Beinahe jede Familie hat eine Pflanze vor ihrer Wohnung, die sie ehrt und anbetet und sorgfältig verpflegt, um ihr Wachsthum zu fördern. Im Allgemeinen ist diess der Seidenwollenbaum. In jedem Dorfe sind auch Hütten zum Aufenthaltsort ihrer Götter bestimmt. Man findet darin Figuren von Schlangen, Schildkröten, Kaimans und dgl., die aus einem weissen Thon (Pimpa) roh verfertigt sind. Grosse Kaimans, wie man sie im Innern findet und Papa- oder Abgottschlangen (Boa canina) werden ebenfalls verehrt und nie getödtet. Niemand unternimmt eine Reise, ohne vorher einen Kandu oder Schildwache vor sein Haus gesetzt zu haben. Dieser Kandu besteht meistens aus dem Blüthentrosse einer Palmenart, dem Horn einer Kuh, dem Stachel eines Rochen, einem Termitennest oder einer Papageyenfeder, kurz, was sie für gut finden, welche Stücke, an einem Stock befestigt, ihr Haus, Felder oder sonstiges Eigenthum, da, wo der Kandu steht, sichern müssen. Die Uebrigen, welche eine solche künstliche Schildwache sehen, werden es nie wagen, den ihnen dadurch verbotenen Platz zu betreten oder an demselben gar zu stehlen. Die am meisten gefürchteten Kandu's sind eine eiserne Schaufel, deren Stiel recht im Boden steckt, Hobelspäne von einem Sarge und ein roth gefärbtes Kuhhorn. Der Eigenthümer des Kandu glaubt, obgleich er denselben aus den unbedeutendsten Sachen selbst zusammenstellte, so fest an den Zauber, als die Uebrigen, und würde, wenn Jemand den Muth hätte, bei seinem Kandu noch eine Kleinigkeit, als todte Käfer, Schildkrötenschaalen u. s. w. als zweiten Kandu aufzuhängen, gewiss keinen Fuss mehr auf seinen eigenen Acker setzen, aus Furcht vor dem mächtigeren.
Von einem Leben nach dem Tode haben sie keinen Begriff; doch glauben sie an Gespenster von Menschen und Thieren, welche man Jorka nennt, und denen Opfer gebracht werden. Im Besitze einer beinahe uneingeschränkten Freiheit und im Genusse aller Erzeugnisse, welche der fruchtbare Boden des obern Landes bei geringer Arbeit hervorbringt, sollte man meinen, dass ihre Lage nichts zu wünschen übrig lasse. Aber Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen herrschen auf jedem Dorfe und Vergiftungen und Todtschläge kommen sehr häufig vor. Jeder etwas ungewöhnliche Todesfall wird dem Gift eines Feindes zugeschrieben und wehe dann der verdächtigen Person!
In einem aus gut gehobelten Pinalatten verfertigten Sarge wird die Leiche in schnellem Trab durchs ganze Dorf getragen und vor dem Hause, wo die Träger in Folge des Einflusses eines Geistes stille halten, wird der Bewohner desselben als der Thäter angesehen und des Mords beschuldigt. Ein solcher wirklicher oder bloss vermeintlicher Giftmischer wird auf furchtbare Weise misshandelt oder verbrannt. Der Verdächtige, dessen Missethat nicht bewiesen werden kann, muss einen fürchterlichen Eid, Leba, schwören, und wird, wenn er sich weigert, von den Aeltesten seines Dorfes auf ein Brett gebunden, in den Wald gebracht und mit den Füssen an ein Feuer gehalten, dessen Hitze ihm schnell das Geständniss auspresst oder ihn auf immer zum Krüppel macht. Ist die Missethat bewiesen, so wird er lebend von unten auf verbrannt oder, wenn man gnädig verfahren will, ihm mit einem Beil oder einer Keule (Apatu) die Hirnschale zerschmettert.
Von dem Augenblick an, dass Jemand der Giftmischerei (Wisi) beschuldigt ist, bis zum Tag der Bestrafung, an welchem es an Dram nicht fehlen darf, bleibt der Beschuldigte in seinem Dorf auf freien Füssen und es würde, im Fall er entflöhe, seine Familie für ihn büssen müssen. Offener Streit wird nie bestraft, auch wenn einer auf dem Platze bleibt.
Ihre Heirathen gehen ohne weitere Ceremonien vor sich. Sind die Aeltern und das Mädchen zufrieden, so ist die Sache abgemacht und die junge Frau zieht zu ihrem Mann. Die Mädchen sind bereits im dreizehnten Jahre heirathslustig und hängen sodann einen Lappen Kattun, den man Kwejo nennt, um, vorher aber laufen sie nackt.
Vielweiberei ist gebräuchlich; die Meisten haben mehrere Weiber, sind aber manchmal nicht damit zufrieden und verführen die Frauen Anderer, was entsetzliche Händel zur Folge hat.
Die Frauen führen allein die Haushaltung, pflanzen die Aecker und säubern dieselben. In ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, waschen und putzen den ganzen Tag, sind somit in diesem Stück ganz das Gegentheil der Indianerinnen. Unter gewissen Umständen dürfen sie sich der Wohnung des Mannes nicht nähern, sondern müssen ihre Wohnungen verlassen und eigene Hütten beziehen, deren man in jedem Dorfe eine oder einige findet. Ein besonderer Weg führt von diesen Hütten, welche man Kaaihäuser nennt, nach dem Flusse, bloss um die Begegnung mit Männern zu verhüten, wodurch die Obias an Kraft verlieren würden.
Ihre Staatswirthschaft ist sehr einfach; Gesetze und Advokaten sind ihnen ganz fremd. Ueber jede Kleinigkeit, die sie nicht begreifen, über jeden neuen Vorfall in der bewohnten Colonie werden Palavers oder sogenannte Gruttus gehalten, zu welchen die Aeltesten und Kapitäne sich bei dem Oberhaupte versammeln, wo man um die Wette streitet und schreit, so dass man am Ende so weise nach Hause geht, als man gekommen ist.
In ihrem Umgange sind sie gegenseitig sehr höflich und tituliren einander mit Herr und Madame, äffen überhaupt in Allem die Weissen nach. Unter sich sind sie sehr gastfrei und geht einer in ein anderes Dorf, so findet er überall freie Kost und Wohnung; doch bestehlen und betrügen sie einander bei jeder Gelegenheit und sind eben so argwöhnisch gegen sich, als gegen die Blanken.
Obgleich Faulheit ein Hauptzug ihres Charakters ist, in dem sie den Indianern ziemlich gleichen, so haben sie doch bedeutend mehr Bedürfnisse, als jene, und sind daher genöthigt, zu deren Anschaffung Dinge zu pflanzen oder zu suchen, welche sie bei den Weissen austauschen können. Diese Handelsartikel sind bei denen, welche weit im Innern wohnen und auf ihren Reisen viele Wasserfälle zu passiren haben, meistens Tonkabohnen, die Früchte der Dipterix odorata, Reis, Schildkröten oder Jagdhunde, welche letztere sie von den Taruma- oder Barokotto-Indianern eintauschen, die zwischen dem 56.-57. Längengrade in der Nähe des Aequators wohnen. Diese Jagdhunde sind von mittlerer Grösse, kurzhaarig, meist weiss und schwarz oder roth gefleckt. Sie haben einen langen Schwanz und stehende Ohren und sind auf die verschiedenen Wildarten, als Tapire, Pingos, Pakire und Pakas abgerichtet und werden sehr theuer bezahlt. Sie sind bissig und falsch, vielen Krankheiten unterworfen und leben im niedern Lande nicht lang. Der Haupterwerb der Buschneger aber ist der Holzhandel. Sie fällen und behauen Bauholz in den unterhalb der Wasserfälle gelegenen Waldungen und bringen dieses in sogenannten Kokrokos zum Verkaufe nach der Stadt oder den Pflanzungen. Da die meisten Hölzer schwerer als das Wasser sind und in demselben sinken, so werden die Balken mittelst zweier Querhölzer, die über die Corjaal liegen, mit Lianen daran befestigt und auf diese Weise geflösst, wobei die Corjaal also den Gewichtsunterschied des Holzes im Wasser trägt. Da sie im Behauen des Holzes sehr geschickt und behend sind, dasselbe nichts kostet und sie überdiess ans Land keine Abgaben bezahlen, so kann man das Holz bedeutend wohlfeiler von ihnen bekommen, als es die Holzgründe liefern können. Sie sind also für diese gefährliche Concurrenten. Auf die Pflanzungen liefern sie ihr Holz gegen Dram, Melassin, Zucker und Bananen und die Quantität dieser Produkte, welche sie auf diese Weise jährlich ausführen, ist sehr beträchtlich.