„Na, was weiter? — der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“
„So, so! — Ich hab’ halt g’meint — die G’schicht mit dem Kloster, schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. — Warum denn justament in’s Kloster?“ —
„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes Warum hat ein Darum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:
„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“
Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die Rede davon war:
„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches Weibsbild Bücher? — Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“
Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten sich unhörbar... sie sprach leise.
Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich gesucht hat?