvolle Vergebung bitte. Wenn ich aber in dieser Stunde meinen Blick auf die hingeschwundene Zeit richte, o welche schwere Klage erhebt sich da in meiner eigenen Brust gegen mich! Sündenvoll waren meine Gedanken, und meine Taten, wie wenig konnten sie dir wohlgefallen. Habe ich wohl gelebt, wie ich sollte? Habe ich als Kind von ganzem Herzen Vater und Mutter geehrt? Habe ich die weisen Lehren meiner Lehrer befolgt? Habe ich als Israelitin in meiner Jugend an meinen Schöpfer gedacht und mit Wärme meinen Glauben umfaßt? O, vergib sowohl mir, Allgütiger, als der Seele, die nun mit der meinigen sich verbinden soll, jedes Vergehen und Versehen. Sieh auf uns in Gnade, wenn wir nun einander vor deinem Antlitze im Geiste gegenseitig das Gelübde der Treue geben, und laß deinen Segen mit diesem Bunde sein. Heilige unsere Liebe in der Liebe zu dir, daß wir, indem wir dich lieben, unsere gegenseitige Hingebung und Liebe nähren und stärken. Höre, o Gott, mein Gelübde, das ich hier ablege. In glücklichen, wie in trüben Tagen, will ich eine treue Gattin sein, die Geduld, Kraft und Selbstverleugnung zeigt, die als echte Israelitin durch den Glauben an dich stark ist, alles zu besiegen, auch sich selbst; stark ist, alles für den zu tragen und zu dulden, den ihre Seele auserkoren hat. Gib, daß wir, die von dieser Stunde ab mit einander wandern sollen, in Sanftmut und Milde einander begegnen, und uns gegenseitig unsere Schwächen in Liebe nachsehen! Ja, sei du mit uns, daß wir einander zum Heil und Segen werden, und daß durch diesen unsern Bund dein Name verherrlicht werde. Dazu hilfst du uns, o Gott.

Amen!


IV. In einer glücklichen Ehe.

(Jährlich am Hochzeitstage.)

Unendliche Liebe! Allgütiger Gott! Was kann wohl mit dem Glücke verglichen werden, das du mich hast finden lassen, indem du mir die Glückseligkeit meiner Ehe zuteil werden ließest!—Wo fände ich wohl ein irdisches Gut, das höheren Wert hätte, als das, welches du mir in meinem teuren Gatten verliehen hast, mit dem ich des Lebens Freuden und Leiden teile. Mit jedem Tage lerne ich mehr und mehr schätzen, was ich an ihm besitze, als Ratgeber und Helfer; wie versüßte er mir sogar des Lebens bittere Stunden, wie hielt er mich unter mancherlei Prüfungen aufrecht! O, mein Gott, jedes Jahr, das verfließt, knüpft uns noch fester an einander; in den freudigen, wie in den kummervollen Tagen bewahrheitet es sich immer mehr an uns, daß Liebe ein Paradies voll Segnungen ist, die so schön, so friedlich und freudenvoll. Ja, ich fühle alle Segnungen, die der Besitz eines treuen Gatten in sich schließt. Alliebender, wodurch habe ich so viel Glück verdient? Und doch soll auch dieses mich so beglückende Band einmal zerrissen werden, und dann wird die Stunde der Rechenschaft kommen, da du mich fragen wirst, ob ich die Zeit des Glücks auch dazu benützt habe, selbst geheiligt zu werden und die Seele zu heiligen, welche du mit mir vereinigt hast. Deshalb, o Ewiger, bitte ich dich, indem ich dir für all mein Glück danke, erhalte in uns denselben liebevollen treuen Sinn, laß uns die freundliche Fürsorge für einander verdoppeln, wie unsere innerliche Ergebenheit gegen einander, und gib mir Kraft, meinen teuren Ehegatten nicht nur zu beglücken, sondern auch zu veredeln und zu heiligen, daß wir, in Frömmigkeit vereint, dereinst in den Wohnungen der Seligen mit einander das Glück und den Frieden der Seligkeit genießen mögen. Wache über uns, daß wir einander in Hoffnung und Treue unter den Sorgen des Lebens stärken mögen, und daß wir in des Lebens frohen Tagen vor deinem Angesichte wandeln. Halte deine schirmende Hand über meinen geliebten Ehegatten, und laß mich ihm lange, lange noch Freude bereiten. Ewig danke ich dir, du reicher Gott voll Gnaden und mein allmächtiger Beschützer.

Amen!


V. In einer kinderlosen Ehe.