„Ist es denn für den Genossen am großen Hammer nicht schädlich, so lange zu arbeiten?“ fragte ich.

„Bisher noch nicht“, entgegnete Netti. „Er wird sich diesen Luxus noch ein halbes Jahr lang gestatten können. Ich habe ihn selbstverständlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die ihm von seiner Leidenschaft drohen. Eine derselben ist die Möglichkeit eines krampfartigen psychischen Anfalls, der ihn mit unwiderstehlicher Kraft unter den Hammer reißen würde. Im Vorfahr ereignete sich in dieser Fabrik ein derartiger Fall mit einem jungen Mechaniker, der ebenfalls die starken Empfindungen liebte. Dank eines glücklichen Zufalls gelang es, den Hammer aufzuhalten, und der unfreiwillige Selbstmord mißlang. Die Gier nach starken Empfindungen ist an und für sich noch keine Krankheit, doch kann sie sich leicht in eine verwandeln, falls das Nervensystem durch Erschöpfung, seelische Kämpfe oder eine zufällige Krankheit erschüttert ist. Selbstverständlich verliere ich niemals jene Genossen aus dem Auge, die sich hemmungslos der gleichen Arbeit hingeben.“

„Sollte aber nicht jener Genosse, von dem die Rede ist, seine Arbeitszeit auch schon deshalb abkürzen, weil in der Maschinenfabrik ein Ueberschuß an Arbeitsstunden besteht?“

„Selbstverständlich nicht“, lachte Menni. „Weshalb sollte gerade er das Gleichgewicht herstellen? Die Statistik verpflichtet keinen. Jeder nimmt sie zur Kenntnis, doch kann er sich nicht einzig und allein von ihr leiten lassen. Wenn es Sie danach verlangte, baldigst in dieser Fabrik zu arbeiten, so würden Sie höchstwahrscheinlich eine Anstellung finden, und die statistische Zahl des Ueberschusses würde sich auf ein bis zwei Stunden vergrößern. Der Einfluß der Statistik macht sich bei der Massen-Umstellung der Arbeit ununterbrochen bemerkbar, doch ist jeder Einzelne frei.“

Wir hatten uns nun zur Genüge ausgeruht und gingen daran, die Besichtigung der Fabrik fortzusetzen. Nur Menni begab sich heim, denn er war ins Laboratorium gerufen worden.

Am Abend beschloß ich, bei Netti zu bleiben; er versprach, mir am folgenden Tag das „Haus der Kinder“ zu zeigen, wo seine Mutter eine der Erzieherinnen war.

Das Haus der Kinder

Das „Haus der Kinder“ nahm den wichtigsten und schönsten Teil einer Stadt von fünfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner bestanden freilich hauptsächlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab in allen größeren Städten auf dem Planeten derartige Anstalten, in vielen Fällen bildeten sie sogar selbständige Städte; bloß an kleineren Orten, wie etwa in Mennis „Chemischer Stadt“, fehlten sie bisweilen.

Das große zweistöckige Haus mit dem üblichen blauen Dach lag in von Bächen durchzogenen Gärten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und Turnplätze, Gemüsegärten, Blumen und nützliche Gräser, Häuschen für zahme Tiere und Vögel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort, man vermochte, dank der für Mädchen und Knaben gleichen Bekleidung, nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehörten ... Es war ja auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die Männer von den Frauen zu unterscheiden, – die Grundzüge der Gewänder waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein Unterschied: die engeren Gewänder der Männer paßten sich genauer an den Körper an, während bei den Frauen dieser mehr verhüllt wurde. Jedenfalls aber war die ältliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der Tür eines der großen Häuser begrüßte, eine Frau, denn Netti umarmte sie und nannte sie „Mama“. Im weiteren Gespräch jedoch redete er sie, gleich den anderen Genossen, nur mit dem Namen: „Nella“ an.

Nella hatte bereits gewußt, daß wir kommen würden und führte uns sofort in das „Haus der Kinder“, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr geleiteten für die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die für die ans Knaben- und Mädchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie wußten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten, begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder seit dem Morgen im Garten spielten.