Bengler war eben aus dem Garten gekommen, und mischte sich schnell unter das Gedränge. Er erblickte seine Tochter Lolly aus dem Luftschiff steigend, und fragte hastig: Blitzmädchen, wie kommst du aus dem Schiffe? — Aber Jilla lachte etwas laut — über Benglers Ausruf, der sie für seine Lolly hielt, und sich vor die Stirne schlagend lächelnd rief: „Ey der tausend! Hab ich doch selbst meine Tochter verkannt, was denn also Salassin, wenn er dich Sebalden in der dunkeln Laube mit dem Mädchen da erblickte! Nun verzeih ich ihm den Irrthum schon gar! —“ Man lachte über Benglern und jeglicher schwur, als Jilla und Lolly beisammen standen, nie habe die Natur zwei ähnlichere Blumen gezeugt.
Die Gesellschaft unterhielt sich lange mit der seltnen Erscheinung: es wurde geschäckert, erzählt und — kurz die Gesellschaft unterhielt sich so gut, als sich ein solcher Kranz froher Menschen unterhalten kann.
Von der Gesellschaft hinweg stahl sich Jilla mit Sebalden, und wandelten lieber im freieren Parke. Der Herbst schmickte bereits das Laub der Bäume mit bunten Farben: in leichten Regen rieselten von fruchtbeladenen Aepfeln u. Birnbäumen die Blätter; die Grashalme rauschten welk und falb im kühlern Wind, des Gartens Schmuck starb allmählig, und die Schasmin und Fliederlauben verbargen, des Laubes beraubt, die Liebenden die darin kosen wollten, kaum mehr.
Es war einer der heitersten Herbsttage, die Sonne schien alle ihre Kraft und Wärme noch einmal auf die Erde zu strahlen, und die Schatten der Kastanienalleen waren heute so lockend, als im schwülen Sommer. Zu dem liebenden Paar gesellte sich bald darauf Wellys Gattin Jadilla mit Lolly, sie spazierten unter mancherley Gesprächen in den ziemlich verödeten Gartengängen, und blieben bei einer Kaskade stehen, die des Baches Wehr, der den Park umrieselte, machte. Die Aussicht war hier freier, man konnte weit durch ein Wiesenthal schauen, das eben dieser buschumränderte Bach mit schlängelnden Krümmungen zertheilte. Das Thal schloß sich an einen Hügel, der dem Dorfe zu ein Kastanienwäldchen und auf der andern Seite Birken und Kiefernschläge zeigte, die höhere Fichten und Tannen umgaben, und über welche hie und da eine falblichte Eiche ragte. Es war eben dieses Wäldchen, meine Leser, in dem sich einst Jadillchen verloren hatte.
Die jungen Leutchen blickten mit Vergnügen in die schöne Gegend; Jadilla hingegen sah mit merklicher Betrübniß dahin. Sie wand öfters ihre Augen von dem Wäldchen auf die Kaskade, und da die Andern etwas lange verweilten, und die liebliche Aussicht zu loben nicht satt wurden, stiegen Mutter Jadillen Thränen in die Augen, und eine leichte Blässe übergoß ihr Gesicht.
Was fehlt dir verehrte Jadilla! — sprach Lolly sobald sie das bemerkt hatte; die Gräfin faßte sich schnell und entgegnete: Nichts, meine Theure! Es war eine trübe Erinnerung, die mir jenes Kastanienwäldchen erregte.
Das Wäldchen dort am Hügel? Eine trübe Erinnerung? fragte Sebald und Jilla wechselseitig. Wie so?
Es sind fünfzehn Jahre vorüber, seit ich mit meinem Gatten einmal an einem heitern Frühlingstage dahin lustwandelte. Unsre beiden Kinder, Salassin, den du Sebald wohl kennest, und meine vierjährige Tochter Jadilla hüpften an unsrer Seite, und verfolgten Blumen und Schmetterlinge. Die kleine Jadilla verlor sich unvermuthet aus unsern Augen, und verlief sich im Walde. Ach! wir haben sie seitdem mit unsterblicher Trauer beweint, und so oft ich diese Gegend sehe, macht mich immer die Erinnerung bewegt.
Und hörtest du seit dem keine Silbe von dem verlornen Kinde? — fragte Sebald aufmerksam weiter.
Die Gräfin. All unser Forschen war vergebens. Die ganze brave Nachbarschaft half uns suchen, aber — vergebens. Wir fanden nicht die geringste Spuren von Jadillen, und es war uns auch alle Hoffnung benommen, sie einst wieder zu sehen; wir beweinen sie als todt.