„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder, wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.
„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig, „der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir putzen — Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine Hemdärmeln.“
„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und fuhr erregt fort:
„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt, der Sali — sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! — daß der Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! — Draußen im Ausland — dort, von wo sie hergekommen ist — da ist ein Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt, verurtheilt und eingesperrt.“
„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr nächster Verwandter wäre.
„Ja, wie ich Ihnen sag’! — Und der „Onkel Euschön“, von dem meine Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich das erst! — der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel weiterleben kann.“
Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten, und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“ schloß sie erschöpft.
Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken; sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu. Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel steifer Haare so im Flug sichtbar.
„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“
„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.