Ich halte Alles, was man von dergleichen Mysterien erzählt, für Fabel, und auch das Schneiden gegen Schlangenbiss, woran so allgemein geglaubt wird, ist gewiss nichts weiter als Charlatanerie.
Während der langen Zeit meines Aufenthaltes in Surinam habe ich hinlänglich Gelegenheit gehabt, die meisten Schlangenarten kennen zu lernen, und ich bin davon überzeugt, dass, zum Glück der Bewohner, unter allen Schlangen bloss höchstens zehn Procent giftig sind. Die ungiftigen halten sich entweder im Wasser oder auf Bäumen auf, sind lang und schlank, mit langem, geisselartigem Schwanz versehen, rasch in ihren Bewegungen und ergreifen sogleich die Flucht. Sie sind beinahe alle von lebhaften Farben; zuweilen, wie die Corallenschlange, prächtig roth, gelb oder blau oder grün, wie die Papageienschlange.
Beinahe alle lieben die Sonne und liegen in den Zweigen der Bäume. Häufig kommen sie in die Häuser, wo sie unter den Cingeln (Sokeln) nach Insekten, Fröschen und Eidechsen jagen.
Es sind überhaupt hübsche und reinliche Thiere, die in jeder Beziehung nützen. Die Aboma- oder Riesenschlangen sind eben so wenig giftig, werden aber dadurch schädlich, dass sie den Enten und anderem Federvieh nachstellen.
Man kennt zwei Arten derselben, wovon die erstere oben dunkelgrau, mit schwarzen, herzförmigen Flecken geziert ist; die untere Seite dagegen ist blassgelb und am After befinden sich zwei Haken. Sie lebt im Wasser, und man trifft sie meistens am Ufer der Flüsse, wo sie in den Zweigen der Bäume, zu Klumpen zusammengerollt, tagelang liegt. Diese Schlangen erreichen zuweilen eine furchtbare Länge, und es soll im Jahr 1834 auf Victoria eine von 44' Länge geschossen worden seyn, was ich jedoch nicht verbürgen kann.
Die andere Art ist die Hochlands-Aboma (Boa canina), hier Papaschlange genannt, ein Abgott vieler Neger. Es ist nicht leicht ein schöner und regelmässiger gezeichnetes Thier zu finden. Sechseckige, hellbraune Flecken laufen auf dem Rücken hin bis zum After, während auf den Seiten braunrothe, aschgraue, schwarze und weisse Flecken abwechseln. In der Sonne schillert alles in Regenbogenfarben. Ihre Länge beträgt etwa 12' und ihre Dicke kommt der eines starken Menschenschenkels gleich.
Die giftigen Schlangen sind besonders daran zu erkennen, dass sie meist kurz und dick sind, auch einen kurzen, runden Schwanz haben. Sie haben einen flachen, beinahe dreieckigen Kopf und eine dunkle, wenig ins Auge fallende, meist braune oder schwärzliche, schmutziggelbe oder schwarzgefleckte Farbe. Die meisten haben sogenannte Kielschuppen. Meist liegen sie träge in Löchern von Bäumen, an feuchten, dunklen Orten und lassen sich lange reizen, ja sogar treten und schlagen, ehe sie beissen. Ueberhaupt scheinen sie ihre tödtliche Waffe nicht gerne zu gebrauchen, und die ihnen nachgesagte Falschheit oder List sind Prädikate, welche man mit demselben Recht jedem anderen Thiere beilegen könnte. Hat nun einer, der gegen den Schlangenbiss geschnitten ist, die feste Ueberzeugung, dass ihn keine Schlange beisse, so ist es ihm gar leicht möglich, dieses träge Thier zu fassen, ohne gebissen zu werden. Diess könnte auch ein Jeder thun, ohne geschnitten zu seyn, und ich bezweifle, ob ein Geschnittener, wenn er gebissen wird, mit heiler Haut davonkommt.
Unter den weissen Gefangenen im Blockhause war einer, der, obgleich im Sklavenkittel, durch seine Unterhaltung mich für alle Gesellschaft meiner Kameraden entschädigte. Er hiess Alexander Bariteaud und war ein geborner Franzose. Als Capitän unter Napoleon, hatte er den Dienst verlassen und war Befehlshaber einer Caper-Goelette im Dienst von Buenos Ayres geworden. An der Küste von Guinea nahm er ein grosses, zum Sklavenhandel ausgerüstetes, brasilianisches Schiff, dessen Equipage er, wie man sagte, in eine Schaluppe aussetzte und mit der Prise nach den Antillen segelte, wo er eine holländische Brigg traf, der er sich ergab, und die nun beide Schiffe nach Surinam brachte.
Nach langem Prozesse, in welchem die Landjustiz eine von der der Marine verschiedene Meinung äusserte, wurde er, wie seine zwei Offiziere, als Seeräuber behandelt und zu zwanzigjähriger Festungsarbeit verurtheilt. Die Equipage, welche aus etwa 40 Mann von allerlei Nationen bestand, wurde freigegeben. Der Schooner und die Prise wurden auf Rechnung des holländischen Gouvernements verkauft.
Schon sieben Jahre hatte er in der Gefangenschaft zugebracht, war auch von allen Kommandanten schonend behandelt worden. Obschon seine Haare bleichten, blieb doch sein Sinn fest und Unterwürfigkeit war ihm fremd.