Wenige Tage nachher kamen beide Corjaalen wieder zurück, vollgeladen mit Eiern und einer Menge junger, sehr mager aussehender Vögel. Ich bekam nun etwa hundert von diesen Eiern, welche grün und schwärzlich gedupft und von der Grösse kleiner Hühnereier waren. Sogleich machte ich mich daran, einen Eierkuchen zu backen, fand aber zu meinem Verdruss, dass nur ein frisches Ei dabei war. Alle übrigen waren entweder halbbebrütet und stinkend oder enthielten schon beinahe reife Vögel, welche sich noch bewegten. Desshalb glaubte ich, dass man wirklich dieses Geschenk für mich ausgelesen habe. Da ich nun aber durchaus Eierkuchen essen wollte, so fuhr ich sogleich in meiner Corjaal nach dem Dorfe, wo ich in jeder Hütte die Weiber mit dem Kochen der Eier beschäftigt antraf. Diese waren aber ebenso, wie die meinigen. In einer Brühe von stinkenden Dottern schwammen Vögel von allen Brutprocessen, reichlich mit spanischem Pfeffer gewürzt, und dieses Mahl wurde mit wahrem Heisshunger verzehrt.
Man würde bei einer solchen Lebensweise sich nicht verwundern, wenn gefährliche Krankheiten entständen; es ist diess aber nicht der Fall, und nur selten findet man kränkliche Personen.
Ausser den, mit den hier zu Lande herrschenden entsetzlichen Krankheiten, als Lepra und Elephantiasis heimgesuchten Personen, findet man höchst selten Gebrechliche, weder Krüppel noch Krumme, und wenn man an den nackten Leibern Wunden oder Narben wahrnimmt, so sind es immer ehrenvolle Zeichen eines Kampfes oder eines, in der Trunkenheit geschehenen Falles. Zeitenweise kommt es vor, dass Dissenterie unter ihnen grassirt, auch sind Wechselfieber häufig. Sie kennen übrigens eine Menge vegetabilischer Arzneien, welche meist von guter Wirkung sind. Ist die Krankheit ernsterer Natur, so wird ein geschickter Doctor oder Piaiman zu Rathe gezogen. Dem Kranken wird in seiner Hütte eine Art Zelt aus Camisen und anderen Tüchern zurechtgemacht und seine Hängematte darin aufgehangen. In einem andern ähnlichen Zelte sitzt der Piaiman, der die unentbehrliche Maraka (eine runde, hohle, kugelförmige Kalabas, durch deren Mitte ein Stock geht, dessen oberes Ende mit Rabenfedern geziert ist, und welche runde Quarzkörner oder Marowynesteine enthält), bei sich hat. Er bespricht sich in seinem Zelte mit dem bösen Geiste, der die Krankheit verursacht. Sein Gespräch ist bald flehend, bald drohend, jetzt brüllend, dann wieder mit Schluchzen und Weinen vermischt.
Je schwerer die Krankheit ist, um so mehr gibt sich der Piaiman Mühe, durch seine Drohungen dem Geiste Furcht einzujagen.
Man muss beinahe bezweifeln, dass eine Person im Stande ist, so verschiedene Stimmen nachahmen zu können; denn auf Alles, was der Piaiman dem bösen Geiste vorsagt, antwortete er selbst mit veränderter Stimme. Dabei tönt unaufhörlich die Maraca, deren Laut dem Gerassel von Erbsen in einer trockenen Blase gleichkommt.
Das Piaien dauert Nächte lang ununterbrochen fort, nur dass von Zeit zu Zeit der Doctor dem Kranken Tabaksrauch ins Gesicht bläst, oder seine Beschwörungen an der Hängematte selbst vornimmt. Als Hauptgenesungsmittel in äusserst schwierigen Fällen dient der Saft des Dakinibaumes, welcher sehr selten zu seyn scheint. Um diesen zu bekommen, hat der Piaiman erst die Erlaubniss der den Baum bewohnenden Geister nöthig, und erst nach manchen Unterredungen mit ihnen haut er die Oeffnung, aus welcher der Saft fliessen soll, in den Baum. Der Patient trinkt nun denselben als letztes Mittel, und es versteht sich von selbst, dass bei einer so wichtigen Kur der Piaiman die ganze Nacht bei dem Kranken zubringt und die Geister beschwört. Diese schweigen aber auch nicht still, sondern lassen sich in verschiedenen Stimmen, bald als Poweesen, Agamis, bald als Affen und Tiger hören.
Diesen Kuren habe ich noch nie beigewohnt, aber schon manche Nacht auf den Dörfern zugebracht, in der mich der Piaiman am Schlafen hinderte.
Auf Arzneien der Europäer setzen die Indianer wenig Vertrauen; sie gebrauchen dieselben zuweilen, nehmen aber, wenn nicht gleich ein günstiger Erfolg erzielt wird, sogleich ihre Zuflucht wieder zu ihren Hausmitteln. Chinin übrigens, das so schnell vom Fieber hilft, hat ihnen grosse Achtung eingeflösst. In dem Charakter des Indianers sind nicht viele Laster, aber auch wenige Tugenden vereinigt. Der Hauptzug, den die Caraiben mit den Arowacken gemeinschaftlich besitzen, ist Gleichgültigkeit. Der Augenblick regiert ihn und sein Interesse berücksichtigt er nur dann, wenn seine Laune hiezu gestimmt ist. Wie ein Kind wünscht er bald dieses, bald jenes zu besitzen, und scheut keine Mühe, um in den Besitz desselben zu gelangen. Vom Worthalten hat er keine Idee, und man kann sich desswegen nie auf ihn verlassen. Ebenso wenig weiss er, was Wahrheit ist, und lügt, wenn es sein Interesse erfordert.
Bei ihren wenigen Bedürfnissen achten sie auf ihr Eigenthum wenig; wenn sie z. B. Monate lang sich damit abgemüht haben, ein langes Stück Salemporis (blaugefärbter Baumwollenzeug) zu verdienen, so wird dieses entweder als Segel gebraucht, wenn sie kein anderes haben, oder in Fetzen zerrissen, um die Corjaalen damit zu stoppen.
Misstrauen hegen sie keines, verlassen Tage lang ihre Hütten, ohne ihr Eigenthum zu verbergen; die Diebstähle kommen selten vor; doch sind Getränke und Esswaaren vor ihnen nicht sicher, auch lassen sie wohl andere Gegenstände, die ihnen anstehen, mitspazieren. Im Allgemeinen sind sie faul und man findet desshalb wenige, die bemittelt sind.