Nach einer Reise von 24 Stunden landeten wir den 1. November in Paramaribo, und es fiel mir wieder aufs Neue schwer, mich ans enge Joch des Dienstes zu gewöhnen. Mein alter, mir wohlwollender Kommandant, welcher Kapitän meiner Compagnie war, hatte mir auch dieses Avancement ausgewirkt. Meine Finanzen und häusliche Einrichtung waren in guter Ordnung, und meine Lage und Aussichten ganz vortheilhaft. Dessenungeachtet fühlte ich stets in der Stadt den Mangel eines Freundes, der meine Freuden und Genüsse mitempfand, und zur Heiterkeit und angenehmen Gesprächen nicht erst durch den Geneverkrug gereizt werden musste. Auf den Posten hatte mich die freie Natur entschädigt, aber jetzt wurde der Wunsch, meine Freunde und Familie in Europa wiederzusehen, immer lebhafter. Es war aber noch ein langes, langes Jahr, und desshalb jeder 9. eines Monats ein kleiner Festtag, der die Zahl meiner Dienstmonate verminderte.

Während der Zeit meines Aufenthaltes an der Marowyne ward in der Stadt eine hübsche Komödie, die Thalia genannt, durch Actien errichtet, welche jeden Monat einmal das kunstliebende Publikum Paramaribo's in sich versammelte. Die Schauspieler sind Dilettanten, angesehene Bürger von Paramaribo oder Blanke. Meistens werden veraltete Kotzebue'sche Lust- oder Schauspiele aufgeführt.

Nicht das Spiel, das mittelmässig ist oder von dem grössten Theil der Zuschauer nicht beurtheilt werden kann, noch Decorationen oder Musik wären hier für einen Fremden das Merkwürdige, sondern die Zuschauer selbst, namentlich der weibliche Theil derselben. Von dem tiefsten Schwarz der wohlbeleibten Negerdamen, bis ins Bleiche der europäischen Schönen sieht man hier alle Nüancen aufgeputzt, nach oder über Vermögen mit Schmuck und Juwelen verschwenderisch behangen. Manche dieser Schönen leidet lieber Mangel, als dass sie diese Gelegenheit, wo sie sich zeigen kann, versäumt.

Die Preise der Plätze sind hoch, und das Parterre kostet als der niederste fl. 2. 50 Cent. Concerte sind selten. Sie werden ebenfalls von Liebhabern gegeben, und in ihnen verschiedene Instrumente meisterhaft gespielt.

Die Komödie Thalia, welche in der ersten Zeit häufig besucht wurde, spornte den Ehrgeiz einiger unternehmenden Mulatten an, eine Gesellschaft unter dem Namen Polyhymnia zu bilden, welche als Concurrent der Thalia bei niederen Preisen die zahlreiche Klasse der Farbigen belustigen und erfreuen sollte. Man eröffnete die Bühne mit einem Ziegler'schen Schauspiel: der Findling. Eine sogenannte Houtloots, ein bretternes, etwa 80' langes, 12' hohes und 25' breites, früher zur Aufbewahrung von Brettern und Balken bestimmtes Gebäude war nun zum Polyhymnias-Sitze provisorisch eingerichtet. Logen und Gallerien konnten natürlich bei der geringen Höhe und Breite des Hauses nicht angebracht werden. Man begnügte sich daher blos mit der Erhöhung des Fussbodens, so dass die auf dem letzten Platze Stehenden ihre Köpfe an die Decke stiessen. Dabei herrschte eine Hitze zum Ersticken.

Ganz Paramaribo strömte dahin; die Farbigen, um das Talent ihrer Gleichsortigen zu bewundern, die Weissen, um jene zu persifliren; und wie sehr man auch die Menschen aufeinanderstapelte, so mussten doch viele abgewiesen werden. Eine zum Ganzen passende Musik wurde glücklicherweise durch das Getöse der Zuschauer unhörbar gemacht.

Nach einem Prologe, der hierin ein Geschick mit der Musik theilte, begann der erste Akt. Die Rolle der Prima Donna ward bei dem Mangel einer Actrice durch einen schlanken Mulattenjüngling gegeben; und jede neu auftretende Person, der ehrwürdige, mit schneeweisser Halskrause versehene (Neger) Pfarrer mit lautem Hurrah des fröhlichen Publikums begrüsst. Es war des Applaudirens kein Ende, so dass die hinten Stehenden wenig sprechen hörten, und nur an den ausdrucksvollen Pantomimen den Zusammenhang des Stücks erriethen. Beim Schlusse fand das Quasi-Fräulein seine Mutter wieder, die der Pfarrer verschleiert hereinführte. Sie schlug, um die wiedergefundene Tochter zu umarmen, den Schleier zurück, worauf ein Gelächter erschallte, dass man glauben sollte, das Haus stürze davon ein; denn die zärtliche Mutter wurde von einem Neger gespielt, dessen Gesicht mit Locken sich zum weissen Kleide und Blumenhut allerliebst ausnahm. Doch man sah und hörte beim Schlusse vor Getümmel und Beifallrufen nichts mehr, und ging nach Hause, ohne Reue, sein Geld weggegeben zu haben. Eine Restauration in der Nähe des Tempels sorgte ihrerseits für gute Erfrischungen, und Mancher, der auf den Bänken eingeschlafen war, fand sich bei seinem Erwachen unter denselben.

Der Ruf der Polyhymnia war nun begründet, und diese Muse, zu langsilbig und fremd für die Farbigen, wurde desshalb bei Verkürzung Pulehembi genannt, welches Wort verdeutscht: »Zieh das Hemd aus« bedeutet. Der Reiz der Neuheit war aber schon nach wenigen Vorstellungen verschwunden und die Gesellschaft der Pulehembi löste sich auf.

Im Anfang des Jahres 1841 war die Huldigung für unsern König Wilhelm II. Ein schöner, heiterer Tag begünstigte diese Festlichkeit. Würdevoll und wohlklingend war die Rede, welche der General-Gouverneur bei dieser Gelegenheit den versammelten Truppen hielt und sie verfehlte den Eindruck nicht, den sie machen sollte. Den meisten Gefangenen wurde der Rest ihrer Strafzeit geschenkt; auch Alexander Bariteaud war in dieser Amnestie mitbegriffen und verliess nach siebenjähriger Gefangenschaft Surinam.

Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich einer andern militärischen Ansprache, welche kurze Zeit nach meiner Ankunft in Surinam der älteste Kapitän an das versammelte Bataillon und insbesondere an mehrere Soldaten richtete, die wegen langjähriger Dienstzeit kupferne oder silberne Medaillen mit oder ohne Geldgeschenk erhielten, die nun der Kapitän, an welchen sie vom Kriegsministerium gesandt waren, vor der Front des Bataillons auszutheilen hatte. Er trug das Geld und die Medaillen in seinen Hosensäcken und lief damit die Front des Bataillons entlang, indem er an die Betreffenden ihre Auszeichnung mit den Worten überreichte: Ihr bekommt eine kupferne, Ihr eine silberne Medaille, Ihr bekommt dabei 6 fl., Ihr nichts u. s. w. Nachdem er alle ausgetheilt hatte, sprach er die Beschenkten also an: Diess gibt Euch nun Euer König, weil Ihr ihm treu gedient habt und damit Ihr auch ferner treu dienen sollt; aber wenn Ihr sie putzt, d. h. glänzend reibt, so steck ich Euch 14 Tage ins Loch! Eingerückt!