Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab... ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...
Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende, sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.
„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche mittheilte.
Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“ rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.
„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht, daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden, derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte der Laternanzünder.
Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.
Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen, die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.
Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen und räuspern.
Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.
Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle, welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das Haus nie mehr betreten...