Das ist Jillas Vater? mein Oheim! — fragte Sebald hastig, und hielt die Thüre offen.
Richtig! Jilla Wolling — so unterschrieb sie sich. Doch da ist das Briefchen selbst. Nimm es nicht übel daß ichs in deiner Abwesenheit erbrach. — Schloß Tellmann und gab Sebalden das Briefchen, der es mit heftiger Unruhe las, und auf den Fittigen der Liebe zu seiner langentbehrten Geliebten flog.
Er trat in das Haus, und Jilla bewillkommte ihn mit dem Ausbruch der herzlichsten Freude. Kömmst du einmal zurück? — sprach sie und sah ihn mit einem zärtlich strafenden Blick an.
Meine Jilla — dein Vater ist krank? Noch nicht besser? Leider nicht! — antwortete Jilla, und führte ihn in des Kranken Gemach. Pst! er schlummert! Da dürfen wir ihn nicht stören! — rief das Mädchen, als sie die Thüre halbgeöffnet hatte.
Sie blieben in einem Nebenzimmer, und plauderten, ja, was plauderten sie denn? Von dem kranken Vater? Oder —
Die Antwort kann ich nicht wörtlich geben; denn das Buch der Zukunft, in dem ich diese Geschichte lese, meldet nichts davon. Doch sollt ich rathen; schöne Leserinnen, soll ich rathen, so kommt es wohl ziemlich auf den Punkt — von dem zwei Liebende sprechen, die sich nach kurzer Trennung wiedersehen, und vielleicht gar wenn das Schicksal keinen Strich durch die Rechnung macht, bald — was denn? — Was? — Hören sie das gerne meine Leserinnen? — Mann und Frau werden.
So? sind sie schon nahe bekannt?
Ja freylich! du lieber Himmel, wie bald stehen zwei Liebchen nicht in enger Verbindung? und welche kleine Spanne Zeit verfliegt zwischen bekannt werden, und dem Entschlusse sich zu vermählen. Ein kleiner Sprung ists, ein — bald hätt ich gesagt ein Flohsprung nur. In unserm Jahrhunderte giebt es für Liebende freilich der Hindernisse zu viele. Ein Stammbaum zum Beispiel einerseits und Tugend und Armuth anderseits ist schon ein faßt unüberwindlicher Riese! Elterngroll, wenn die Kinder auch gar nichts gegen einander haben, ist ein zweiter unübersteiglicher Stein. Ach und was giebts der Steine und Riesen die in unserm Sekulum die Leutchen trennen, nicht noch? Ich glaube deren so viele als es Verliebte nur immer geben kann. Aber in dem beglückten neuen Zeitraume wählten die Mütter nicht die Schwiegersöhne für ihre Töchter, und eben so wenig die Väter ihre Schwiegertöchter den Söhnen. Da mißt man das ehlige Glück nicht nach Dukaten oder Stammbäumen. Die jungen Leute gefallen sich, gestehen sich ihre drückende Herzensnoth und zeigen es den Eltern an: „Vater! Ich liebe deine Tochter, sie erwiedert meine Liebe, gieb sie mir zum Weibe, wir wollen arbeiten und dem Ruf der Natur folgen!“ So hält der Jüngling an, und die Eltern bestättigen freudig die Wahl, wenn sie vernünftig vorsehen, daß ihre Kinder glücklich seyn können. Eine Familie machen dann alle aus, und Groll und Hader, wenn ja zuweilen so ein Distelchen unter Blumen blüht, ist vergeben und vergessen.
Die Mädchen selber halten es für Ehre, um ihre Geliebten zu frein, und solch einer entschlossenen Bräutigamswerberinn wird die Bitte schon gar nicht abgeschlagen. Daher treffen sich manchmal drolligte Späschen. Mancher recht hübsche junge Mann, wenn er mehrern den Hof machte, hat die Freude, daß sich zuweilen ein halb Duzend Mädchen um ihn bewerben, wo er dann der Erkohrenen den Apfel reicht. Oefters kömmt der Vater oder die Mutter dem Schwiegersohne, wenn er blöde oder scheu ist, selbst zuvor, und tragen ihr Kind an. Kurz, ungezwungener, freier, zuvorkommender ist man bei diesem Geschäfte im 23ten Sekulum als im jetzigen die Frauen.
Doch — wohin gerath ich? Geschwind, was machen unsre Liebchen im Nebenzimmer! Plaudern sie noch immer? Nicht doch! Jilla! Jilla! — stöhnt der kranke Wolling, und das Mädchen entreist sich windschnell Sebalds Armen.