In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz. Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:
„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“
„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.
Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben. Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her, bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.
„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?... Du!?“
„Rosi.“
Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler, zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.
Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß. Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes. Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und schaute mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das fremde Kind heran.
„Du! Dingsda! komm her! — Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre, Du Range?“