So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.

„Ei, freilich!“

Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen und die ich nimmer los bekam.

So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.

Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der „blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre Ausstattung hergerichtet habe.

„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“

„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster —“ sagte der einsame Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.

In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber schwatzten sie doch lauter.

Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich Caroline hieß, zum erstenmale genau.

Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die Alten büßen wolle.