„Ich liefe fort“, entgegnete tapfer das uns zunächst stehende Kind, an das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten alle Kinder lachend von dannen.

„Da sehen Sie selbst, wie mächtig die Vergangenheit ist“, meinte lächelnd die Erzieherin. „Man könnte glauben, bei uns herrsche vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, – woher stammt das Gefühl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und sagt „mein“ Schiff, das „ich selbst“ verfertigt habe. Und derartiges ereignet sich häufig, führt manchmal bis zu Prügeleien. Dagegen läßt sich nichts tun – ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung des Organismus gibt im verkleinerten Maßstab die Entwicklung des Aeußeren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fällen dieser unklar individualistische Charakter. Und diese Färbung wird mit der Reife stärker. Nur bei der jüngsten Generation besiegt das sozialistische Milieu endgültig die Reste der Vergangenheit.“

„Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt?“ fragte ich.

„Selbstverständlich. Sie lieben sehr die Gespräche und Erzählungen über vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Märchen, als schöne, ein wenig seltsame Märchen von einer anderen Welt, die mit ihren aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele findet, ermöglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu erkennen, die Märchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte Weltgeschichte, – in die lebendigen Glieder einer unzerreißbaren Kette.“

Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschäftigt, Graben auswerfend, mit Werkzeugen arbeitend, in ernste Gespräche vertieft, oder lebhaft plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters; in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.

„In diesem Hause sind viele Erzieher“, bemerkte ich.

„Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die größeren Kinder dazu rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die übrigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum großen Teil Väter und Mütter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute, die sich für den Erzieherberuf vorbereiten wollen.“

„Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?“ „Natürlich. Einige der Mütter leben etliche Jahre hier. Die meisten jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei Wochen, einen Monat. Die Väter leben selten hier. In unserem Haus gibt es sechzig Einzelzimmer für die Eltern, oder für jene Kinder, die den Wunsch nach Einsamkeit verspüren. Ich entsinne mich nicht, daß diese Zimmer je unbenützt blieben.“

„Es kommt demnach auch vor, daß Kinder nicht in den allgemeinen Räumen leben?“

„Ja; die älteren Kinder verlangt es häufig danach, abgesondert zu leben. Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus, von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern häufige Verlangen, sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch Erwachsene, die einsam zu leben wünschen, insbesondere jene, die sich mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschäftigen.“