Jetzt glaubte ich für einige Zeit Ruhe zu haben; denn die Lebensmittel waren für sechs Monate zugleich gekommen und das geleerte Wrack konnte meinen Kommandanten nicht mehr reizen, mich mit Extrabesuchen zu beehren. Wiewohl ich das Wrack eigentlich nur zum Spasse gekauft hatte, hoffte ich dennoch nach näherer Besichtigung Vortheil daraus zu ziehen.

Unter den Soldaten hatte ich einen alten Kupferschmied, der, obwohl ein Erztrunkenbold, durch sein Handwerk doch von grossem Nutzen für mich war.

Gleich beim ersten Besuche an Bord fanden wir das Steuerruder, von dem wir die metallenen Nägel und Ringe, sowie die grossen gegossenen Hacken abschlugen. Blei und Eisen wurde ebenfalls nicht verachtet und um letzteres zu bekommen, steckten wir das Vordertheil des Schiffes in Brand, wodurch wir mehrere Centner Nägel und Stäbe erhielten, welche zu Hause gereinigt wurden.

Täglich gingen wir zu Viere an Bord, arbeiteten während der Ebbe und fuhren nach Hause, wenn das Wasser wieder zu hoch stieg. Dabei bekam jeder der mir Helfenden 50 Cents und zwei Schnäpse für die Reise, und ich hatte alle Ursache, mit ihrem Eifer zufrieden zu seyn.

Schon längst hatte ich gehört, dass auf der französischen Seite eines benachbarten kleinen Flusses ein Etablissement und ein Nonnenkloster wären, auch gleich in der ersten Zeit meines Hierseyns der Aebtissin geschrieben und sie um die Erlaubniss gebeten, ihr meine Aufwartung machen zu dürfen. Kurze Zeit darauf bekam ich auch eine förmliche Einladung, von welcher ich Gebrauch gemacht hätte, wenn nicht die Menge von Waaren, welche ich zu beaufsichtigen hatte, und die immerwährenden Besuche vom Kommandanten mich davon abgehalten hätten. Da alle diese Schwierigkeiten beseitigt waren, miethete ich zwei Indianer und fuhr in meiner kleinen Corjaal, die ich mit einigen Fässchen Butter und anderen Kleinigkeiten zum Verkauf beladen hatte, dahin ab.

Das Wetter war still und trübe und wir waren mit anbrechendem Tage an der französischen Seite der Marowyne. Eine wohl drei Stunden lange Schlammbank, die bei Ebbe trocken wird, erstreckt sich bis an die Mündung des Amanabo, an dessen linkem Ufer zwei Stunden aufwärts das Etablissement sich befindet. Vom rechten Ufer dieses Flusses aus erstreckt sich ebenfalls eine Bank weit in die See und beide bilden auf diese Weise einen schmalen Canal, durch welchen nicht tief gehende Schiffe einlaufen können. Wir fuhren ganz nahe am Ufer, da man ungeachtet der Fluthzeit die Wirkung derselben beinahe nicht verspürte. An beiden Seiten bildet der Mangrove einen schützenden Wall gegen das Schlagen der Wellen und an seinen zahllosen Zweigen und Ausläufern findet man bei der Ebbe eine Menge der köstlichsten Austern. Aber man muss diesen Genuss durch die Stiche von Millionen Mosquittos theuer erkaufen.

Etwa eine halbe Stunde flusseinwärts fuhren wir unter einem überhängenden Baume durch, auf dem ein prächtiger Jaguar lag, den wir an seinem herabhängenden Schwanze leicht in die Corjaal hätten ziehen können. Ohne sich von der Stelle zu rühren, sah uns das schöne Thier aufmerksam an und wir störten es auch nicht weiter, weil ich kein Gewehr hatte und die Indianer bloss mit Fischpfeilen versehen waren. Erst nachdem wir uns etwa 50 Schritte entfernt hatten, verliess auch er seine Stelle. Endlich gegen 10 Uhr erblickten wir das Zuckerfeld des Klosters und kurz darauf stiegen wir nahe am Jungfernzwinger ans Land.

Die Aebtissin und mehrere Herren kamen mir entgegen, empfingen mich wie einen alten Bekannten und da man gerade am Essen sich befand, das ganz klösterlich excellent war, so liess ich es mir köstlich schmecken.

Ma chère mère, so titulirte man die Aebtissin, war trotz ihres Alters eine sehr lebhafte Dame, so dass ich anfangs Mühe hatte, ihre schnelle Sprache zu begreifen und gehörig zu beantworten. Sie war die Stifterin des Ordens des soeurs de St. Joseph de Cluny, einer Congregation, die aus Nonnen besteht, welche sich meist dem weiblichen Unterrichte widmen und theils in Frankreich selbst, theils in den französischen Besitzungen in Ost- und Westindien und in Afrika zu diesem Zwecke sich aufhalten. Dieses Etablissement hiess Mana und war früher von freien Negern bewohnt, die aber meist durch Verrath und Krankheit weggerafft wurden.

Das französische Ministerium hatte diejenigen Neger, welche nach Schliessung des Tractats wegen Abschaffung des Sklavenhandels noch aus Afrika in Cayenne eingeführt wurden, frei erklärt, um sie aber von der Sklavenbevölkerung zu trennen, nach dem abgelegenen Mana gebracht, wo sie der Leitung dieser Madame Javouhey, Generaläbtissin, übergeben wurden. Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden und das Etablissement Mana war gewissermaasen eine für sich selbst bestehende und von Cayenne beinahe unabhängige Colonie. Die Neger, etwa 600-700 Köpfe stark, bauten das Land und lieferten ihre Produkte, die in Erdfrüchten, als: Reis und Maniok bestanden, ins Magazin des Klosters ab, wo man sie ihnen theils mit Waaren, die sie nöthig hatten, theils mit Geld bezahlte. Ein grosser Theil der männlichen Bevölkerung fällte für Rechnung der Congregation Bau- und Möbelholz, das an den Ufern des Amanabo leicht und von vorzüglicher Güte zu bekommen war.