Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen hat...
*
**
Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...
Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben, daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland. Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und was sie nur gelesen habe.
Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede, wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.
In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher, wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick. Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des kleinen Mädchens.
Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.
In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:
„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der Pferdbub’ gesagt.“
Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“, wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.