Ein altes Weib mit schneeweissen Haaren, das seine Hütte nicht verlassen konnte, liess mich bitten, sie zu besuchen. Ich traf sie umringt von einer Truppe junger Mädchen und von wenigstens 20 Papageyen, die bei meinem Eintritt unter greulichem Geschrei herumflatterten und im nahen Gebüsch sich versteckten. Sie beschenkte mich mit einem Körbchen spanischem Pfeffer, der Jahrelang zum Verpfeffern meiner Suppen gereicht hätte, und ich vergalt ihre Freigebigkeit mit den letzten Nadeln, welche mir noch übrig geblieben waren.
Nach nur kurzem Aufenthalte – das Sehenswürdige war bald gesehen – fuhren wir nach dem am Surinam liegenden Dorfe Cassaveondro, dessen Oberhaupt mir seine grösste Corjaal geliehen hatte, und von Victoria schon wieder zurückgekommen war. Es fuhren mit mir ausser dem Indianer und den zwei Plantagennegern noch acht Buschneger, jeder mit Gewehr und Hund, nach dem Dorfe. Dadurch war auch diese Corjaal so geladen, dass sie jeden Augenblick unterzusinken drohte. Unter vielem Lärmen und Gelächter wurde von Allen gepagait, und mir war auf der sehr angeschwollenen und reissenden Kreek nicht gut zu Muthe.
Das wilde Volk erblickte eine Wasserschildkröte, und man ruderte aus allen Kräften, um dieses Thier, dem Pirais drei Füsse abgebissen hatten, zu erreichen. Während sie die Schildkröte ins Boot zu ziehen suchten, füllte sich dieses halb mit Wasser, und es wäre gewiss gesunken, wenn die Buschneger nicht augenblicklich herausgesprungen wären. Doch diese waren schnell bei der Hand, schöpften im Schwimmen das Wasser mit einer Calabasse heraus, und stiegen mit grosser Kunstfertigkeit nach einander wieder ins Boot. Dieser Unfall, der auch für mich von sehr üblen Folgen hätte seyn können, machte nicht den mindesten Eindruck auf die Buschneger, die unter gleicher Lustigkeit ihren Weg fortsetzten.
Bei unserer Ankunft auf Cassaveondro empfing uns beinahe das ganze Dorf am Landungsplatz, und man veranstaltete augenblicklich mir zu Ehren einen Tanz, der für die zwei Plantageneger um so grösseres Interesse hatte, als einige aus der Stadt zurückgekommene Corjaalen mit Dram beladen am Landungsplatz lagen. Alles versammelte sich in der Hütte des Kapitäns, wo der Tanz vor sich gehen sollte und Männer, Weiber und Kinder sassen oder lagen, wie es gerade der spärlich zugemessene Raum gestattete. Ein Mann und eine Frau, die durch Gesang, sowie durch Klappern mit einer holzichten Frucht ein schreckliches Getöse machten, drehten sich unter allerlei gar oft unsittlichen Geberden herum. Ein ausgehöhlter, mit einem Fell überspannter Baumstamm diente als Trommel und war das Hauptmusikinstrument. Das Ganze unterschied sich in keiner Hinsicht von den Tänzen, welche man am neuen Jahr oder bei andern Gelegenheiten auf den Pflanzungen sieht und die mir jedesmal Kopfweh und Schwindel verursachten, wenn ich sie nur einige Minuten lang ansah. Die einzige Abwechslung in dieser monotonen Parthie brachte der Rum hervor, der Allen recht schmeckte und bald darauf das ganze Ballpersonal betrunken machte.
So lange es noch Tag war, suchte ich in der Umgegend nach Insekten, mit einbrechender Nacht ging ich ins Dorf zurück, wo ich, umgeben von betrunkenen Negern, zwei höchst langweilige Stunden zubrachte. Mein Indianer war ganz nüchtern geblieben, denn er war mit den Buschnegern nicht bekannt, schien sie zu fürchten und verlangte so sehr wie ich nach dem Posten zurückzukehren.
Jede Negerin, welche ihren Tanz beendigt hatte, sprach mich um Geld an, so dass mich dieser Abend über 3 fl. Geschenke kostete. Endlich wurde in der Tanzraserei eine Pause gemacht und ich äusserte meinen Wunsch, abzufahren. Dazu hatten aber die Plantageneger wenig Lust und alle Buschneger bestürmten mich mit Bitten, erst am nächsten Morgen meine Rückreise anzutreten. Man bot mir Haus, Hängematte, ja sogar eine hübsche Negerin an und stellte mir vor, wie gefährlich es sey, in einer so dunkeln Nacht mit betrunkenen Negern und in einer so kleinen Corjaal über die vielen Klippen des reissenden Stromes zu fahren, wo man ja selbst bei Tage mit der grössten Behutsamkeit zu Werke gehen müsse. Ich beharrte aber auf meinem Vorsatz, weil ich dem Director der Pflanzung Victoria versprochen hatte, nicht über Nacht bleiben zu wollen. Da der Kapitän des Dorfes mich entschlossen sah, abzureisen, so gab er, um Unglück zu verhüten, den Plantagenegern, welche unter Schimpfen und Fluchen auf mich vom Ballpersonal Abschied nahmen, eine kleine Corjaal. Man beschenkte mich mit Apfelsinen, zwei Schildkröten und Cassave und unter immerwährendem Schiessen fuhr ich mit dem Indianer in meiner, die Neger in der andern Corjaal ab. Pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug den Fluss hinab und Punkt zehn Uhr hatten wir den Posten erreicht.
Am andern Morgen verliess ich Victoria und war in zwei Stunden auf Bergendaal zurück. Hr. H., der immer noch am Fieber litt, erwartete mich, um nach Paramaribo zurückzukehren. Wir fuhren noch denselben Nachmittag ab, hatten aber noch keine halbe Stunde zurückgelegt, als der Regen, wie mit Eimern geschüttet, vom Himmel herabstürzte und uns augenblicklich bis auf die Haut durchnässte. Gleich stark regnete es zwei volle Stunden und da in dieser menschenleeren Gegend kein Obdach zu finden war, so mussten wir geduldig warten, bis es dem Himmel gefiel, seine Schleussen zu schliessen. Wir waren beide, da wir unter so viel Bagage wie eingemauert sassen, so kalt, als wären wir auf einer Reise nach Spitzbergen begriffen.
In einer solchen Lage ist ein guter Schluck Rum ganz zweckmässig und obwohl ich sonst nie solchen trank, machte ich doch hier eine Ausnahme. Weil auch einer unserer Neger das Fieber bekommen hatte, hielten wir, anstatt nach der Judensavanne zu fahren, auf dem kleinen Kostgrunde Moria an, um hier zu übernachten und unsere Effecten zu trocknen. Wie aus dem Wasser gezogen betraten wir das Haus und baten die zwei Mulatten, welche den Platz beaufsichtigten, um ein Zimmer für die Nacht. Gesellig und gastfrei, wie diese Menschen im Allgemeinen sind, stellten sie uns sogleich das ganze Haus zur Verfügung, entschuldigten sich aber, weil sie uns keinen Genever noch andern Spiritus anbieten konnten, mit dem komischen Schlusse, dass sie ganz auf dem Trockenen sässen. Das käme eben recht, meinte Hr. H., denn wir wären lange genug im Nassen gesessen. Es wurde nun gekocht und gebraten und bald sassen wir ganz behaglich um den dampfenden Topf. Hr. H. hatte Rum und Branntwein im Ueberfluss bei sich; die beiden Herren machten sich dieses zu Nutzen und leerten wohl ein Dutzend Gläschen miteinander, dass man zuletzt recht gut sehen konnte, wie sie aufs Nasse kamen. Durch ihr unerträgliches Geplauder nöthigten sie endlich Hrn. H., die Flaschen einzuschliessen und das Licht auszublasen, so dass bald allgemeine Ruhe im Hause herrschte.
Am Mittag des andern Tages fuhren wir, nachdem Alles getrocknet war, nach der Judensavanne zurück. Hier verliessen uns beide Indianer, welche in der kurzen Zeit, die sie bei uns zubrachten, die besten Freunde geworden waren. Walekuleh, der Arowack, kehrte nach seinem Dorfe auf den Savannen der Casewinika zurück. Nachdem er von uns reichlich beschenkt worden war, wanderte er mit seinen Siebensachen und mit seinem Freunde, dem Caraiben Kwaku, der ihn halbwegs begleiten sollte, wohlgemuth den glühenden Sandweg nach der Casewinika.
Am andern Abende waren beide Indianer wieder vor unserer Thüre; denn Walekuleh, den sein Freund Kwaku nicht nur halbwegs, sondern ganz bis in sein Dorf begleitet hatte, konnte es nicht übers Herz bringen, diesen allein nach der Judensavanne zurückkehren zu lassen und hatte desshalb seinerseits seinem Freunde das Geleite eben so weit zurückgegeben. Nach dreitägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und kamen nach dreiwöchiger Abwesenheit wieder in Paramaribo an.