Also ist er ein geborner Engländer? Kennt den Grafen Wallingau? Ist Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.
In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhänglichkeit und Liebe für den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich entschlossen hat, müssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns Verdienste, die ihn auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund an des Monarchen Seite gehoben hatten.
Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Königreiche England. Seine Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren Eltern ihrem Stande angemessen erzogen. „Sohn! — sprach der Vater — Ich bin ein Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner würdig!“
„Tochter! — sagte die Mutter — Sey deiner Eltern, und einst der Liebe eines wackern Mannes werth!“ und die Kinder wurden es.
Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte prangte, einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blühende Tochter war mit ihm, und manches Jünglings Blick, der die deutsche Grazie traf, goß das Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei vorzüglich, die Söhne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plözlich von der mächtigsten Neigung für die germanische Fürstentochter gefesselt. Ihrer Väter Rang, ihr eigner schön aufkeimender Ruhm, schien beiden kühnere Wünsche zu erlauben, und beide nährten die Flamme, beide spornten ihre Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser jetzige Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht ungleich; aber jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.
In einem Ring vergnügter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.
Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hieß die deutsche Prinzessin) und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.
Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, dürftig gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich müde in das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und das standhaft unterdrückte Gefühl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng zu dem Weibe, half ihr auf, und führte sie mit dem einem Kind in dem Arm auf dem Park in ein kleines Häuschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden fragte, und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die Gesellschaft mischte.
Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend des Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt kam sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf einige Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von allen in das Häuschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne Rosalien, die sich in den Gesträuchen verborgen hatte, gesehen zu haben.
Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, daß Lohnston ihr Wohlthäter sey, der täglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen mache.