Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurück in Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.
Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! — sagte Welly, und Tellmann sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schönes Stück von dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! — Doch itzo geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.
Vierzehntes Kapitel.
Eine fürchterliche Begebenheit.
Noch saß man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenständen. Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da krachte plözlich ein betäubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die Stadt. Die festesten Gebäude erbebten, daß die Fenster klirrten; der Wein tanzte in den Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die Kannen vom Munde fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht des Tages, es knallte und schallte, als donnert und prasselte mit fürchterlichem Getöse der Feuerschwangre Vesuv.
Auf den Plätzen und in den Gässen war alles in schrecklicher Bewegung, Geschrei und Gelärme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten Gesichtern, und zitternden Füssen.
Was ist das? — rief einer um den andern im Saale, und sprang an das Fenster. Ein Strom ungeheurer Mauerstücke, Wolken von Asche und Staub rauchende und flammende Brandhölzer stiegen auf der westlichen Seite der Stadt hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und Salassin liefen schnell aus dem Saal über den Platz nach der Seite zu, wo das Getöse am fürchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft verdunkelt hatte.
Die Pulverfabrike! — scholls überall. Sie ist in die Luft gesprengt!
Die beiden rannten dem Volksgedränge nach und nach einer halben Stunde waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein kläglicher Anblick.
Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstückelt, zerstümmelt, verwundet, mit Schutt und Brändern überdeckt, und eine ungeheure Schlucht gähnte an dem Orte wo die große Pulverfabrike gestanden war — Das Gewimmel der unzählbaren Menschen, die aus den Thoren strömten, das Röcheln der Sterbenden, das Stöhnen der Halbverschütteten, das Winseln und Wimmern der Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul der Herbeilaufenden waren ein gräßliches Schauspiel.
Eilends half man den Unglücklichen. Hier warfen einige den Schutt auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstümmelte heraus, dort verbanden andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rücken, der einer Fuß zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das Gesicht vom Blute röthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die andern Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmächtiges Weib, dort ein Weib einen wunden Mann auf den Rücken, hier führte ein reizendes Mädchen eine blutende Freundin, dort schlepte eine Zahl rüstiger Jünglinge andere wieder, und in wenig Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen Akteurs leer. Dem sonderbaren Zug, der mit seiner Bürde truppenweise nach der Stadt wanderte, stürzten andere Schwärme von Menschen entgegen. Mein Vater! Meine Mutter! Bruder! Schwester! So tönte überall das Jammergeschrei derjenigen, die ihre unglücklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie regegemachte Ameisen in einem aufgestörten Haufen untereinander wimmeln, diese Eyerchen, jene Weyrauchkörnchen tragen, und surren: so wimmelten die Schwärme der Zusamgelaufenen.