Ehe ich diese Schrift schliesse, will ich noch einige Bemerkungen und Notizen über die Buschneger beifügen, die, wiewohl kurz und oberflächlich, doch einen richtigen Begriff über ihre Lebensart und ihre Verhältnisse zu den übrigen Bewohnern der Colonie geben können.

Schon in der ersten Zeit der Colonie waren Sklaven von den Pflanzungen weggelaufen und hatten sich an verschiedenen, meist unzugänglichen Plätzen in grösserer oder kleinerer Anzahl eigene Dörfer angelegt und lebten vom Ertrage ihrer Aecker, von Jagd und Fischerei, oder auch vom Raub auf benachbarten Pflanzungen, mit deren Negern sie häufig in geheimem Einverständnisse standen. Diese Weglauferei fand häufig bei den neuangekauften Negern statt und nahm mit der Zeit so zu, dass die Weggelaufenen nicht mehr damit zufrieden waren, versteckt in ihren Wäldern leben zu können, sondern in grosser Anzahl auf den Pflanzungen einbrachen, sie zerstörten, die Sklaven wegführten und die Weissen aufs Grausamste ermordeten. Man war desshalb von Seiten der Regierung genöthigt, kostspielige und meist nutzlose Kriege, Buschpatrouillen genannt, gegen sie zu führen, die keinen andern Erfolg hatten, als dass man das Gesindel weiter in die Wälder jagte, aus welchen sie nach kurzer Zeit wieder aufs Neue zurückkehrten und ihr altes Unwesen trieben. Man war zwar so glücklich, mehrere ihrer Dörfer zwischen der Saramacca und dem Surinam zu entdecken, dieselben zu verbrennen und alle ihre Aecker zu vernichten; aber diese Feldzüge kosteten, so reich auch das Land in jener Zeit war, dennoch Summen, die in keinem Verhältnisse zu dem Errungenen standen und man kam endlich darauf, dass es das Beste wäre, mit diesem Gesindel Frieden zu schliessen, sie für unabhängig zu erklären und auf diese Weise die Ruhe der Colonie zu sichern. Dazu waren sie geneigt und es wurde ein Vertrag abgeschlossen, wobei ihnen das Gouvernement den innern und unbewohnten Theil der Colonie einräumte, auch Erlaubniss gab, in gewisser Anzahl Surinam zu besuchen und sich zu zeitweisen Geschenken, in Pulver, Gewehren, Leinwand, Säbel, Messern u. s. w. bestehend, bereit erklärte.

Das Gouvernement wählte sodann aus ihrer Mitte ein Oberhaupt, sowie auch mehrere Capitäne und es hielt unter ihnen einen Weissen als Posthalter, der Pässe nach Paramaribo ausfertigen und etwaige Befehle des Gouvernements ihnen verständlich machen musste, weil sie natürlich nicht lesen konnten. Dagegen gaben sie einige aus ihrer Mitte als Unterpfänder des Friedens nach Paramaribo, lieferten alle, nach Schluss des Vertrags zu ihnen übergegangenen Sklaven aus und verpflichteten sich, im Falle eines Aufruhrs auf Seiten der Kolonisten zu seyn.

Die Buschneger theilen sich in drei Stämme, welche nicht auf einmal, sondern zu verschiedenen Zeiten, doch alle im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Frieden schlossen und den Namen: befriedigte Buschneger (bevreedigde Boschnegers) führen. Alle Bewohner des innern Landes über den Pflanzungen theilen sich in Aukaner, Saramaccaner und Bekou Moesinga- oder Matuari-Neger. Der Stamm der Aukaner ist der bedeutendste von allen. Er bewohnt das Land oberhalb der Zusammenflüsse der Lava und des Tapanahoni am oberen Marowyne, zwischen dem dritten und vierten Grad nördlicher Breite und etwa zwischen dem 54.-55.° östlicher Länge von Greenwich. Ein Theil dieses Stammes hat sich aber in der Sarakreek am Surinamflusse unter dem 5.° festgesetzt, während ein anderer Theil die Ländereien am oberen Cottika und Coermotiba unter 5-40° und 3-30° bewohnt. Der ganze Stamm wird nicht viel über 3000 Köpfe zählen. Sie sind in 14 Dörfer eingetheilt, deren jedes unter einem Oberhaupte oder Capitän steht, dessen Rangzeichen ein blaues, mit silbernen Borten besetztes Wamms, ein Hut mit silberner Tresse und Orangecocarde, ein Stock mit grossem, silbernem Knopfe, eine Kette mit einem silbernen Halsschild, der mit dem holländischen Wappen verziert ist, besteht. Das Oberhaupt über alle nennt man Granmann. Diess ist ein alter, bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Generalsuniform behangener Neger, der aber in seinem Dorfe eben so nackt läuft und auf derselben Bildungsstufe steht, wie seine Untergebenen.

Die Saramaccaner sind am obern Surinam verbreitet und an Zahl den Aucanern ungefähr gleich. Sie stehen ebenfalls unter einem Oberhaupte und Capitäns und haben theilweise den christlichen Glauben angenommen, in dem sie von zwei Herrnhuter-Missionären, die bei ihnen wohnen, unterrichtet werden. Die Kirche, welche aus gehauenen Cedernbrettern gebaut ist, steht auf dem ersten Dorfe Jinjeh und wird ziemlich regelmässig von den Bekehrten besucht. Nur darf ihnen diess nicht viele Mühe machen; denn eifrig sind sie in ihrem Christenthum nicht. Es wurde im Jahre 1850 vom Gouvernement der Versuch gemacht, den Herrnhuter-Missionären Eingang bei den Aucaner-Buschnegern zu verschaffen, aber das Oberhaupt derselben widersetzte sich mit allen seinen Capitäns dieser Neuerung und die Missionäre mussten unverrichteter Sache wieder zurückkehren.

Der dritte Stamm sind die Matuari- oder Bekumusinga-Buschneger, deren Zahl zu 600-700 geschätzt wird und die den obern Saramacca-Fluss bewohnen.

Die Buschneger, meistens ganz schwarz von Farbe, unterscheiden sich von den Plantagenegern durch einen kräftigeren Körperbau und brutalere Manieren. In ihren Dörfern gehen sie immer nackt mit einer um den Leib gebundenen Binde (Camis). In der Stadt aber haben sie auch kurze Wämschen von farbigem Cattun an; Hosen tragen sie dagegen selten und Schuhe gar nie. Ihre wolligen Haare binden sie gerne in kleine Zöpfchen, die wie Hörner in die Höhe stehen. Um Fuss und Handknöchel tragen sie meistens Ringe von starkem Eisen oder Messingdrath und an den Fingern eine Menge Gardinenringe. Ueberdiess sind bei den meisten Knie, Knöchel, Arme und Hals mit Fetischen, hier Obias genannt, behangen, die ihre besondere Bedeutung haben und sie vor dem einen oder andern Unfall schützen müssen. Diese Obias werden aus allen möglichen Dingen zusammengestellt, z. B. aus Glasperlen, Käferhörnern, Tigerzähnen, Papageyenfedern, Schnecken oder selbst hölzernen Puppen und je toller die Zusammenstellung ist, desto kräftiger wirkt der Obia.

So roh und ungesittet dieses Volk auch ist, so kann man ihm doch gesunden Verstand und Urtheil nicht absprechen und eifrige Versuche, sie der Civilisation näher zu bringen, würden wohl gelingen. Aber dazu gehörte ein Mann mit eiserner Geduld, grosser Menschenliebe und Selbstaufopferung, der, aufs kräftigste vom Gouvernement unterstützt, mit Feuereifer ihre heidnischen Vorurtheile bekämpfte; ihnen sanftere Sitten einprägte, ohne dabei ihr physisches Wohl aus dem Auge zu verlieren und, unabhängig von einer handeltreibenden Congregation, nicht genöthigt wäre, auf deren materiellen Vortheile bedacht zu seyn, wodurch er in den Augen seiner Anvertrauten für eigennützig gelten könnte. Hiezu wäre wohl ein katholischer Priester die tauglichste Person, ein Mann mit den Grundsätzen des Las Casas. Auch die Ceremonien, Reliquien und Heiligenbilder der katholischen Kirche würden bei den Buschnegern willigeren Eingang finden, als der von allem äusseren Schmuck entblöste Herrnhuter Gottesdienst. Sie wären einigermasen in ihren Augen (man verzeihe mir das Wort) ihren eigenen Gebräuchen analog und würden mehr Vertrauen einflössen, als reiner intellectueller Unterricht. Die Buschneger haben keinen wahren Begriff von der Gottheit, obwohl sie ein höchstes Wesen anerkennen, das sie Gran Gado nennen. Neben dieser Gottheit bestehen zwar noch eine Menge anderer als: Ampoekoa, Buschgott, Toni, Wassergott und Geister oder Dämonen: Cromanti, Wintin, Tigri Wintin, Wauwaen u. s. w. – Sie lassen sich aber über die Natur und das Bestehen ihrer Götter nicht viel ins Philosophiren ein, sondern überlassen diess ihren Lukumans oder Sehern, die in grossem Ansehen bei ihnen stehen und bei jeder Gelegenheit um Rath gefragt werden. Diese sind auch die Verfertiger der Obias oder Fetische, welche gegen Krankheit, Gift, Schlangen und dergl. schützen und Glück im Handel und auf der Jagd verschaffen müssen. Auch Jagdhunde bekommen dergleichen Obias um Hals und Füsse und sind alsdann probat. Ausser diesen Talismanen bereiten diese Loekoemanns auch ein weisses Pulver zu demselben Zweck, das in Einschnitte der Haut eingerieben werden muss. Sie sind natürlicherweise ebenfalls Doctoren und ihre aus Kräutern, Wurzeln und Rinden zusammengesetzten und unter Beschwörungsformeln zubereiteten Medicinen werden vor den Weissen sehr geheim gehalten. Uebrigens setzen die Buschneger grosses Vertrauen in die Heilmittel der Weissen und scheuen bei gefährlichen Krankheiten die Reise nach Paramaribo nicht, wo sie auf Landeskosten verpflegt und geheilt werden. Wird der Buschneger von seinem Loekoemann behandelt, so muss er denselben vorausbezahlen. Ihre Krankheiten bestehen meist in syphilitischen Hautausschlägen, Fiebern u. s. w., auch richtet die Lepra bedeutende Verheerungen unter ihnen an.

So frei und unabhängig sie leben und so gering die Mühe auch ist, sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, nehmen sie dennoch bedeutend ab, anstatt sich zu vermehren, was wohl eine Folge ihrer vielen Ausschweifungen seyn wird.