Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr. Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich draußen oder in irgend einem Haushalt etwas Ungewöhnliches begab. Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck herstellte.

Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck, aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge, die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und bekräftigendes: Ja! — Ja!

Beistimmend wiederholten die Weiber dieses „Ja... ja,“ nur eine zog ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer Anderen:

„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem und mit einem jeden von unseren Buben.“

„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau Weiß stand.

Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln. Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat, durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab nieder und murmelte stotternd vor sich:

„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“

Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.

„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine Schramme über das ganze Gesicht hatte.

„Ah! — he? — rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit fieberhafter Lustigkeit: