Mein Garnisonsleben war natürlich viel einförmiger, als das auf den mir so lieben Posten, wo ich stets mein eigener Herr war, während hier so mancher an mir meistern konnte. Doch war der Dienst leicht und ich wurde von meinen Vorgesetzten stets wohlwollend behandelt. Die Sonntage, an welchen man weder exerzirte, noch arbeitete, waren von mir meistens zur Insektenjagd in der Umgegend benützt und ich kam so zu einer schönen Sammlung, die ich nach Europa mitnehmen wollte.
Ich hatte nun im Laufe von 5 Jahren die entferntesten Posten der Colonie besucht und schon längst war es mein Wunsch gewesen, das höhere Land am Surinamstrome und die Dörfer der Buschneger zu sehen. Meine militärischen Verhältnisse aber und noch mehr die, mit solchen Reisen verbundenen Kosten, setzten, wenn ich sie auf eigene Rechnung unternommen hätte, grosse Hindernisse in den Weg. Es kam mir daher die Einladung eines deutschen Doctors, Hrn. H. in Paramaribo, der am oberen Surinam Pflanzen und zoologische Gegenstände sammeln und mich zu seinem Begleiter haben wollte, sehr erwünscht. Leicht erhielt ich einen dreiwöchigen Urlaub und wir fuhren Mitte Augusts in einem sechsriemigen Tentboote dahin ab. Die langen, lästigen Regengüsse der nassen Jahreszeit hatten aufgehört. Zwar war das Land noch überschwemmt und der Strom in Folge der Menge Wasser aus dem obern Lande reissend, doch schien uns ein heiterer Himmel zu begünstigen.
Mit anbrechender Nacht landeten wir auf einer Zuckerpflanzung, deren Director ein Freund Hrn. H's. war und Allem aufbot, seinen Gast recht gut zu bewirthen. Die Tafel war wohlbesetzt mit inländischen und europäischen Früchten und Speisen. Wein war in Hülle und Fülle aufgetischt und sie bildete desswegen einen mächtigen Contrast mit der Mittagstafel der Unteroffiziere in Paramaribo, auf welcher als Krone der ausländischen Speisen eine Schüssel graue Erbsen oder Sauerkraut prangte, deren Inhalt mit klarem Brunnenwasser hinuntergespült wurde.
In der Frühe des andern Morgens setzten wir unsere Reise in einem andern unbedeckten Boot fort, das mit Lebensmitteln, Rum für die Indianer und Neger, Kisten zur Aufbewahrung von Naturalien, Gewehren u. s. w. so bepackt wurde, dass uns beinahe kein Plätzchen zu freier Bewegung übrig blieb. Es herrschte eine drückende Hitze; kein Lüftchen regte sich und selbst das Stromwasser, in dem wir von Zeit zu Zeit Gesicht und Hände wuschen, war lau und unangenehm. Nachdem Gesicht und Hände von der Sonnenhitze fürchterlich verbrannt waren, landeten wir auf der Zuckerpflanzung Chatillon, auf welcher auch von der bekannten Gastfreundschaft der Plantagenbewohner keine Ausnahme gemacht wurde.
Des Abends fuhren wir weiter. Als die Sonne sank und die Luft milder wurde, zog ein fürchterliches Gewitter heran. Der Regen floss in Strömen herab und die heftigsten Donnerschläge folgten rasch aufeinander. Dabei herrschte eine egyptische Finsterniss. Wir waren gerade in einer Gegend, wo wenige Pflanzungen liegen und mussten desshalb geduldig das Ende des Gewitters abwarten. Gegen Mitternacht erreichten wir die Judensavanne, wo wir in einem leeren Hause, das man Hrn. H. zur Verfügung gestellt hatte, unsere Hängematten aufhingen und bald in den Armen des Schlafes uns von den Strapazen des Tages erholten.
Kaum war der Tag angebrochen, so erhob eine Negerin in dem angrenzenden Hofe ein gräuliches Klagegeschrei, weil ihr in der Nacht eine Henne gestohlen ward; sie verwünschte den Dieb unter allen nur möglichen Flüchen. Gleichzeitig mit diesen Exclamationen erscholl aus dem nebenanstehenden Hause der Schmerzensruf einer alten Jüdin, die an der Kolik litt, und kaum öffneten wir die Läden unserer Zimmer, als schon einige Kranke Hrn. H., der als ein geschickter Doctor sehr gesucht war, besuchen wollten. Es waren diese Besuche um so lästiger, als Hr. H. sich bloss mit der Natur hier beschäftigen wollte und ihn nach keiner Praxis verlangte. Wir eilten desshalb, um allen Besuchen vorzubeugen, in die Savannen. Die Vegetation derselben war gerade in der schönsten Pracht und die Savannen, welche einige Monate später so trocken und öde erschienen, waren mit den herrlichsten Blumen und Sträuchern bedeckt. Ein Neger trug das zum Einlegen nöthige Fliesspapier, nebst dem Schmetterlingsnetz und einer Flinte. Wir verliessen den gewöhnlichen Pfad und kreuzten rechts und links durch die wilden Ananas, die in dichten Gruppen unter dem niedrigen Gesträuch stehen und besonders den nackten Negern und Indianern keine Rosen in den Weg streuen. Wir erreichten bald ein Indianerdorf, das aus einigen Hütten bestand, die von Caraiben bewohnt wurden. Kleine Kinder, welche spielten, meldeten schreiend unsere Ankunft und die wenigen Indianer, welche zu Hause waren, erkundigten sich hauptsächlich nach unserem Rumvorrath. Wir ruhten hier ein wenig aus und assen Cassavebrod mit Ananas, da wir, durch die freundschaftlichen Besuche der Juden verhindert, nur ein sehr mässiges Frühstück genossen hatten. Mit Pflanzen beladen kehrten wir am Abend nach unserem Hause zurück, begleitet von einem jungen Caraiben, den der Anblick des vielen Rums, von welchem wir sechs grosse Krüge, jeder drei Gallonen enthaltend, im Hause stehen hatten, so für uns einnahm, dass er sich sogleich anbot, bei uns zu bleiben und uns seiner Freundschaft bis auf den letzten Tropfen Rum versicherte.
Den folgenden Tag durchstreiften wir auf gleiche Weise die Umgegend und wurden dabei von unserem Indianer an Plätze geführt, an die wir ohne Führer nicht leicht hätten gelangen können. Ueberdiess schoss er mit stumpfen Pfeilen Kolibris und andere kleine Vögel und ruderte, wenn die Reise zu Wasser vor sich ging. Einer von Hrn. H's. Negern, ein guter Jäger, versah die Küche mit Wildprät, indem er bald Pakire, Ameisenfresser oder Papageyen und hühnerartige Vögel nach Hause brachte, die verspeist, skelettirt oder ausgestopft wurden.
An jedem der folgenden Tage hatten wir Arbeit genug und sassen manchmal noch bis Mitternacht beim Sortiren und Trocknen der Pflanzen.
Eines Morgens gingen wir in Begleitung eines jungen Negers durch die endlosen Savannen, um an einen alten Judenkirchhof zu kommen, welcher oberhalb des Dorfes am Strome lag. Die Savannen waren mit baumartigen Sträuchern bewachsen, welche blauschwarze, süssliche Beeren trugen, die man Schwarzbeeren (Blakabeeri) nennt und von den Eingebornen gerne gegessen werden. Unter diesen Sträuchern stehen wilde Ananase in solcher Menge, dass man sich mit dem Säbel den Weg bahnen muss. Eine Menge Orchideen, mit langen Bulben und wohlriechenden Blumen bedeckt, wachsen zwischen den krummen Aesten und Wurzeln der Sträucher. Wir irrten drei Stunden lang durch den glühenden Sand, abgemattet von der Hitze, welche durch kein Windchen gemildert wurde und konnten den verwünschten Kirchhof nicht finden, obwohl er nur eine gute Viertelstunde vom Dorfe ab lag. Mit Ananasen und den in der Erde wachsenden länglichen Früchten einer Bromeliacee löschten wir unsern Durst; aber der herbe Saft dieser Früchte machte uns das Zahnfleisch bluten und die Zähne so stumpf, dass wir am andern Tag noch Mühe hatten, das Essen zu kauen.
Endlich erreichten wir den Wald, der in Schluchten und auf Hügeln den Strom umsäumt und bemerkten, dass wir uns gänzlich verirrt hatten. Abermals liefen wir eine gute Strecke, um einen Ausweg zu finden und den langweiligen Rückweg durch die Savannen zu ersparen. Es war aber keine Spur von einem Weg zu finden. Ungeheure, in Folge ihres Alters umgesunkene Bäume, die auf ihrer halbverfaulten Rinde eine ganze Flora von Wucherpflanzen trugen und zwischen deren Aesten ein, viele Klafter langes, schneidendes Gras, Babunnefi (Affenmesser) üppig wuchs, lagen überall herum und mussten durchkrochen oder überstiegen werden. Wir warfen den grössten Theil der gesammelten Pflanzen wieder weg, da auch der Negerjunge zu schwach war, um sie zu tragen.