Auf einer kleinen Anhöhe neben dem Dorfe steht eine hübsche Kirche. Die Herrnhuter Missionäre haben beinahe alle Neger dieser Pflanzung zum Christenthum bekehrt und es wird täglich Schule und Gottesdienst gehalten. Diesem Geschäft unterzieht sich ein junger Neger, der von den Herrnhutern dazu unterrichtet wurde. Alle 14 Tage kommt ein Missionär von Worsteling Jakobs, dann ist grosser Buss- und Bettag. Dass aber bei diesem vielen Beten viel weniger gearbeitet wird, als auf andern Pflanzungen, ist ebenfalls wahr; denn Beten und Arbeiten ist für die Neger zu viel.

Als sich der Nebel verzogen hatte, bestieg ich den blauen Berg, von dessen Höhe und Steilheit, sowie von der herrlichen Aussicht auf demselben ich schon so viel hatte reden hören. Der Wald auf und an ihm ist gänzlich ausgerodet und nur schlechtes, schneidendes Gras wächst auf der rothen und eisenhaltigen Erde, aus der grosse Quarzblöcke hervorstehen. Seine Abhänge sind sehr steil und von der Seite des Flusses mühsam zu erklimmen. Ein kleines Häuschen steht auf seinem Gipfel, der wirklich eine überraschende Aussicht gewährt. Ungeheure Waldungen bedecken das Land nach allen Richtungen hin und ausser dem unten liegenden Negerdorfe ist auch nicht eine Spur menschlicher Cultur zu entdecken. Gegen NNW. und NO. breitet sich der Wald flach wie ein ungeheurer Teppich in den herrlichsten Nüancen von Grün aus, durch den der Surinam wie ein breites, silbernes Band sich schlängelt. Nach SO., S. und SW. sieht man Hügel und Berge, über die im fernen Horizont hohe, blaue Gebirge hervorragen. Einzelne Rauchsäulen, welche man aus dieser grünen Masse aufsteigen sieht, erinnern daran, dass das Land bewohnt ist. Auf dem Berge ist der Begräbnissplatz der Herrnhuter Neger.

Die Waldungen sind hier an guten Holzarten reich, aber der Transport (der des Zimmerholzes geschieht durch Ochsen und die Bretter müssen oft stundenweit getragen werden) ist bei dem bergigen Terrain sehr mühsam. Vor etwa hundert Jahren bildete sich in Holland eine Actiengesellschaft, welche in dem bergigen Theile Surinams nach Mineralien forschen lassen wollte. Man machte mit dem blauen Berge eine Probe und legte einen Stollen an, dessen Oeffnung man noch jetzt sieht. Die Ausbeute war aber sehr gering und die Bergleute wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder von den damals rebellischen Buschnegern überfallen und ermordet, so dass der Sache schnell ein Ende gemacht wurde. Ueberhaupt ist Bergendaal und noch mehr das weiter landeinwärts liegende Victoria nicht gesund und mehrere Directoren, Creolen aus Surinam, litten beständig am Wechselfieber. Hr. H., der sich immer mit Botanisiren beschäftigte und dabei der Nässe zu sehr ausgesetzt hatte, litt ebenfalls daran, wodurch er verhindert wurde, den Strom weiter aufwärts zu fahren. Ich beschloss desshalb, allein nach dem noch vier Stunden weiter aufwärts liegenden Posten Victoria, welcher die Grenze des bewohnten Landes bildete, zu gehen, und trat, nachdem ich einige Tage auf Bergendaal zugebracht hatte, die Reise dahin an. Vom Bastian der Pflanzung lieh ich eine kleine Corjaal, die etwa 12' lang und 2' breit war, packte meine Habseligkeiten in den Pagaal und verliess, von dem Arowacken begleitet, Mittag um 1 Uhr Bergendaal. Der Strom, welcher nach Osten hin eine wohl zwei Stunden lange Bucht bildet, war reissend und wir pagaiten desshalb tüchtig darauf los, um noch vor der Nacht Victoria zu erreichen. Ein starker Regenguss nöthigte uns aber, ein Obdach im Walde zu suchen, wo wir, bedeckt von Heliconienblättern, wohl eine Stunde lang unbeweglich sassen, bis der Regen nachliess. Weder ich noch der Indianer hatten je die Reise gemacht und wir wussten desshalb, als der Abend anbrach und keine menschliche Seele in dieser Wildniss sich zeigte, nicht, wie weit wir noch zu fahren hatten.

Endlich um Sonnenuntergang waren wir am Ende der langen Bucht und der Strom kam wieder aus S. Viele übereinander geschichtete Felsen trugen Bäume, an denen mehrere Dutzende von den sackförmigen Nestern des rothen und gelben Cassicus hingen. Diese Vögel, welche wir aus ihrer Ruhe aufstörten, erhuben ein höllisches Geschrei. Die Breite des ganzen Stroms beträgt hier an dieser Stelle, wo er durch Felsen und ein hohes Ufer eingezwängt ist, kaum 20 Klafter; dabei ist er so reissend, dass es uns beinahe unmöglich war, aufwärts zu pagaien und wir unsere Hände voll Blasen bekamen. Todtmüde und hungrig kamen wir nach 10 Uhr auf dem Posten an. Ich polterte an der Thüre der Kaserne; denn ausser der Wache lag Alles in tiefem Schlaf. Die dadurch Aufgeweckten fingen an zu fluchen und meinten, es seyen die Kühe der Pflanzung, die zuweilen da Kurzweil zu treiben pflegten. Man öffnete und war höchlich verwundert, mich zu sehen; denn einen Besuch von mir hatte man gar nicht erwartet. Schnell wurde ein Feuer angemacht, an dem Kaffee gekocht, Bananen mit Speck geröstet wurden und ich und mein Indianer hatten bald die anstrengende Reise vergessen. Man hing meine Hängematte auf, warnte mich vor den Fledermäusen und bald lagen wir in den Armen des Schlafes.

Des Morgens kam auch der Kommandant des Postens, ein Sergeant, um mich zu bewillkommnen. Hierauf ging ich mit einigen Soldaten nach dem etwa 200 Schritte entfernten Holzgrunde Victoria, wo ich vom Director desselben, einem portugiesischen Israeliten, ebenfalls herzlich empfangen wurde.

Dieser Mann ist wegen der weiten Entfernung anderer Pflanzungen einzig auf die Gesellschaft seiner Nachbarn, der Soldaten beschränkt, und da die ganze Sklavenmacht blos aus ungefähr 40 Köpfen besteht, und in der Trockenzeit wegen des niedrigen Wasserstandes alle Verbindung mit Paramaribo gehemmt ist, so ist seine Stellung weder vortheilhaft noch angenehm. Er war übrigens ein sehr gefälliger Mann, der mir in der Folge uneigennützig manchen Dienst leistete.

Ein alter Soldat, der früher mit mir auf Mauritzburg gelegen hatte, liess es sich besonders angelegen seyn, mich festlich zu bewirthen. Der Director ward ebenfalls zu dem Essen eingeladen, das um zwölf Uhr in der Kaserne aufgetragen werden sollte. Die Zeit bis dahin wurde von mir benützt, mich in den Wäldern umzusehen.

Der Posten und die Pflanzung liegen auf einer grossen Savanne, die gegen Osten von dem Fluss begrenzt, und auf allen Seiten von Hochwald umgeben ist. Der Boden, sowie auch das umliegende Land ist hügelig und bildet Berge und Thäler, die mit Hochwald bedeckt sind. In den Bergschluchten, worin das Regenwasser abläuft, findet man stellenweise eine Menge Bohnerz, und die Felsen sind wie auf Bergendaal sehr eisenhaltig. Die Wälder sind besonders von Tapiren bevölkert, und Poweesen, Marai's und andere hühnerartige Vögel halten sich in Menge hier auf. Häufig trifft man hier den schönen Sonnenvogel (Ardea helios), der sich gern an kleinen, dichtbeschatteten Kreeken aufhält.

An Fischen ist die Gegend arm; desto reichlicheren Stoff aber bietet dem Botaniker die Pflanzenwelt dar. Die Ufer dieses Flusses sind besonders reichlich mit dem Copaivabaum und verschiedenen Ingaarten bewachsen. In den Wäldern findet man viele Palmen, als Murru Murru (Astrocaryon murru murru) u. s. w., die im niedrigen Lande nicht vorkommen, und in den Bergschluchten wuchern die interessantesten Arten von Farnen.

Ebenso reich ist hier die Gegend an Insekten, und ich fing Schmetterlinge, welche ich auf andern Plätzen der Colonie nie sah.