„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was giebts?“

„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen... hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh... giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!... darf... ich?“

Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.

„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’ kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem krummen Bein auf die Diele.

„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die Roserl kurz, und weg war sie.

„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, ein solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“

Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in das Haus.

In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer flatterte ihr entgegen und sagte lachend:

„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein, ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als ob sie selber schon tanzen wollte.

Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere, bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.