Am legten Tage im Jahre. (Ereb Rôsch Haschonoh.)

Herr! tue mir mein Ende kund, und was das Maß meiner Tage sei, daß ich erkenne, wie vergänglich ich bin.

10. Nach uralter heiliger Sitte besuche ich am letzten Tage des Jahres die Stätte, wo viele Grabhügel an längst vergangene Geschlechter und die frisch aufgeworfenen an die Teuren erinnern, die in diesem Jahre entschlafen sind. Wie könnte ich wohl an diesem Tag, der so lebhaft den Gedanken an des Lebens Vergänglichkeit erweckt, und der mich dazu auffordert, Rechenschaft darüber abzulegen, wie weit ich mich der erhabenen Bestimmung meines Lebens genähert habe und in Glauben und Tugend vor dem Herrn gewandelt bin,—wo könnte ich besser eine erhebende, versöhnende Stunde zubringen, als hier, wo ich meinen Blick auf diejenigen richte, welche in diesen Gräbern ruhen, ach, zum Teil solche, die nach dem Eitlen jagten und ihre Befriedigung in dem Zeitlichen suchten, und die nun Moder bedeckt, oder wenn ich am Grabe derjenigen weile, welche in ihrem vergänglichen Leben das Ewige suchten und nun die Fülle der Freude bei dem Unendlichen genießen. Ach Herr, da fragt mein Geist: unter welchen von diesen werde ich einst gefunden werden, wenn des Lebens letzter Tag gekommen ist? Hier trete ich deshalb hervor und ergreife das Ewige; denn hier, wo ich von Tod und Moder umgeben bin, verliert alles Gold seinen Schein, alle Ehre ihre Strahlen, alles Ansehen bei den Menschen seine Macht, alle Schönheit ihren Zauber, alle Sinneslust ihren Reiz; hier fühle ich tief, daß meinen Tagen ein Ziel gesetzt ist, daß ich von hier fort muß, und meine Tage wie ein Schatten sind. Ach sollten sie wirklich dahin schwinden, ohne etwas Licht über meinen irdischen Wandel zu verbreiten, ohne daß sie ein Andenken zum Segen hinterließen?—Ach, der Strom der Zeit eilt so rasch dahin und reißt auf seinem schnellen Wege alles mit sich fort, was mir teuer und wert ist! Wie manche Freunde habe ich schon verloren, wie mancher ging fort im Jugendalter, wie mancher, der sein Ende noch nicht erwartete, und heute ruft mir die Erinnerung daran zu: auch deine Stunde kann unerwartet kommen; willst du unvorbereitet vor den Allerheiligsten treten? Ja, ich will heute mit Tränen eurer in der Ewigkeit gedenken, die meines Lebens Ehre und Schmuck waren, eurer, meine Eltern usw. (ob euer Staub nun hier ruht, oder weit entfernt in fremder Erde); Jahre sind darüber hingegangen, seit ich euch verloren habe, und die Hoffnung auf Wiedersehen war mein einziger Trost; aber habe ich auch so gelebt, daß der Gedanke an eine Wiedervereinigung mit euch mich mit himmlischer Freude erfüllen kann? Könnte ich euch mit einem sündhaften Sinn gegenübertreten, mit einem unreinen Herzen mich der ewigen Klarheit nähern, welche die Frommen umgibt? O! indem ich euch heute meine Tränen der Erinnerung weihe, will ich über meine Sünden weinen, will ich im Vorausgefühl meines endlichen Heimganges alles abwerfen, was mich als Menschen entwürdigt, was mir nicht ziemt als Israelit; ich will die Ketten brechen, welche mich an das Zeitliche fesseln und den Wahn bannen, als sei das, was die Welt mir bietet, etwas Beständiges, und ich will mich bestreben, dir anzuhangen, du Ewiger und Unwandelbarer!—Allerbarmer! vergib mir meine Sünden und meine Übertretungen und stärke mich in meinem frommen Vorsatz, behüte mich vor einem jeden Fehltritt, der Beschämung über meine Tage bringen könnte; schirme mich wider jede Versuchung, daß weder Eitelkeit noch Habsucht, noch Ehrgeiz Macht über mich gewinne, sondern daß ich, geleitet von deiner heiligen Lehre, so rein werden möge, als ich an dem Tage war, da ich geboren wurde. Laß die frommen Handlungen meiner teuren Seligen meine Fürsprecher sein vor deinem heiligen Throne, auf daß meine Gebete für das neue Jahr erhört werden. Laß, o Quell der Liebe, meine (meines Gatten, meiner Kinder usw.) Buße dir wohlgefallen und verleihe uns ein Jahr voll Segen und Glück, ein Jahr, in dem deine Versprechungen an Israel zu seinem und der ganzen Menschheit Heil sich erfüllen mögen. Bewahre mich und die Meinen vor Drangsal und Not, vor Armut und Schande, auf daß wir mit freiem Geiste dir dienen können. Laß mich und meine Lieben erfahren,»daß ich noch deine Segnungen im Lande der Lebenden sehen soll«(Ps. 27, 15.),»daß ich noch in dem Lichte der Lebendigen vor deinem Angesichte wandeln soll«(Ps. 56, 14.). Deine Gnade sei mit mir und allen, welche dich mit einem treuen Herzen anbeten, daß wir auf unserer Pilgerreise noch viel Gutes wirken können und ein Wohlgefallen bei dir finden in alle Ewigkeit.

Amen!


XXIV. Schluß


Dankgebet bei Vollendung eines Werkes.

Ewiger, allgütiger Gott! Wie ich in deinem Namen diese Arbeit begonnen habe, so laß mich sie auch damit schließen, daß ich zu dir aufschaue und dir meinen Dank für deinen Beistand darbringe. Du warst es ja, der die Gedanken in meine Seele legte, und dein allmächtiger Schutz hielt meine Kraft aufrecht, es war dein Geist, der mich trieb, so daß ich stets mit Freudigkeit und Lust zur Arbeit schritt. O, wie oft verzagte ich, wie oft erfüllte sich meine Seele mit Furcht, daß ich mein Vorhaben nicht zu vollenden vermögen würde, und siehe, da hörte ich gleichsam eine erweckende Stimme von oben; mein Geist belebte sich aufs neue, und du erfreutest mein Herz dadurch, daß meine Arbeit gedieh und vorwärts schritt.—O, nimm mein Dankopfer an;»denn es stammt ja alles von dir, und was ich selbst von dir empfangen habe, das gebe ich dir wieder zurück.«[94] Nun erhöre du denn mein Gebet, daß du diesem Werke dein Siegel aufdrücken wollest, auf daß es für viele zu einem Segen werde. Gelobt seist du, o Herr, in Ewigkeit.