Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:
„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“
„Den jeder Christ beten muß,“
„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“
„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“
Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen Stuben und dabei an die kranke Frau.
Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht blickte.
„Nicht einschlafen! — Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? — Er ist schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht — oder — oder soll — soll der Herr Doktor hereinkommen und — und zuerst sagen, ob schon wer mit Ihnen reden darf? — Er wartet schon seit einer halben Stund’ — der Herr Doktor — da draußen im Nebenzimmer —“ Frau Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. — Soll’ns glauben! — Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem eine gewisse Beruhigung giebt.“
Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause — eine ängstliche Pause — und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen, damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter..., und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig hinaus.
Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar. Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken, der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett, wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.