Etwa einen Monat nach meiner Ankunft auf dem Posten wurde unser schwarzer Kamerad abgelöst, und ein anderer kam an seinen Platz. Dieser hiess Liverpool, sein Neger- oder gewöhnlicher Name aber war Brokkodjokko. Er galt für einen grossen Wisiman (Zauberer), guten Jäger und grossen Trunkenbold. Die beiden letzteren Eigenschaften besass er gewiss, von ersterer aber sah ich nie etwas. Er ging häufig auf die Jagd, war nicht so geizig, wie sein Vorgänger, liess es nie an Cumu fehlen, und war um einen Schnaps zu Manchem bereit. Ich verstand sehr wenig, beinahe nichts von der neger-englischen Sprache, und unser Diskours musste häufig pantomimisch geführt werden.
Mein blanker Kamerad wurde ebenfalls abgelöst und nicht ersetzt. So war ich denn nun allein mit meinem Schwarzen und es vergingen desshalb Tage, ohne dass ein Wort über meine Lippen kam. Ich führte, seitdem ich allein war, meine eigene Menage, und mein Frühstück bestand aus Buschthee (Blätter eines Heliotrops) oder Cumu, wozu geröstete Bananen oder Brod mit in heisser Asche gebratenen Buschfischen genossen wurde. Des Mittags kochte ich die Universalkost, Bananen, entweder ganz, mit Speck, oder zerschnitten und im Wasser zu einer Art Brei gekocht, mit Fleisch oder Fischen. Das Abendessen bestand aus den Ueberbleibseln der Mittagskost. Dies war mein Küchenzettel für alle Tage der Woche, die ausgenommen, an welchen ich nach Mauritzburg musste, oder Brokkodjokko etwas schoss. Affen und Faulthiere brachte er häufig nach Hause, und Abomas (Riesenschlangen) wurden gut geräuchert, und mit grossem Appetit verspeist. Obwohl Soldat, war ich doch im Besitz einer uneingeschränkten Freiheit, nie jagte mich die Ladenglocke, die ich so oft verwünscht, von meinem frugalen Mahle auf. Der Insektenfang und die Fischerei beschäftigten mich den ganzen Tag. Die freie Luft und das kalte Wasser des Kreek erhielten mich gesund und munter, und jetzt noch, nach 15 Jahren, denke ich sehr gerne an jenes freie, sorgenlose Leben zurück.
Die Regenzeit hatte Anfangs Juni ihren höchsten Grad erreicht, und der Weg nach Imotappie glich seiner ganzen Länge nach einem grossen Sumpfe. Des Tages zweimal untersuchte ich auf demselben meine Maschoas, deren letzte eine Viertelstunde vom Posten entfernt war[ [2]. Häufig sah ich ganze Truppen von Fischottern, hier Wasserhunde genannt, welche in den Kreeken Fische fingen. Sie gleichen an Gestalt und Grösse den europäischen; ihr Fell ist äusserst fein, oben graubraun, unten gelb. Obwohl sehr neugierig, sind sie doch äusserst schlau, und man bekommt sie nur selten, weil sie gleich untertauchen.
Eines Tages sah ich, als ich das Gras auseinanderschob, um durchzukommen, einen grossen Tapir vor mir auf dem Wege stehen, der, nicht weniger erschrocken als ich, in die Kreek sprang und mich über und über bespritzte.
Einige Zeit lang jagte Brokkodjokko sehr unglücklich; er schrieb sein Missgeschick der Schwangerschaft eines seiner Weiber zu. Dieser wunderbare Glaube herrscht unter den Negern und Eingebornen allgemein. Kaum war auch sein Weib, eine Sklavin des Holzgrundes Copie, niedergekommen, so brachte er den ersten Pakir mit nach Hause. Es war ein grosses, gegen 60 Pfund schweres Thier, von dessen Fleische wir mehrere Tage lang gut lebten. Vieles davon räucherte er, und versah mit diesem die Kindbetterin.
Nachdem er wieder die ganze Woche nichts geschossen hatte, ging er Freitags darauf mit der Versicherung in den Busch, abermals einen Pakir zu bringen, den er nur heute, sonst nie schiessen werde. Gegen 11 Uhr schleppte er wirklich einen, der den ersten noch an Grösse übertraf, nach Hause. Es war mir diess unbegreiflich, da ohne Hunde selten Pakire geschossen werden. Sein Versprechen konnte wohl für Prahlerei gehalten werden, das der Zufall in Erfüllung gehen liess. Doch wunderbar ist es, dass er den dritten Freitag nach abermaliger Voraussage den dritten heimbrachte. Aufschlüsse über die Art und Weise seiner Jagdkunst erhielt ich nie; das einzige, was ich sah, war die Unterhaltung mit seinen Obias, deren er am Leibe und in seinem Pakara verschiedene hatte.
Er war ein wunderlicher, von Aberglauben vollgepropfter Kerl, übrigens ein guter Christ; unter Anderem verstand er auch das Schneiden gegen den Schlangenbiss. Sein Treff verpflichtete ihn, kein Schildkrötenfleisch zu essen.
Anfangs Juni an einem Sonntage musste ich Briefe nach Imotappie bringen. Der Weg war schlecht, und überdiess hatte ich noch 36 Pack Patronen bei mir, die für die Besatzung dieses Postens bestimmt waren. Ein Fuss langer, alter Hauer war meine einzige Waffe. Schon hatte ich die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich auf einem etwas trockenen Platze einen ganz jungen Tiger von der Grösse einer Katze liegen sah, der, sobald er mich erblickte, sich auf den Rücken legte, und nach Katzenart mit den Pfoten um sich schlug. Ich steckte ihn in meine Mütze, welche ohne Futter einen grossen Sack bildete. Ausser mir vor Freude, dachte ich gar nicht an die Gefahr, von seiner Mutter, die sicher in der Nähe war, aufgespürt zu werden. An Vertheidigung wäre nicht zu denken gewesen; denn obgleich der Jaguar niemals Menschen angreift, hätte er mich doch in diesem Falle zerrissen. Daran zu denken, hatte ich aber keine Zeit. Ohne Kopfbedeckung und nur mit dem Thierchen beschäftigt, das unaufhörlich schrie und miaute, lief ich aus Leibeskräften, um so schnell als möglich nach Imotappie zu kommen. Ich kam daselbst so erhitzt an, dass ich keinen Laut von mir geben konnte.
Der Lieutenant, dem ich meine Briefe übergab, sowie alle umstehenden Soldaten des Postens, wunderten sich theils über das niedliche Thier, theils über meine Kühnheit, es mitgenommen zu haben. Man rieth mir, es zu tödten und erst den andern Morgen nach meinem Posten zurückzukehren, um nicht der Alten, die das Junge suchen werde, in die Klauen zu fallen; allein ich schämte mich, Furcht zu verrathen und trat Nachmittags gegen 2 Uhr den Rückweg an. Ich setzte den jungen Jaguar, der immer noch schrie, in den Batatta, worin ich die Patronen gebracht hatte, und lief so schnell, als es der schlechte Weg erlaubte. Doch schon beim Anfange des Weges bereute ich es, mich so unnöthig in solche Gefahr begeben zu haben. Das kleinste Geräusch im Busche trieb mir die Haare in die Höhe, und ich bekenne, dass ich nie herzlicher gebetet habe, als wie ich mich der Stelle näherte, wo ich den kleinen Schreier gefunden hatte. Glücklich erreichte ich mein Haus, wo Brokkodjokko, nichts vermuthend, mir den Batatta abnahm, dann aber, als er des Tigers ansichtig wurde, wie ein Narr vor Freude in der Kammer herumsprang und mich mit Lobeserhebungen überhäufte. Er wollte sogleich nach Mauritzburg, um das Wunder zu erzählen und die Briefe zu überbringen.
Ich schlachtete alsbald einen Hahn, von welchem mein kleiner Gast etwa den vierten Theil frass.