Ihre Wanderlust ist sehr gross und wegen der unbedeutendsten Vorfälle machen sie grosse Reisen. Früher pflegten sie aus dem Lande der Makusis am Rupununi und Maho im Innern Guyana's Sklaven zu holen; doch scheint diess nicht mehr vorzukommen. Ich kannte noch ein solches Sklavenmädchen, welches Christian gehörte.
Ihre Leidenschaften sind, die Liebe zum Trunk ausgenommen, viel gemässigter, als die der Nordamerikaner; daher bezweifle ich auch, dass die Civilisation grosse Fortschritte bei ihnen machen wird.
Es wird freilich von uns gar nichts gethan, um sie auf eine höhere Stufe sittlicher Bildung zu bringen. Aber auch bei unsern Nachbarn, den Franzosen, welche sich die Bildung der Indianer sehr angelegen seyn und sie in Schulen unterrichten lassen, bemerkt man keine grössere Fortschritte. Der einzige Magnet, der sie anzieht, ist leider der Branntwein, und die Schnapsflasche darf nie leer werden, wenn sie Dienste leisten sollen. Wer ihnen einschenkt, ist ihr Freund. Für andere Dienste und Wohlthaten sind sie gefühllos; Dankbarkeit ist ihnen fremd. Auch Beleidigungen werden vergessen, und nie habe ich bemerkt, dass Händel oder Thätlichkeiten vorfielen, wenn der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, die Gemüther nicht erhitzt hatte.
Obgleich ihre Sinneswerkzeuge so ausgebildet und fein wie die der Nordamerikaner seyn mögen, so scheinen sie diesen doch im Allgemeinen nachzustehen, wozu freilich auch das milde Klima viel beiträgt, das bei so leichter Mühe alle Bedürfnisse befriedigt, während der Nordamerikaner bei ungleich rauherer Witterung sich alle Bedürfnisse erringen muss.
Mein Detachement, das aus dem Bäcker und zwei schwarzen Soldaten bestand, wurde abermals abgelöst und durch vier Weisse ersetzt, zu welchen der Bäcker den fünften ausmachte. Die Besatzung war desshalb wieder auf dem alten Fusse.
Ich hatte mir bis jetzt alle Mühe gegeben, von den Indianern eine Corjaal zu kaufen, um selbst kleine Wasserfahrten machen zu können. Sie hatten aber, so viel ich auch um eine bot, keine überflüssige für mich. Endlich fand ich zufälligerweise eine schöne, 18' lange Corjaal von Cedernholz, die von irgend einem Indianerdorfe vom Strom mitgeführt und durch die Fluth an den Strand war geworfen worden. Sie hatte ihrer ganzen Länge nach drei ungeheure Risse, und es kostete desshalb viele Mühe, bis das Fahrzeug von seinen Schäden kurirt war. Doch gelang diess nach zwei Tagen anhaltender Arbeit vollkommen. Die Risse hatte ich durch mit Werg umwundene Stöcke ausgefüllt, diese verpicht und darüber der ganzen Länge nach oben und unten lange Streifen Eisenblech genagelt. Meine Probefahrt nach der andern Seite des Flusses überzeugte mich von der Vortrefflichkeit meiner Arbeit.
Zu Ende März schrieb mir der Kommandant von Armina, dass der Schooner abermals unterwegs sey, um den Rest der geretteten Güter abzuholen, und dass er damit seine Frau (Haushälterin) erwarte. Zugleich ersuchte er mich, diese Dame freundlich zu behandeln und ihn von ihrer Ankunft sogleich in Kenntniss zu setzen. Ich hatte dieses Frauchen noch nie gesehen und erwartete desshalb in ihr eine Mulattin oder Mestizin, welche meistens die Haushaltung lediger Unteroffiziere führen, dieselben nach den Posten begleiten und sich manchmal mehr Autorität anmasen, als eine rechtmässige Frau.
Solche Missis verkauften (ich rede da von längstvergangenen Zeiten) gewöhnlich auf den Posten Alles, was der Soldat in seiner Junggesellenwirthschaft nöthig hat, als: Zucker, Caffee, Tabak, Butter, Käse, Saife u. s. w. an denselben auf Credit. Der Betrag wurde aber, wenn die Soldgelder von Paramaribo kamen, davon vom Kommandanten abgezogen. Geht ein Fahrzeug nach der Stadt, so hat der mitgehende Corporal tausend Commissionen in Paramaribo zu bestellen und ist er nicht eifrig genug, so weiss die Missi es ihm später schon einzubrocken. Oft geht aber die Dame selbst mit, um bekannte Pflanzungen heimzusuchen, und sich dort mit Zucker, Caffee, Dram u. s. w. zu versehen und in der Stadt recht billig einzukaufen. Der grösste Theil des Soldes wandert dann, besonders wenn sie noch unter der Hand Schnaps verkauft, was aber der Kommandant natürlich nicht wissen darf, in ihre Geldbüchse. Eine solche Dame dachte ich ebenfalls auf dem Schooner zu finden, und fuhr aus grosser Galanterie demselben entgegen.
Ich bewillkommte den Schatz meines Kommandanten auf negerenglisch, das ich in dieser Zeit zum Entzücken schlecht sprach. Die Dame gab sich mir aber sogleich als Holländerin zu erkennen, und enthob mich desshalb der Verlegenheit, in der armseligen Creolensprache mich auszudrücken.
Sogleich schrieb ich an den Kommandanten, dass seine Haushälterin (welches Wort ich aber bei reiflicher Erwägung zu anstössig fand und in Madame umwandelte) nebst dem Doctor angekommen sey. Um die glückliche Ankunft dem Lieutenant so schnell als möglich zu melden, sandte ich die ganze Besatzung bis auf den Bäcker weg. Da ich aber bloss einen einzigen Pagai im Vermögen hatte, so mussten drei der mitgehenden Soldaten bis zum nächsten Arowackendorfe mit den Samenkapseln der Maripapalme rudern; dort konnten sie von meiner Freundin, dem Oberhaupte des Dorfes, drei Pagais entlehnen.