„Die erste, von dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus gestellte Frage“, hub Sterni in seinem üblichen, mathematisch nüchternen Ton an, „bezieht sich auf die Wahl des zu kolonisierenden Planeten. Meiner Ansicht nach bedarf es hier gar keiner Entscheidung, denn die Wahl wurde schon längst von der Wirklichkeit getroffen. Es hat gar keinen Sinn, zwischen den zwei Planeten wählen zu wollen, denn von den beiden uns erreichbaren ist für die Massenkolonisation bloß der eine geeignet: und zwar die Erde. Wir besitzen über die Venus eine ausführliche Literatur, mit der Sie alle selbstverständlich gut bekannt sind. Das Ergebnis aller unserer Versammlungen und Beratungen war stets das gleiche: es ist uns unmöglich, in diesem Augenblick von der Venus Besitz zu ergreifen. Ihre versengende Sonne erschöpft und schwächt unsere Kolonisten, ihre furchtbaren Stürme und Gewitter zerstören unsere Bauten, schleudern unsere Aeroplane in den Raum, zerschmettern sie an den riesenhaften Bergen. Mit ihren Ungeheuern vermöchten wir, freilich um den Preis nicht geringer Opfer, fertig zu werden; aber ihre unglaublich reiche Bakterienwelt, mit der wir noch ungenügend bekannt sind – wie viele neue Krankheiten vermag diese in sich zu bergen? Ihre Vulkane befinden sich noch in Tätigkeit; wie viele unerwartete Erdbeben, Lavaströme, Sturzfluten würden uns dort bedrohen? Der Versuch, die Venus zu kolonisieren, würde unzählige und völlig nutzlose Opfer fordern, Opfer, nicht der Wissenschaft und dem Glück der Allgemeinheit gebracht, sondern der Unvernunft und Phantasterei. Diese Frage erscheint mir völlig klar, und der Bericht über die letzte Expedition nach der Venus zerstört endgültig alle Zweifel.

Wenn es sich also um eine Massenauswanderung handelt, so kommt dafür nur die Erde in Betracht. Dort sind die durch die Natur bedingten Hindernisse gering, der Reichtum der Natur ist grenzenlos, übertrifft den unseres Planeten um das achtfache. Die Kolonisation selbst ist bereits durch die auf der Erde lebenden Wesen gut vorbereitet, wenngleich diesen Erdengeschöpfen eine höhere Kultur mangelt. All dies ist dem Zentralen statistischen Bureau wohlbekannt. Wenn es uns daher vorschlägt, die Wahl des Planeten zu treffen und wir es auch selbst für nötig halten, so besteht dafür ein einziger Grund, nämlich, daß sich uns auf der Erde ein äußerst ernstes Hindernis entgegenstellt: ihre Menschheit.

Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf keinen Fall bereit sein, sie gutwillig, und sei es auch nur einen Teil, an uns abzutreten. Das hängt mit dem ganzen Charakter ihrer Kultur zusammen, deren Basis der Besitz und die organisierte Gewalt sind. Wenngleich selbst die zivilisiertesten Völker der Erde bloß einen geringen Teil der ihnen erreichbaren Schätze der Natur ausbeuten, so verlangt es sie dennoch immer nach der Eroberung weiterer Territorien, und diese Gier schwächt sich niemals ab. Der systematisch betriebene Raub der Länder und des Besitzes der weniger zivilisierten Völker trägt bei ihnen die Bezeichnung Kolonialpolitik und wird als eine der Hauptaufgaben des staatlichen Lebens betrachtet. Man kann sich demnach vorstellen, wie sich die Erdenmenschen unserem ganz natürlichen und vernünftigen Vorschlag gegenüber verhalten würden: uns einen Teil ihres Gebietes abzutreten, wofür wir sie lehren und ihnen behilflich sein würden, den ihnen gebliebenen Teil in unvergleichlich höherem Maße auszunützen ... Für sie ist die Kolonisation eine Frage der rohen Kraft und der Vergewaltigung und wir wären, ob wir nun wollen oder nicht, gezwungen, ihnen gegenüber ebenfalls diesen Standpunkt einzunehmen.

Handelte es sich hier ausschließlich darum, ihnen ein einziges Mal unsere größere Kraft zu beweisen, so wäre dies sehr einfach und würde nicht mehr Opfer kosten, als die bei ihnen so beliebten unsinnigen, nutzlosen Kriege. Es existiert bei ihnen eine gewaltige Herde für den Mord dressierter Leute, die mit dem Wort Armee bezeichnet wird. Freilich vermöchten wir vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch die beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in wenigen Augenblicken ein oder zwei dieser Herden zu vernichten, und dies wäre für die Zivilisation der Erde weit mehr nützlich als schädlich. Leider jedoch ist das, was nachher käme, lange nicht so einfach, die wahren Schwierigkeiten würden erst mit diesem Augenblick beginnen.

In dem jahrhundertealten Kampf der Erdenvölker gegen einander entwickelte sich bei ihnen eine psychologische Eigenheit, die Patriotismus heißt. Dieses unbestimmbare, aber starke und tiefe Gefühl enthält ebensowohl boshaftes Mißtrauen gegen alle Völker und Rassen, als auch eine schier elementare Anhänglichkeit für die Sitten und Gebräuche der eigenen Umgebung. Besonders ist dies in jenen Ländern der Fall, wo die Erdenvölker gleich Schildkröten mit ihrer Umgebung verwachsen sind; oft aber ist dieser Patriotismus nichts anderes, als die Gier nach Zerstörung, Vergewaltigung und Raub. Die patriotische Einstellung wird besonders stark nach kriegerischen Niederlagen; nehmen die Sieger den Besiegten einen Teil ihres Landes fort, dann nimmt der Patriotismus dieser Besiegten den Charakter eines hartnäckigen und grausamen Hasses gegen die Sieger an, und die Rache wird zum Lebensideal des ganzen Volkes, nicht nur der schlechteren Elemente, der „oberen“, der reaktionären Klassen, sondern auch der besten, der Arbeitermassen.

Wenn wir uns nun eines Teiles der Erdoberfläche durch Gewalt bemächtigten, so würde dies zweifellos zu einer Vereinigung aller Erdenmenschen in einem einzigen Gefühl des Erdenpatriotismus führen, zu einem unbarmherzigen Rassenhaß, zu wilder Wut gegen unsere Kolonisten; die Ausrottung der Eindringlinge, gleichviel mit welchen Mitteln, bis zum gemeinsten Verrat, würde als heilige und edle Sache gelten, die unsterblichen Ruhm verleiht. Unseren Kolonisten würde das Leben unerträglich gemacht werden. Sie wissen, daß die Vernichtung des Lebens selbst bei einer niederen Kulturstufe etwas äußerst einfaches ist. Im offenen Kampf sind wir unvergleichlich stärker als die Erdenmenschen, dennoch vermöchten sie durch unerwartete Ueberfälle uns ebenso zu töten, wie sie dies untereinander zu tun pflegen. Außerdem darf nicht außer acht gelassen werden, daß bei ihnen die Kunst der Zerstörung weit stärker entwickelt ist, als irgendetwas anderes in ihrer Kultur.

Unter diesen Umständen wäre das Leben auf der Erde geradezu unmöglich; es würde auf ihrer Seite Verschwörungen und Terror, auf der unserer Genossen beständige Gefahr und unzählige Opfer bedeuten. Diese müßten sich zu zehn oder vielleicht sogar hundert Millionen ansiedeln. Bei dem auf der Erde herrschenden gesellschaftlichen System, das keine gegenseitige Hilfe kennt, bei den dort herrschenden sozialen Verhältnissen, Dienste und Hilfe mit Geld zu entlohnen, bei der unzulänglichen und verschwenderischen Art der Produktion, die sich nicht rasch genug auf die gewaltige Vermehrung der Bewohner einzustellen vermöchte, würden Millionen der von uns Vertriebenen größtenteils zu einem schmerzlichen Hungertod verdammt sein. Die Minderheit des kolonisierten Teiles würde gegen uns bei der übrigen Erdenmenschheit eine grausam fanatische Agitation betreiben.

Wir müßten also den Kampf fortsetzen. Unser ganzer Erdenteil müßte sich in ein uneinnehmbares, festes Kriegslager verwandeln. Die Angst vor künftigen Eroberungen unsererseits, sowie der starke Rassenhaß würden alle Erdenvölker dazu vereinigen, sich auf einen Krieg gegen uns vorzubereiten. Sind schon heute ihre Waffen weit vollkommener als ihre Arbeitswerkzeuge, so würde in diesem Fall die technische Vervollkommnung der Mordinstrumente mit rasender Schnelligkeit vor sich gehen. Zu gleicher Zeit würden sie absichtlich eine Ursache für den Beginn des gewaltigen Krieges herbeiführen und erzwingen, eines Krieges, der für uns, selbst im Falle eines Sieges, ungeheure Verluste bedeutete. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ihnen auch die Aneignung und Verwertung unserer besten Mittel gelingen könnte. Sie kennen bereits die radiumausstrahlenden Stoffe; die Methode der beschleunigten Spaltung vermöchten sie vielleicht irgendwie durch uns erfahren, oder aber ihre Gelehrten könnten diese selbst entdecken. Es ist Ihnen allen bekannt, daß bei Anwendung dieser Waffen jener, der auch nur um wenige Minuten früher angreift als der Feind, diesen unweigerlich vernichtet; in diesem Fall erfolgt das Zerstören des höchsten Lebens ebenso leicht, wie durch ein Elementarereignis.

Welch ein Leben müßten unsere Genossen führen, umgeben von diesen Gefahren, gefoltert von der ewigen Erwartung ähnlicher Ueberfälle? Nicht nur alle Lebensfreude würde ihnen vergällt, nein, sogar ihr Typus würde sich verändern, verschlechtern. Allmählich schlichen sich in sie Argwohn, Mißtrauen ein, der egoistische Trieb der Selbsterhaltung und die von ihm unzertrennliche Grausamkeit. Die Kolonie würde aufhören, unsere Kolonie zu sein, würde sich in eine kriegerische Republik inmitten der geschlagenen, von Feindseligkeit erfüllten Völker verwandeln. Die sich wiederholenden blutige Opfer fordernden Ueberfälle würden immer mehr das Gefühl der Rache und der Feindschaft vergrößern, das uns teure Bild des Menschen entstellen und unsere Leute wären, objektiv gesprochen, aus Notwehr gezwungen, die grausamsten Mittel anzuwenden. Schließlich, nach langem Schwanken und einer qualvollen Kräftevergeudung, müßten wir unvermeidlich zu jener Lösung der Frage gelangen, die wir bereits von allem Anfang an hätten anerkennen müssen: die Kolonisierung der Erde fordert die völlige Ausrottung der Erdenmenschen.“

(Unter den hundert Zuhörern entstand ein Gemurmel des Entsetzens, aus dem sich Nettis mißbilligender Protest laut abhob. Als die Ruhe wieder hergestellt war, fuhr Sterni gelassen fort:)