Er ist nicht mehr! — rief Sebald — Vor acht Tagen starb der edle Greis, auf dem Todtenlager und entdeckte, Jilla sey seine angenommene Tochter, die ihm einst deine Mutter — so sagt er — als sie das Unglück hatte nahe bei Ostende zu verscheiden, übergab.
Jehn. Leider, leider erzählte mirs der wackre Mann, mit dem ich vor 6 Jahren durch eben diese Post bekannt wurde. Ich hatte meine liebe Mutter kaum einen halben Tag hier bewirthet, hatte sie — seit wir, meine Marlon, England verliessen, nicht gesehen, war so von Herzen froh, daß sich mein trübes Schicksal einmal erhellen würde — aber es ward noch trüber. Der edle Greis starb also? Er war ein Deutscher, das ätzet seiner Urne ein.
Und mein unvergleichlicher Vater — stotterte Jilla, und schlug die Augen zur Erde.
Das war er — fügte Jehnsen bei — Dich unbekanntes Mädchen nahm er in seine Obsorge, und wie ich oft gesehen habe, als ich ihn besuchte, konntest du Jilla in keine bessere Hand gerathen. Doch — Fried und Ruh dem Verdienten! — Itzt kommt — wir feiern unser Fest des Wiedersehens! Kommt in meine Behausung! Marlon! Mein Sohn! In welch unaussprechlich Entzücken setzte mich euer Wiedersehen!
Sie giengen in den Gasthof, alle des lautesten Jubels voll, und erzählten sich wechselseitig ihre Schicksale. Wie sprang Jehnsen froh vom Sitze auf, als Sebald in seiner Geschichte auf Jilla kam, und er erfuhr, Jilla sey Sebalds Verlobte! Er umarmte das schöne Mädchen, dem der Karmin der Wangen in höheres Roth stieg. Brav mein Sohn! — rief Jehnsen! Dir wird ein edles Mädchen zur Gattin! Ha wie will ich mich vergnügen an deinem Hochzeitsfeste! Wie will ich trotz dem feurigern Bräutigam mit meiner Braut Marlon die Reigen durchschweben! Das soll mir ein Fest werden! Marlon — nicht wahr meine Liebe, wir — lassen uns doch aufs neue vom Bande des Priesters umweben, wenn auch andere Ketten uns längstens fest verkettet haben.
Marlon, Sebalds vergnügenstumme Mutter, nickte ihr frohes Ja! und in reinsten Vergnügungen flohen die wenigen Tage dahin, wie Sekunden, die Sebald bei dem Gastwirth zum Vollmond vermöge des Auftrags des alten Wolling zu verweilen dachte. Zwar meint er nur wenige Stunden wären hinlänglich, dem noch damals unbekannten Gastwirthe die traurige Todesnachricht zu bringen, um sogleich von da nach Wallingau zu Salassins Eltern zu fahren; aber die unvermuthete Entdeckung seines Vaters machten aus acht Stunden, acht Tage frohe, selige Tage, von denen der letzte schon erschien, ohne daß sie begreifen konnten, wie die sieben andern so schnell verträumet wären.
Endlich brachen sie auf. Selbst Jehnsen übergab seine Geschäfte der Obsorge seines treuesten Dieners, und sie kamen bald in Wallingau an, wo eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war.
Fünftes Kapitel.
Jillas Eltern.
Jilla trug das goldne Kreuzchen am Halse, sie hatte sich einfach gekleidet, aber um so reizender war sie. Ein kleiner Zug der Trauer über des Vaters unvergeßlichen Tod im blühenden Gesichte, das sanfte Lächeln, das Heiterkeit lächelte, wenn man sie noch zu trösten bedürftig fand, ihre Grazie — alle Herzen wurden ihr sympathetisch angezogen.
Als sie vor dem Schlosse Wellys, in Wallingau aus dem Schiffe stiegen, erkannte der Graf Sebalden sogleich, und bewillkommte ihn mit offnen Armen. Die ganze Gesellschaft (worunter natürlich auch Bengler und Lolly war) die sich eingefunden hatte, um Wellyn und Jadillen zu dem Ruhme ihres Sohnes, der wie ein Lauffeuer sogleich im ganzen deutschen Lande verbreitet war, ihre theilnehmende Freude zu bezeigen, folgte dem Grafen hinab in den Schloßplatz, und begrüsten die neuen Gäste.