„Meinen Gatten — sagte das Weib — erschlug eine alte Mauer, an deren Fuße er gegraben hatte. Ich fiel in das größte Elend. Dürftigkeit war stäts mein Loos. Meines seeligen Mannes Fleiß half uns, wir lebten arm aber froh. Mit seinem Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben. Zu Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston spürte meine Noth aus, und hilft mir großmüthig, daß ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernähren kann.“

Rosalie hörte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rührung und Liebe regten sich in ihrem Herzen — Liebe — schon bei dem ersten Augenblicke, als Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemühungen und Bewerben ward ihr bloß dadurch nicht unlästig, weil sie bemerkte, daß beide junge Männer Freunde wären.

Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, daß sie um seinen Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn überall mit einiger auffallenden Theilnahme aus.

Selmson war bestürzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und Empfindung für Freundschaft hätte er leicht auf Ränke gedacht er kämpfte mit sich — die entstandene Liebe war mächtig — aber mächtiger die alte Freundschaft, er mißgönnte dem Freunde sein Glück nicht, und lebte lange im Kampf mit seinem Herzen.

„Ich will nicht Liebe — nur Achtung soll sie mir nicht versagen! —“ dachte er und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen eben Rosalie und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen in den Fels gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrämtes Tuch; es fiel in die schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter Begeistrung in den Brunnkessel, und ließ sich zum Schrecken Rosaliens in die grause Tiefe hinab, um das Tuch zu erhaschen.

Auf der Prinzessin ängstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei, und — Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glücklich das Tuch gefaßt. Man wand den Kühnen empor, und er überreichte unbeschädigt und lächelnd Rosalien das Tuch.

„Selmson — sagte Rosalie — Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber Tollkühnheit nicht.“

Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschämt wie eine Marmorsäule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene schien ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jüngling ward rasend, und — stürzte sich in den Brunnen.

Dieser unglückliche Vorfall erschütterte Rosalien, die ihn nichts weniger als verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und der Vater reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre heiße Liebe gestanden.

Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor vielen Jahren auch unter den Verklärten. Seine Schwester Marlon liebte unglücklich. Ihr Erkohrner hatte den Haß seiner Familie. Warum? Er war ein etwas leichtsinniger Jüngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen Streich hinriß. Er liebte Marlon — die Liebenden vergaßen sich. Marlon ward Mutter eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die Verbannung aus dem Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem einjährigem Kinde dem Vater, ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so glücklich ihren Geliebten zu finden, und irrte in unsäglich jammervoller Lage in Germanien herum, bis Graf Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen Sohne auf der Strasse traf.