„Verschmähe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene Mädchen wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre — in meinen Adern raset ein stürmendes Blut — mir schwindelts — in meiner Seele tobt Verzweiflung — ein wilder Kampf — ein wüthender Streit des verschmähten Herzens und des beleidigten Ehrgefühls — Ha Verzweiflung — Verzweiflung raset in mir! Jüngling habe Mitleiden mit mir Verächtlichen — Verächtlich — ja — das bin ich — das ward ich — du edler — mußt mich verachten. Ha Liebe — wohin hat mich deine Wuth verschlagen — was war ich einst — und was bin ich durch dich — O Salassin, wenn ein Fünkchen Mitleid in dir glimmt — o gewähre mir die letzte Bitte — eine kleine Bitte, zu der mich mein wahrer Wahnsinn kühn macht! Du — den ich so tief gekränkt, beleidigt — o vergieb, vergieb mir — in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster — ich kenne mich nimmer — Heute wenn der Mond vom bläulichten Himmel seinen blassen Glanz verstreut — erscheine mir — sey ruhig, ich verachte mich selbst — ich bereite dir keine Gefahr mehr — erscheine auf dem hochbuschichten Wall gegen die Citadelle, bei der jener Strom vorüberrauscht, an dessen Ufern ich Schamvergeßne einst im unnennbaren Seelentaumel dir meine Liebe gestand! Salassin — nur diese einzige Bitte dem verzweifelnden Mädchen, das zu tief gefallen seine beschämten Blicke nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt dem wüthigen Krampf — nur ein Wörtchen noch von deinem Munde will ich hören — nur einen mitleidigen Blick — einen leichten Seufzer — daß ich der Verzweiflung, die kralligt mich geißelt — daß ich der Furie nicht erliege. Verschmähe diese kühne Bitte mir nicht.“
Wellmine
Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und Rührung bunt wie in den Träumen eines Kranken die Fieberbilder.
Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! — Was kann ihr das helfen — wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an diesem Orte? — Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe — sie raset wirklich! — Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal unter die Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer selbst! — Kann ich sie — darf ich ihr die Bitte gewähren? — Sie ist so niedrig, ja doch nicht! Denn sie fühlt sie fühlt tief und quälend ihre Schande — sie schämt sich vor sich selber — Mädchen; Du rührst mich — ich will doch an den Ort, wohin du mich bestelltest.
Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes gräßliche Worte empörten ihn bald — bald durchdrang ihn inniges Mitleid mit der jammervollen Lage der Unglücklichen.
Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trüben Himmel durch zertheilte Gewölke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte Hecken grünten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen. Der Strom wälzte sich unter ihm majestätisch in schaumvollen Wirbeln über hervorragende Klippen — Schwindln und Schauern ergriff den Jüngling, und in ihm drängte sich eine fürchterliche Ahndung auf.
Stille wars rund um ihn her — eine tiefe grauenvolle Todtenstille — Kröten und Eidechsen hüpften an seinen Füssen — und in den schwarzen Löchern des Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.
Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.
Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weiße Gestalt, die die Stiege des Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind — die Gestalt sah Salassin und näherte sich zagend.