Fig. 74.
Das geschnittene und entblätterte Zuckerrohr wird auf Ochsenkarren verladen und in die Mill gebracht (Kuba).
[Nach Stromeyer & Wyman.]

Wie GROSIER 1787 aus China berichtete, wurde der Ginseng, den nur der Kaiser sammeln durfte, alljährlich durch eine kaiserliche Armee von 10000 Soldaten eingesammelt, für die eine peinliche Ordnung bestand und die während der sechs Sammelmonate im Freien kampieren mußte.

Die Einsammlung der heiligen Mistel durch die Druiden in Gallien wurde mit großem Pompe durchgeführt (CHÉRUEL). «Nil habent», sagt auch PLINIUS, «Druides visco et arbore in que gignetur, si modo sit robur, sacratius.»

Die Einsammlung der arzneilich angewendeten Pflanzen und Pflanzenprodukte war ehedem, soweit es sich um einheimische handelte, ausschließlich Sache der Apotheker oder von diesen beauftragter Leute. Heutzutage, wo nur in einigen Gegenden noch der Apotheker selbst sich damit beschäftigt und die Drogen von den Händlern gekauft werden, ist die Einsammlung meist Sache der Drogenhandlungen geworden, die die Landbevölkerung zu dem Geschäfte heranziehen. So werden in jede Drogenhandlung vom Frühjahr bis zum Herbst zahlreiche, meist kleine Posten eingeliefert, die auf dem flachen Lande von den wildwachsenden Pflanzen gesammelt wurden. In größerer Menge werden in Deutschland von wildwachsenden einheimischen Pflanzen jetzt eigentlich nur noch die sogenannten narkotischen Kräuter (Digitalis, Belladonna, Conium, Hyoscyamus) und Samen, sowie einige Wurzeln und Rhizome (Gentiana, Filix, Calamus, Taraxacum) gesammelt (vgl. im übrigen die Tabellen auf [S. 65]). Die Einsammlung, meist seit altersher in den Händen einiger Familien, geschieht im allgemeinen zu einer Zeit, die der Höhe der arzneilichen Wirksamkeit des betreffenden Pflanzenteils entspricht, so daß gegen die Art dieser Einsammlung im großen und ganzen nichts einzuwenden ist. Auch vor Verwechslung wissen sich die betreffenden Sammler, trotzdem ihnen eigentliche botanische Kenntnisse abzugehen pflegen, zu bewahren. Langjährige praktische Erfahrung ersetzt hier das wissenschaftliche Verständnis. Immerhin kommen Verwechslungen doch noch da und dort vor. So wird, um nur ein Beispiel anzuführen, vielfach das aspidinhaltige Rhizom von Aspidium spinulosum an Stelle des Filixsäure enthaltenden Rhizoms von Asp. Filix mas gesammelt. Um sich vor diesen Verwechslungen zu bewahren, sollte zwar der Drogist mit ausreichenden botanischen Kenntnissen ausgerüstet sein. Da er es jedoch oftmals nicht oder nur in geringem Maße ist, so liegt es dem Apotheker ob, die von dem Drogisten aus zweiter Hand gekauften Waren auf ihre Identität und Reinheit zu prüfen. Damit er dies kann und sich also vor Benachteiligung oder gar vor schwerem Schaden zu bewahren vermag, muß er pharmakobotanisch gut geschult sein. Jedenfalls darf es der Apotheker niemals unterlassen, die gekauften Drogen einer sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen, da es oft genug vorgekommen ist, daß ganz unschuldigen Kräutern giftige beigemengt waren.

Fig. 75.
Cane Shed. Das geerntete, von den Blättern befreite Zuckerrohr vor der Verarbeitung (New Orleans).
[Mugnier phot.]

«Die Einsammlung der nicht narkotischen Kräuter, Wurzeln, Samen usw. geschieht ebenfalls von der Landbevölkerung. Die «Kräutersammler, Wurzelgräber, Botaníker» — mit dem Ton auf dem i — wie sich die Leute nennen, suchen die oft nur ihnen bekannten Standorte der betreffenden Pflanzen zu der Zeit auf, die als die beste durch die Tradition bezeichnet wird. Selten ist es möglich, sie eines Besseren zu belehren, wenn die Zeit, in der sie seit altersher die Droge sammelten, sich vielleicht durch systematische wissenschaftliche Untersuchungen als unvorteilhaft erwiesen hat. Mit der ganzen Zähigkeit, die den Landmann auszeichnet, halten sie an ihren Vorurteilen fest, und es ist um so schwerer, auf diese Sammler durch Belehrung einzuwirken, da sie auch jetzt noch, wennschon in viel geringerem Maße als früher, beim Volke selbst in einem gewissen Ansehen stehen, da ihnen «der Pflanzen Wirkung und Heilkraft» bekannt ist. Sie sind gewissermaßen die Erben der Rhizotomen Griechenlands und der mittelalterlichen Naturärzte und fungieren als solche auch auf dem Lande oft genug noch jetzt.

Ein großes, wissenschaftlich noch wenig bebautes Feld der Drogenkunde ist das, welches sich mit der Frage beschäftigt: in welchem Monate besitzt die betreffende Droge die größte Menge ihrer wirksamen Bestandteile? Es ist dies eine Aufgabe der Pharmakophysiologie ([s. d.]). Erst für eine verhältnismäßig kleine Anzahl Drogen kennen wir den Zeitpunkt ihres maximalen Gehaltes genau und doch ist die Kenntnis desselben das Hauptmoment für die Wahl der richtigen Einsammlungszeit. Auch hier hat freilich der natürliche praktische Sinn und ein gewisses naturwissenschaftliches Taktgefühl mit divinatorischem Scharfblick oft das Richtige erraten, was nachträglich durch die Wissenschaft bestätigt wurde (s. oben [S. 82]). Bei vielen unterirdischen Reservebehältern z. B. verrät sich die Erfüllung mit Reservematerial oft schon durch das pralle Aussehen. Immerhin wird darauf stets Bedacht zu nehmen sein, daß dieselben nur zu der Zeit gesammelt werden, die der maximalen Erfüllung mit Reservestoffen entspricht, also zu einer Zeit, wo sie weder noch nicht vollständig erfüllt, noch bereits zum Teil entleert sind.