Berühmt und eine der größten Sehenswürdigkeiten des Orients war im Mittelalter der künstlich angelegte, durch den heiligen Quell aufs beste bewässerte und sorgfältig bewachte Balsamgarten von Matarea, eine Stunde von Kairo, am Rande der Wüste, in dem die besten Balsamsträucher der Erde (eine Varietät von Balsamodendron gileadense Kunth) gezogen wurden, die den Sultanen von Ägypten den kostbaren «Balsam» (Meccabalsam) lieferten ([Fig. 8]).

Fig. 8.
Der Balsamgarten von Matarea mit der Bethalle und (links) dem Bewässerungswerk. Rechts die Gewinnung des Balsams. Aus Pomet, Hist. gen. des drogues 1694. Verkleinert.

Im Mittelalter, währenddessen sich ja fast das ganze geistige Leben in die Klöster zurückgezogen hatte, waren in Europa die Klostergärten (auf die ich im historischen Teile noch zu sprechen komme) Hort und Hüter, und da die Klöster untereinander in Verbindung standen, auch Verbreiter der Arzneipflanzenkultur. Daß diese auch außerhalb derselben blühte, ist wohl das Verdienst des Capitulare de villis et cortis imperialibus KARLS DES GROSSEN, dessen Pflanzen noch heute in den Bauerngärten Frankreichs, Deutschlands, Österreichs und der Schweiz den Stamm der dort kultivierten Gewächse bilden. Im Mittelalter waren auch sog. (schon in Pompeji bekannte) Viridarien, die den Bedarf einer Stadt oder einer Apotheke an Drogen zu decken hatten, häufig und noch im XV. Jahrh. gehörten sie zu einer wohleingerichteten Apotheke in Italien und Deutschland. Zweifellos ist der zur Westgotenzeit auf dem Monte Casino gestiftete Benediktinerorden als gemeinsame Quelle der altdeutschen Gartenkultur und damit auch der der volkstümlichen Heilkräuter anzusehen. Er war es, der die Heilpflanzenkultur im Mittelalter über die Alpen brachte und in den Klostergärten heimisch machte. Sie ist also ein Erbteil der Römer, die man als die eigentlichen Schöpfer des Gartenbaues überhaupt betrachten muß (s. d. historischen Teil). In dem um 1240 geschriebenen Werke De vegetabilibus libri VII gedenkt der Benediktiner ALBERTUS MAGNUS in dem Kapitel de plantatione viridariorum auch der Arzneipflanzenkultur.

Daß Crocus und Melisse im X. Jahrh. in Spanien, Isatis tinctoria schon 1290 um Erfurt, und Süßholz (ursprünglich auf Befehl der Kaiserin Kunigunde, «culturam liquiritiae saeculi primum XI initio in agro Bambergensi instituit S. Cuningundis imperatrix» sagt WALAFRIDUS STRABO) im XV. Jahrh. bei Bamberg gebaut wurde, ist sicher. Aber noch früher, wohl schon im XIV. Jahrh., wurde Süßholz in Italien kultiviert (CRESCENTI) und auch die spanischen Kulturen sind sicher sehr alt. Im XV. Jahrh. brachten es die Benediktiner nach Bamberg, und schon zu CORDUS Zeiten hatte die Kultur dort großen Umfang angenommen. Auch in WALTER RYFF Reformierte deutsche Apotheke, Straßburg 1573, finden sich einige Angaben über Arzneipflanzenkulturen, z. B. von Süßholz bei Bamberg. Arzneipflanzenkulturen bestanden im XVI. Jahrh. in Deutschland vielfach. So berichtet BOCK über solche des Coriander (er nennt ihn fälschlich Anis) bei Metz und Trier, solche des Anis bei Straßburg und Speier, solche der Mandel in der Pfalz. Auch Melisse wurde damals viel kultiviert. SEBITZ scheint 1591 den Kalmus bei Straßburg verbreitet zu haben. (SEBITZIUS, de alimentorum facultatibus lib. V. Argent. 1650). JOHANN BAUHIN (Histor. plant. II 1650) verpflanzte den Kalmus aus süddeutschen Gärten nach Montbéliard. Eingeführt und durch Mitteleuropa verbreitet wurde der Kalmus um 1564 durch CLUSIUS, dem um die Arzneipflanzenkultur viel verdienten pater pharmacognosiae. Amygdalus wurde in Straßburg, Breslau und Torgau angebaut, Angelica bei Stettin, im Harz, in Sachsen und in Steiermark. Auch Cardobenedicten wurde vielfach gebaut. Kümmel, der sicher aus Kulturen stammte, traf ANGUILLARA als Großhandelsartikel auf der Rialtobrücke. Römische Kamille ward bei Stolberg, Torgau, Basel, Straßburg gebaut. R. CYSAT kultivierte in seinem Garten in Luzern Kirschlorbeer.

Auch über Kulturen von Angelica bei Freiburg besitzen wir Nachrichten aus der ersten Hälfte des XVI. Jahrh. Sie sind längst eingegangen. Anis und Fenchel wurde schon im XII. Jahrh. in Castilien und Icon gebaut, Iris im XIII. Jahrh. in der Umgegend von Florenz. Letzteres berichtet CRESCENTI, in dessen landwirtschaftlichem Werke Opus ruralium commodorum aus dem Jahre 1305 wir überhaupt viele Angaben über Arznei- und Nutzpflanzenkulturen finden. In Meddygon Myddfai (XIII. Jahrh., s. [Geschichte]) findet sich die Angabe, daß jeder Arzt für seinen Gebrauch Aconit anbauen solle.

Ein Zentrum der Arzneipflanzenkultur in Italien war in früherer Zeit Aquila in der Provinz Abruzzo ulteriore secondo, dem Vestinerland, wo man z. B. Crocus («Safran vom Adler») viel kultivierte, der auch in England (zwischen Saffron Walden und Cambridge), in der Schweiz (Wallis, Basel), in Deutschland (Altenburg, Landau, Worms), in Niederösterreich (Meissau, Ravelsbach, Krems, Melk, Hürm, Loosdorf, Tullnerfelde), in Ungarn (Neutra und Premsin), in Frankreich (Agen, Narbonne) ehedem gebaut wurde. Die Aufführung zahlreicher Sorten Safran in PAXIS Tariffa (1540) deutet auf eine ausgebreitete Crocuskultur in Italien im XVI. Jahrh. In Italien wurde Cassia obovata im XVI. Jahrh. bei Florenz gebaut. Sie hieß «toskanische Senna» und wurde auch in Südfrankreich und Spanien kultiviert. Cassia acutifolia hatte ANGUILLARA 1561 in seinem Garten. Indigopflanzungen befanden sich gar schon 1239 bei Palermo in Sizilien. Alle diese Kulturen sind jetzt eingegangen.

Im XV. Jahrh. scheint Indigo auch in Spanien gewonnen worden zu sein (HÄBLER). Das Zuckerrohr kam im XII. Jahrh. aus Indien zuerst in das Mittelmeergebiet (Malta oder Melite — Saccharum meliteum —, Candia — S. candum —, Sizilien), dann (Anfang des XV. Jahrh.) auf die Azoren und Canaren — Canarizucker — und bereits im XVI. oder Ende des XV. Jahrh. nach Südamerika und Westindien, wo es sich rasch akklimatisierte. Über die Einführung der Kultur des Zuckerrohres nach Frankreich im XVI. Jahrh. berichtet FOURNIER (Bull. de Géogr. histor. 1903).

Fig. 9.
Kräutergarten und Destillierherd. Holzschnitt (um 1530) vom Meister des Trostspiegels.