Gesang und sittsame Erzählungen wechselten ab, und um diese Soirée noch interessanter zu machen, zog sich einer der Soldaten nackt aus, theils um die Gesellschaft durch allerlei gymnastische Sprünge und Stellungen zu unterhalten, theils um den Schiffsjungen, die über Mosquittosstiche klagten, zu zeigen, wie wenig er darauf achte. Ich liess sie machen, was sie wollten, weil ich fest davon überzeugt war, dass ein Verbot nichts helfen würde. In der Bäckerei sass ich die halbe Nacht, mit dem Schreiben eines langen, ausführlichen Rapports an den General-Gouverneur beschäftigt, was bei der Unzahl von Mosquittos, die in Legionen mich umschwärmten, keine Kleinigkeit war. Meine Hände waren auch in Folge unzähliger Stiche so rauh, wie ein Reibeisen geworden und das Papier war mit Blutflecken besäet. Zum Glück war es jedoch nur das Concept, das ich bei Tag ins Reine schrieb. Es war bereits nach Mitternacht, als ich in meine Wohnung mich zurückzog, um da eine Schlafstelle zu suchen.
Der Lärm in der Kaserne war verstummt; denn die meisten lagen wie bewusstlos am Boden und fühlten keine Mosquittosstiche mehr; nur die Schiffsjungen, welche noch keine solche Säufer waren, liefen heulend und fluchend umher.
Ich hatte mein Bett an den Schiffskapitän, einen schon bejahrten Mann abgetreten; die zwei Passagiere hatten sich aus meiner und den Schiffsflaggen eine Art Zelt über ihre Matratzen gemacht, die Steuerleute aber und ich lagen auf dem Fussboden der Aussenkammer, wo es nicht möglich war, vor dem Gesumse und den Stichen dieser diabolischen Insekten ein Auge zu schliessen.
Mit Sehnsucht erwartete ich den Morgen. Plötzlich vernahm ich ein jammervolles Angstgeschrei, das auf dem Platze erscholl, und eilte hinaus, um die Ursache zu erfahren. Einer der Schiffsjungen, der noch nie in einem Tropenlande gewesen war, kam mir zitternd entgegen und erzählte von einem schrecklichen Thiere, das unter einem Stapel Bretter, worunter er sich vor den Mosquittos habe verstecken wollen, sässe. Ich untersuchte nun den Stapel und fand eine grosse Kröte, die durch ihren dumpfen Schrei den armen Jungen so erschreckt hatte.
In der Frühe des andern Morgens kamen beinahe alle Indianer des Dorfes mit ihren Corjaalen, von welchen die grösste, dem Kapitän der Indianer, Christian, gehörig, wenigstens 50' Länge und 5' Breite hatte. Er selbst, neugierig gemacht durch die Erzählungen des Indianers, der mich den vorigen Tag aufs Schiff brachte, hatte seine drei Weiber mitgenommen, von welchen die jüngste, kaum 16 Jahre alte, ihm besonders ans Herz gewachsen zu seyn schien.
Wir kamen schnell an Bord, und jetzt sah ich erst, wie gräulich die Matrosen den Abend zuvor hier gehaust hatten. Im Schiffsraum lag Alles durcheinander, wie Heu und Stroh, und vor den Glas- und Porzellanscherben war den Indianern besonders bange. Ich fand glücklicherweise einen Korb mit Stiefeln und Schuhen, von welchen ich den Männern austheilte, die freilich für ihre niedlichen Füsse die meisten zu gross fanden. Nun zog man ans Licht, was mir von Bedeutung zu seyn schien, und es wurden so schnell als möglich alle Corjaalen damit beladen. Es kostete wirklich keine geringe Mühe, das Völkchen im Zaume zu halten und grössere Trunkenheit zu verhüten.
So verschiedene Getränke und Leckereien auch an Bord waren, so machte doch nichts auf diese Menschen Eindruck; nur Genever, Zwieback und Stockfische wurde von ihnen in Anspruch genommen.
Gleichgültig luden sie Alles, was ich ihnen bot, in ihre Corjaalen; nur als ich zufälliger Weise einige grosse Schachteln mit seidenen Frauenhüten, Blumen und Bändern fand, kamen Alle auf mich zu, mich darum zu bitten. Als ich ihnen den Plunder, der doch nicht viel werth war, überliess, fielen sie wie reissende Thiere darüber her, und die Vordersten, welche das Glück hatten, mehrere zu bekommen, setzten sie übereinander auf, während die, welche keine bekamen, sich nicht zufrieden geben wollten.
Mehrere blechene Büchsen voll sogenannter St. Nicolas-Kuchen, welche allerlei Figuren, als Dampfboote, Thiere u. s. w. vorstellten und mit kleinen Stückchen Schaumgold beklebt waren, erregten ihre Aufmerksamkeit in ebenso hohem Grade und zwar nicht wegen seines feinen Geschmackes, denn keiner wollte auch nur die Probe machen und davon essen, sondern wegen der Figuren, die sie so drollig fanden. Sie machten Schnüre daran und trugen sie so lange um den Hals, bis der Kuchen, von Schweiss und Wasser durchnässt, als Brei an ihnen herabfloss. Man denke sich nun ein paar Dutzend rothe, nackte Menschen in Stiefeln und Schuhen, mit stapelweise übereinander gesetzten und mit Blumen garnirten Damenhüten, behangen mit Colliers von Lebkuchen, die Masten und Schiffsleitern auf- und abklettern, Kisten und Fässer einladen und die Flaschenzüge versetzen, so kann man wirklich nichts Barockeres sich vorstellen.
Indessen wir Alle aus Kräften arbeiteten, sass das Oberhaupt mit seiner Frau in der Kajüte und trank eine Flasche nach der andern aus. Die mancherlei Getränke, welche sein junges Weibchen getrunken hatte, verursachten ihr einen solchen Rausch, dass sie ohne Bewegung am Boden lag, und mit starren Augen wie ein Schaf blöckte. Trostlos sass der total betrunkene, alte Mann neben seiner Liebsten, unvermögend, ihr beizustehen.