Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters. Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und nicht in einzelnen Häusern untergebracht waren, was doch sicherlich die Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen würde.

„Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben könnte“, erwiderte Nella. „Um für die Gesellschaft erzogen zu werden, muß das Kind ein gesellschaftliches Leben führen. Jede lebendige Erfahrung, jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das eine Alter vom anderen isolieren, so gäben wir den Kindern dadurch ein einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zukünftigen Menschen nur langsam, träge und einseitig vor sich ginge. Die verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivität weit mehr Spielraum. Die älteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem Kinderhaus bemühen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.“

„Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in den verschiedenen Abteilungen untergebracht“, warf ich ein. „Dies widerspricht Ihren Worten.“

„Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort zu schlafen und zu speisen; hierbei muß man selbstverständlich die einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschäftigung jedoch gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vorträge gehalten werden, finden sich unter den Zuhörern stets auch Kinder aus anderen Abteilungen ein. Die Kinder wählen sich selbst ihren Umgang, und lieben es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen zu verkehren.“

„Nella“, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. „Esta hat das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder und gib es mir.“

„Wo ist sie?“ fragte Nella.

„Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen“, erklärte das Kind.

„Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den älteren Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie möge dich nicht kränken. Am besten aber wäre es, du gingest allein hin und hülfest ihr, das Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, daß ihr das Schiff gefällt, wenn du es schön gemacht hast.“

Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.

„Hört Kinder, es wäre gut, wenn Ihr uns allein ließet. Dem Fremden kann es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden. Stelle dir einmal vor, Elwi, daß dich eine ganze Schar Fremder anstarrte. Was tätest du?“